Blau ist eine Farbe, sieben eine Zahl und riecht es nach Minze, liegt das wohl an der Teetasse vor Ihnen. Für manche Menschen aber ist sieben blau und hören sie nur das Wort "Prinzen", schmecken sie Minze so intensiv, als kauten sie gerade auf dem Teebeutel. Dahinter steckt nicht etwa eine lebhafte Fantasie oder Esoterik, sondern so genannte Synästhesie: Eine seltene Verknüpfung einzelner Sinne, bei der an sich spezifische Reize gleichzeitig mehrere, unsinnig wirkende Reaktionen hervorrufen. So wecken Zahlen beispielsweise Farbassoziationen oder Worte Geschmacksempfindungen, und zwar nicht jedes Mal andere, sondern wiederholbar diesselben.

Doch bleibt die Frage, was genau den gekoppelten Sinneseindruck anregt: Ist es die phonologische Verarbeitung des Wortes – was erklären würde, warum bei "Minze" aus "Prinzen" funktioniert? Oder ist es das Nachdenken über die Bedeutung des Gehörten?

Um das zu unterscheiden, machten Julia Simner von der Universität Ediburgh und Jamie Ward vom University College London ihre sechs Probanden sprachlos: Sie konfrontierten sie mit Bildern von so ungewöhnlichen Objekten, dass die Teilnehmer nicht gleich auf den Begriff kamen, sie also ein Tip-of-the-Tongue-Phänomen erlebten. Schnabeltier, Kastagnetten – in 89 von 550 Versuchen lag den Teilnehmern das Wort dafür zunächst nur auf der Zunge.

Wo sich aber der damit verknüpfte Geschmack längst breit gemacht hatte: Auch wenn die richtige Bezeichnung noch fehlte, berichteten 17 Freiwillige intensive Geschmackseindrücke, die auch wiederkehrten, wenn später über das Wort gesprochen wurde. Selbst wenn nach einem Jahr die Forscher noch einmal überraschend vor der Tür standen und danach fragten, bestätigten die Synästhetiker dieselben Wort-Geschmackspaare. Kastagnetten, zum Beispiel, bekamen von einer Frau mehrmals den Stempel Tunfisch – auch als ihr beim Bilderansehen das Wort zunächst fehlte.

Der Klang eines Wortes scheint also nicht unbedingt nötig zu sein, um Synästhetiker auf den Geschmack zu bringen. Vielleicht aber spielt er eine Rolle, welcher Eindruck überhaupt entsteht – ob Kastagnetten eben nach Tunfisch oder vielleicht nach Schokolade schmecken. So eigenartig diese Begabung übrigens klingt, ist sie wahrscheinlich gar nicht: Die Einzelwahrnehmungen beruhen auf grundlegenden kognitiven Mechanismen, und Magnetresonanzstudien zeigten, dass auch bei Nicht-Synästhetikern allein die Vorstellung eines Geschmacks entsprechende Regionen des Hirns aktiviert. Die hier untersuchte Form von Synästhesie – Wort-Geschmack – "könnte daher schlicht eine übersteigerte Form eines normalen Mechanismus darstellen", so die Autoren, "der Sprachdenken und sensorische Wahrnehmung verknüpft". Für die meisten von uns aber bleiben Prinzen mit Minzgeschmack höchstens eine Erfindung der Süßwarenindustrie.