Einen Raunen ging unlängst durch die Astronomenszene, als die Forschungsergebnisse des Teleskops "Kepler" bekannt wurden: In nur einem Jahr hatte es 54 der 1235 bislang von ihm entdeckten Exoplanetenkandidaten als erdähnlich eingestuft – und sie alle befinden sich in einer Zone, die Leben ermöglichen könnte. Insgesamt 500 Millionen Planeten allein in unserer Galaxie könnten lebensfreundlich sein, schätzen die Forscher. Sollten sie tatsächlich Kreaturen beherbergen, würde das unser irdisches Dasein wohl revolutionieren: Wie zum Beispiel würde außerirdisches Leben ins Weltbild der großen Religionen passen?

"Bislang hat die Theologie diese Frage kaum untersucht", urteilte etwa Nidhal Guessoum, Astrophysiker an der American University of Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten während der letzten Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science in Washington. Der gläubige Muslim hat sich in mehreren Büchern mit der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Religion beschäftigt. "Für einen Muslim ist der Koran die Grundlage aller Lebensfragen", erklärt Guessoum, und darin finde sich seiner Meinung keine Aussage, die außerirdisches Leben ausschließe. Die Annahme, Gott habe das Universum allein für uns geschaffen, grenze für manchen Muslim sogar an Blasphemie. Zudem gebe es Suren, die sich als Hinweis auf weitere Welten verstehen ließen. So heißt es beispielsweise in Sure 65: "Allah ist es, der sieben Himmel geschaffen hat, und von der Erde ebenso viel."

Und schon Abdullah Yusuf Ali, der vor gut 75 Jahren den Koran ins Englische übersetzte, befand: "Leben ist nicht begrenzt auf unseren einen kleinen Planeten." Als der französische Physiker Maurice Bucaille 1976 prüfte, ob die Schriften der Weltreligionen Widersprüche zur Wissenschaft enthielten, kam er zu dem Schluss: "Gemäß dem Koran können Erden wie die unsere im Universum gefunden werden." Für abgeschlossen hält Guessoum das Thema damit allerdings nicht. Es gebe zwei Strömungen unter den Islamforschern. Die eine betrachte den Menschen als eine Art unter vielen Arten unterschiedlicher Intelligenz in einer kontinuierlichen Schöpfung. Die andere halte den Menschen für das Zentrum allen Seins. "Wenn wir nun aber noch höhere Lebensformen als uns entdecken sollten – sind wir dann immer noch das Zentrum des Universums?" fragt Guessoum.

Pragmatiker im Vatikan

Pragmatisch sehen auch die führenden Köpfe der katholischen Kirche die Frage nach Aliens: 2009 beschäftigte sich der Vatikan mit dem Thema und lud zu einer Konferenz über Astrobiologie. Damals lautete das Fazit schlicht, alles Leben sei von Gott geschaffen, weiteres Leben zu finden sei daher unproblematisch. In der Tat seien neun von zehn Christen überzeugt, dass die Entdeckung außerirdischen Lebens ihren Glauben nicht beeinträchtigen würde, berichtete die US-Astronomin Jennifer Wiseman in Washington – sie widmet sich mit dem Dialog zwischen Religion und Wissenschaft. Theologisch gebe es hingegen sehr wohl Fragen zu klären.

"Wenn Gott den Menschen nach seinem Ebenbild erschuf, was bedeutet das für außerirdische Lebensformen?" deutete Wiseman auf eine knifflige Frage. Gelte für Aliens die Erbsünde, wo sie doch gar nicht von Adam und Eva abstammen? Wurden Außerirdische ebenfalls durch das Opfer Jesu erlöst? Oder wie es der Astrobiologe Paul Davies etwas spöttisch zusammenfasst: "Jesus kam auf die Erde, um die Menschheit zu retten, nicht Delfine, nicht grüne Männchen." Und stellt sich auch im Christentum die Frage nach der Bedeutung der Menschheit als "Krone der Schöpfung", wenn wir intelligenteres Leben finden sollten? "Nein", antwortet Wiseman knapp nach ihren Gespräche mit Theologen, "unsere Bedeutung gibt uns allein Gottes Liebe zu uns."

Einen ganz anderen Blick auf die Thematik hat der Astrophysiker und praktizierende Jude Howard Smith. Smith bezweifelt trotz der hohen Zahl potenziell lebensfreundlicher Welten, dass die Menschheit in den nächsten 100 Generationen Kontakt mit intelligentem Leben haben werde. Kaum einer der vom Teleskop Kepler gefundenen Planeten dürften seiner Meinung nach lange genug lebensfreundlich gewesen sein, um höheres Leben entstehen zu lassen – und nur solches Leben sei für theologische Betrachtungen relevant. "Und vergessen Sie nicht, wie lang eine Zivilisation existiert", mahnt Smith. Die Frage sei daher eher: "Was bedeutet es für die Religion, wenn der Mensch allein im Universum ist?"

"Kritische Rolle in der kosmischen Ordnung"

Gemäß der Thora sei das Prinzip, dass der Mensch einzigartig ist, ein freudiges, erklärt Smith. Es drücke Stolz aus sowie Anerkennung unserer Segnungen. Es bedeute aber auch eine besondere Verantwortung: Der Mensch müsse danach streben, heilig zu sein. Weil das Universum perfekt sei, solle auch der Mensch Perfektion anstreben.

Sollte dennoch intelligentes Leben im All gefunden werden, beeinträchtige das den jüdischen Glauben jedoch nicht, so Smith. Schon im zwölften Jahrhundert schrieb Rabbi Shlomo Yitzchaki, dass es ebenso um andere Sterne herum Leben geben könne. Der Wissenchaftler findet daher eine andere Frage spannend: "Bedeutet Intelligenz automatisch freien Willen, wie wir ihn definieren?" Die gängige Antwort gehe auf Rabbi Chasdai Crescas und das 15. Jahrhundert zurück. Sie lautet: "Nein." Denn dazu müsse Gott den Außerirdischen die moralischen Gesetze der Thora enthüllt haben. "Und wozu sollte er das zwei Mal tun?" formuliert er das Dilemma.

Einen interessanten Blickwinkel bietet der Astrophysiker Smith schließlich noch für Atheisten. Gemäß einigen Implikationen der Quantenmechanik bestehe die Welt aus Wellenfunktionen bestimmter Wahrscheinlichkeiten. Werden sie beobachtet, "kollabieren" sie, und nur dann entstehen reale Objekte. Bereits der Physiker John Wheeler vermutete vor Jahrzehnten, dass das Universum den Menschen geschaffen haben könnte, um durch dessen Beobachtung Realität zu werden. "Wenn wir im Universum wirklich allein sind", folgert Smith, "dann hat die Menschheit eine kritische Rolle in der kosmischen Ordnung."