Der Stelzenläufer und die Weißbart-Seeschwalbe gehören nicht gerade zu den häufigsten Tieren in Deutschland. Haben doch beide Vogelarten in den 1990er Jahren zum ersten Mal hier zu Lande gebrütet. Und das nicht etwa auf Grund ausgetüftelter Pläne von Naturschützern, sondern schlicht als Folge des Wetters und der Untätigkeit von Menschen: Im November 1995 tobte ein Herbststurm über der Ostsee, das Wasser stand fast zwei Meter über dem normalen Pegel und überschwemmte in der Nähe der Stadt Anklam nach einem Deichbruch ein einstiges Moor, das inzwischen zur Forstwirtschaft und als Weideland genutzt wurde.

Die Verantwortlichen fällten einen überraschenden Beschluss: Die Dämme werden nicht repariert und die Wassermassen nicht herausgepumpt. Seither beobachtet die Stadt, was auf dem 1800 Hektar großen Gebiet geschieht, das sich selbst überlassen bleibt. Zu den Höhepunkten dieser Entwicklung gehören sicher die für Deutschland ersten Bruten von Stelzenläufern und Weißbart-Seeschwalben.

Heute stehen von der neuen Wildnis hinter dem ehemaligen Deich gut 300 Hektar entsprechend der Fläche von 400 Fußballplätzen mehr oder minder tief unter Wasser. Wo einst Kühe weideten, liegt jetzt ein flacher See, in dem Schilf und Knöterich wachsen. Schwarzhalstaucher und Kiebitze, Tafel-, Löffel- und Stockenten haben hier ein neues Zuhause gefunden. Seeadler und Kraniche, Wendehals und Wespenbussard, Karmingimpel und Waldwasserläufer ziehen genau wie auch Biber und Fischotter hier ihren Nachwuchs auf.

Wiederauferstehen einer Küstenlandschaft

Auf dem Bahndamm der alten Strecke nach Usedom kann man trockenen Fußes in den Wald wandern. Von dieser leicht erhöhten Warte sieht der Besucher mächtige Eichenstämme und schüttere Birken, die sich im Wasser spiegeln. Höckerschwäne und ihr Nachwuchs pflügen ihren Weg durch einen dicken, hellgrünen Film aus Wasserlinsen. Da manche Baumarten mit gefluteten Wurzeln schlecht gedeihen, sind etliche Bäume schon abgesoffen und modern vor sich hin. An ihrer Stelle beginnt ein Moorwald mit Birken und Erlen zu wachsen, wie er andernorts in Deutschland kaum noch zu finden ist. Schütter ist ein solcher Wald, Löcher lassen viel Licht durch das Kronendach auf den nassen Boden fallen.

Das Anklamer Torfmoor entstand nach einer Sturmflut.
© Thomas Böhme / Anklamer Torfmoor / CC BY-SA 3.0 CC BY-SA
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Das Anklamer Torfmoor entstand nach einer Sturmflut, die ein ehemaliges Moor unter Wasser setzte. Die Zuständigen beschlossen, nicht einzugreifen. So entwickelte sich ein bedeutendes Naturschutzgebiet, das einige Vogelarten erstmals in Deutschland heimisch werden ließ.

Im Anklamer Stadtbruch entsteht so eine Küstenlandschaft wieder, die mit ihrer typischen Mischung aus Wasser und Land oft schon vor Jahrhunderten verschwunden war, weil Menschen ihr Land mit Deichen von der Ostsee abgrenzten. Vor dieser Zeit aber säumten genau wie jetzt wieder vielerorts Schilfgürtel mehr oder minder salzige und meist nur flache Seen. Knöterich und Schwertlilien ragten aus dem Wasser, Hahnenfuß machte sich breit.

Teurer Küstenschutz

Seit mehr als 1000 Jahren bauen die Küstenbewohner an der Ostsee Deiche, um das Wasser bei Sturmflut von den Siedlungen fernzuhalten. In jüngerer Zeit schützen sie in Vorpommern auch die Weiden der Bauern. Doch die alten Küstenlandschaften sind seither verschwunden. Ob sich diese Form des Küstenschutzes für die Gemeinschaft rechnet, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Schließlich müssen die Deiche gepflegt und hinter ihnen muss Wasser abgepumpt werden. Die Kosten dafür sind oft genug höher als der Gewinn der Bauern inklusive aller Subventionen (PDF).

Solche Rechnungen fallen an anderen Küstenabschnitten häufig zu Ungunsten von Küstenschutz für Äcker und Wiesen aus. Ein typisches Beispiel sind die Karrendorfer Wiesen gegenüber der Insel Koos rund fünf Kilometer nördlich der Hansestadt Greifswald. "Schon bevor die Sturmflut den Anklamer Stadtbruch unter Wasser gesetzt hat, wurde dort 1994 ein großer Küstenabschnitt der natürlichen Entwicklung überlassen", erklärt der Leiter des Stralsunder Ostsee-Büros der Naturschutzorganisation WWF Jochen Lamp.

Küsten- und Naturschutz profitieren gleichermaßen von diesem Projekt, bei dem sechseinhalb Kilometer Damm abgetragen wurden, der vorher die Wiesen einer Halbinsel vor Sturmfluten schützte. Seither bewahrt ein erheblich kürzerer Deich nur noch das Dorf Groß Karrendorf selbst vor Sturmfluten. Insgesamt kommt der Küstenschutz so erheblich billiger. Obendrein laufen sich die Wellen der Ostsee auf den flachen Wiesen vor dem Deich tot und haben erheblich weniger Gewalt, bis sie den Damm erreichen.

