Vorbemerkung der Redaktion: Wir möchten uns nicht an Spekulationen darüber beteiligen, ob es sich beim Absturz der Germanwings-Maschine um den Suizid des Kopiloten, ein Attentat oder ein drittes Szenario handelt. Allerdings kursiert in den Medien vielfach bereits das Stichwort "erweiterter Suizid". Deshalb wollen wir an dieser Stelle die Fakten über dieses sehr seltene Phänomen zusammentragen.

Der Kopilot der abgestürzten Germanwings-Maschine war nach Angaben der Staatsanwaltschaft Düsseldorf offenbar wegen einer nicht näher bezeichneten Erkrankung in ärztlicher Behandlung und am Tag der Katastrophe sogar krank geschrieben. Damit wird in den Augen zahlreicher Beobachtern der Verdacht wahrscheinlicher, dass der 27-Jährige seinem Leben aktiv ein Ende setzen wollte – und dabei den Tod von 149 weiteren Menschen bewusst in Kauf nahm.

"Wenn ein Mensch 149 andere mit in den Tod nimmt, dann ist das für mich ein anderes Wort als Selbstmord", hatte Lufthansa-Chef Carsten Spohr am Donnerstag auf einer Pressekonferenz gesagt. Stunden zuvor hatte sich zwei Tage nach dem Absturz des Airbus A320 in den französischen Alpen eine tragische Wendung ergeben: Die französischen Ermittler berichteten, dass der Kopilot das Flugzeug offenbar vorsätzlich zum Absturz brachte, während der Pilot ausgesperrt war und bis zuletzt versuchte, die verschlossene Sicherheitstür zum Cockpit zu öffnen.

Tatsächlich kennt man seit jeher Fälle, in denen Menschen bei ihrem Suizid bewusst auch andere mit in den Tod reißen. Psychologen sprechen in diesem Fall von "erweitertem Suizid", wie Barbara Schneider von der LVR-Klinik Köln erklärt. Sie ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und leitet die Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung suizidalen Verhaltens der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. In aller Regel schließen die Betroffenen bei einem erweiterten Suizid allerdings Familienmitglieder oder andere nahe Angehörige in die Selbsttötung mit ein. Seltene Beispiele, die darüber hinausgehen können, sind etwa Amokläufe, bei denen es der Täter unter Umständen auch darauf anlegt, von Einsatzkräften erschossen zu werden, oder Geisterfahrten auf der Autobahn. Im Englischen sprechen Psychologen auch etwas weiter gefasst von "murder-suicide" oder alternativ "homicide-suicide".

Altruismus, Verlustängste und Rachegedanken

Doch was kann einen Menschen dazu bewegen, nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Menschen das Leben zu nehmen? "Grundsätzlich haben Untersuchungen gezeigt, dass ein Großteil aller Suizidfälle mit psychischen Erkrankungen im Zusammenhang steht", so Schneider. Bei manchen Betroffenen sei auch eine akute Lebenskrise ausschlaggebend. "Menschen, die erweiterten Suizid begehen, handeln manchmal aus vermeintlich altruistischen Motiven", sagt die Expertin. Das gelte etwa für Mütter, die ihre Kinder mit in den Tod nehmen, um sie nicht vermeintlich allein zurückzulassen. Wer sich gemeinsam mit seinem Partner umbringt, bei dem spielen oft Verlustängste eine Rolle – oder aber ebenfalls Rachegedanken. Das wäre ein Motiv, das sich auch auf fremde Opfer übertragen lässt: Man will andere genauso leiden lassen, wie man selbst gelitten hat.

Übersichtsarbeiten belegen, dass Phänomene wie "homicide-suicide" nur äußerst selten vorkommen: Die Rate liegt je nach Land bei unter 0,2 bis 0,3 pro 100 000 Einwohner – im Gegensatz zu rund 12 bis 13 pro 100 000 Einwohner bei herkömmlichem Freitod. Einflüsse wie Alkoholmissbrauch, Arbeitslosigkeit oder häusliche Gewalt scheinen eine wesentlich geringere Rolle für die Tat zu spielen als bei Mord und Totschlag allgemein, schrieben Schweizer Forscher um Matthias Egger im Dezember 2013 in einem Review. Die Täter sind zudem oft männlich und meist älter, wie auch eine Analyse von Scott Eliason von der University of Washington bestätigt. Speziell im Bezug auf Fälle, die über einzelne Familiendramen hinausgehen, ist die Literatur allerdings spärlich, sagt Barbara Schneider. Bei Taten mit besonders vielen Opfern und einem hohen Maß an Fremdaggression könne man aber durchaus zu Recht fragen, ob ein in welcher Form auch immer erweiterter Suizidbegriff überhaupt noch passe. Die Abgrenzungsfrage ist hier schwierig.

In der Luftfahrtbranche gab es bereits sehr vereinzelt Unglücke, die man mit einem Suizidversuch von Pilot oder Kopilot in Verbindung gebracht hat – auch wenn die Daten der US-amerikanischen Federal Aviation Administration laut einem Bericht der "Washington Post" von 24 Fällen sprechen, in denen amerikanische Piloten sich in den letzten 20 Jahren während eines Fluges umgebracht hätten. Diese Piloten flogen aber offenbar keine großen Passagiermaschinen. Zuletzt verunglückte 2013 eine Maschine der Mozambique Airlines in Namibia, bei der die Ermittler ebenfalls davon ausgehen, dass der Pilot die Maschine gezielt abstürzen ließ. Ob aber wirklich die Absicht zur Selbsttötung hinter solchen Vorfällen steckt, lässt sich schlussendlich kaum mit Gewissheit sagen.