Israelische Forscher um Zvia Breznitz haben ein computergesteuertes Training vorgeschlagen, das die Lesefähigkeit erwachsener Legastheniker erheblich verbessern könnte. Nach Abschluss der 24-tägigen Übungsphase lasen die Teilnehmer im Schnitt so schnell wie typische Leser; auch im Textverständnis kamen sie auf Normalniveau. Der von den Wissenschaftlern der Universität Haifa beobachtete Effekt hielt mindestens sechs Monate an.

Breznitz und Kollegen luden 80 Probanden, davon 40 Legastheniker, zu einem Übungsprogramm ein, bei dem sie auf einem Computermonitor Sätze lesen sollten. Um die Teilnehmer unter Zeitdruck zu setzen, blendeten die Forscher vom Satzanfang beginnend nach und nach die Buchstaben aus. Zu Beginn orientierten sie sich an der individuellen Lesegeschwindigkeit, dann aber ließen sie das Tempo immer weiter ansteigen, solange der Proband inhaltliche Fragen zum vorhergehenden Satz korrekt beantwortete.

Standardisierte Tests zu Leseverständnis und Textbeherrschung bestätigten den erhofften Übungseffekt: Nach ungefähr zwölf Einheiten von einer guten Viertelstunde Länge (drei pro Woche) erreichte die Gruppe der legasthenischen Probanden das Niveau typischer Leser ohne Training. Die Vergleichsgruppe von Lesern ohne Legasthenie, die dasselbe Programm absolvierte, vervierfachte in der Zwischenzeit ihre Lesegeschwindigkeit. Eine ähnlich positive Wirkung zeigte sich beim Leseverständnis. Auch hier erreichten die Legastheniker nach Verlauf der 24 Übungstage Normalniveau; Nichtlegastheniker verzeichneten ebenfalls leichte Verbesserungen.

Zum Vergleich bewältigten weitere 30 Probanden während der Trainingsphase das gleiche Lesepensum wie die Testgruppe, allerdings ohne zeitlichen Beschränkungen unterworfen zu sein – hier blieb ein Effekt völlig aus. Die Forscher schlussfolgern daraus, dass der Zeitdruck entscheidend ist. Vor allem aber scheine es darauf anzukommen, wie die Sätze dem Probanden präsentiert werden, meinen Breznitz und Kollegen. Die Forscher sind keineswegs die Ersten, die Übungen zum schnelleren Lesen erproben; bisherige Methoden hätten jedoch nicht immer die erwünschte Wirkung gezeigt, besonders wenn das Lesen unter unnatürlichen Bedingungen eingeübt werde, die mit alltäglichem Lesen nur wenig zu tun hätten, schreiben die Wissenschaftler. Das sukzessive Ausblenden von Buchstaben eines Satzes könnte dieses Problem umgehen.

Welchen Veränderungen der Leistungszuwachs zu verdanken ist, sei allerdings nach wie vor offen. Bei vielen Legasthenikern, die als Kind kein effektives Lesetraining erhalten haben, hätten sich nachteilige Leseroutinen eingeschliffen, beispielsweise verharren sie deutlich länger auf einzelnen Wörtern oder springen zu oft im Satz zurück. Zeitdruck könnte die Teilnehmer dazu zwingen, diese ineffizienten Mechanismen zu Gunsten besserer aufzugeben. Noch bis vor Kurzem hatte man angenommen, dass das erwachsene Gehirn nicht mehr formbar genug sei, um solche über Jahre verfestigen Routinen durch neue zu ersetzen.