Wilder Sellerie auf Salzwiesen

Zwar verzeichnen die Bauern Verluste, die halten sich aber in Grenzen: Ihre Kühe und Schafe weiden wie früher auf den 400 Hektar großen Wiesen. Nur an wenigen Stellen ist das Land dauernd überschwemmt und kann nicht genutzt werden. Drückt zwei- oder dreimal im Jahr eine Sturmflut Salzwasser auf die Wiesen, kann das Vieh nicht dorthin. Nur die Vegetation ändert sich, weil die seltenen Überflutungen Salz in den Wiesen zurücklassen. Daher blüht dort im August und September an einigen Stellen die lila Strandaster. Wilder Sellerie, die Urform des Gartengemüses, wächst neben Erdbeerklee. Die Landschaft beginnt einer Tundra zu ähneln und zieht entsprechende Vögel an: Alpenstrandläufer und Kampfläufer finden hier inzwischen ein Zuhause, im Herbst rasten Wildgänse zuhauf auf den Salzwiesen.

Salzwiese
© Dirk Ingo Franke / Wesselburenerkoog Salzwiese / CC BY-SA 2.0 CC BY-SA
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Der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer (hier eine typische Salzwiese bei Wesselburenerkoog) zieht jährlich Millionen Besucher an. Viele interessieren sich für die seltenen, für Deutschland ungewöhnlichen Pflanzen, die dank des salzigen Untergrunds hier gedeihen.

Auch die überdüngten flachen Küstengewässer profitieren. Die Nährstoffe werden von den Äckern im Hinterland in die "Bodden" genannten, flachen Buchten geschwemmt und sammeln sich dort an. Sturmfluten düngen daher die überschwemmten Salzwiesen kräftig. Wenn das Wasser wieder abgelaufen ist, wächst das Gras besser, und die Tiere finden mehr zu fressen. "Dieses mehrfache Gewinnmodell lässt sich durchaus auf andere Gebiete übertragen und könnte dort auch noch die Risiken durch den ansteigenden Meeresspiegel entschärfen", sagt Jochen Lamp vom WWF in Stralsund daher. Das sieht die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern ähnlich und plant, mit 200 Quadratkilometern eine Fläche von der halben Größe des Stadtstaates Bremen auszudeichen. Schließlich wird so auch die Landeskasse entlastet, die für den Unterhalt der Deiche zahlen muss.

Das Land wächst mit dem Meer

In diesem Rahmen sucht auch Katharina Burmeister vom Stralsunder WWF-Büro in einem aufwändigen Verfahren insgesamt 200 Hektar solcher Überflutungsgebiete an den Küsten aus. Dort will die Naturschutzorganisation beispielhaft zeigen, dass solche Rückdeichungen sich rechnen und dass diese Gebiete dem Anstieg des Meeresspiegels trotzen können. Der Schlüssel dafür liegt in den Händen der Bauern, die solche Wiesen bewirtschaften. Legen sie nach der Öffnung der Deiche ihre Wiesen dahinter nicht mehr trocken, lassen die bei Sturmfluten eingetragenen Sedimente das Land ein wenig in die Höhe wachsen. Der Meeresspiegel aber könnte leicht schneller steigen. Den Verlust würden die Bauern tragen, deren Vieh auf solchen überfluteten Flächen nicht mehr weiden kann und die für eine Wasserfläche auch keine Subventionen bekommen.

"Dieses mehrfache Gewinnmodell lässt sich durchaus auf andere Gebiete übertragen und könnte dort auch noch die Risiken durch den ansteigenden Meeresspiegel entschärfen" Jochen Lamp

Je eher solche Maßnahmen greifen, umso besser stehen die Chancen, die Salzwiesen zu erhalten. Weidet Vieh auf diesem Küstenstreifen, frisst es eifrig an der Vegetation. Die Pflanzen kompensieren ihre Verluste mit stärkerem Wachstum, auch die Wurzelmasse steigt. Gleichzeitig trampeln die Rinder die Wiesen fest. Dadurch kommt weniger Sauerstoff in den Boden. Unter diesen Bedingungen verwandelt sich die Biomasse in Torf, wie die letzten intakten Moore Mitteleuropas zeigen. "So kann das Wachstum der Salzwiesen mit dem Anstieg des Meeresspiegels mithalten", erklärt Jochen Lamp. Für solche extensiven Weiden erhält der Bauer obendrein Subventionen.

Schlecht übertragbar auf die Nordseeküste

Auf die Nordseeküste aber lässt sich das Ostsee-Modell der Rückdeichung nicht so einfach übertragen: "An der Nordsee sind die Sturmfluten viel höher als an der Ostsee", erklärt Hans-Ulrich Rösner, der in Husum das Wattenmeerbüro des WWF leitet. Die Erinnerung an verheerende Sturmfluten, die viele Menschenleben gefordert und die Küste mehr als einmal grundlegend verändert haben, sitzt daher tief. Also schützen die Menschen schon seit Jahrhunderten ihre Siedlungen mit immer höheren Deichen, ohne die sie ihre Dörfer aufgeben müssten. Doch auch die Landwirtschaft hat einen anderen Stellenwert: "Hinter den Deichen sind die Böden an der Ostsee deutlich karger als an der Nordsee, wo an vielen Stellen fette Marschböden sehr gute Ernten garantieren". Solche ausgezeichneten Ackerböden gibt kaum jemand auf, Rückdeichungen sind an der Nordsee daher extrem selten.

Eine große Ausnahme bildet die ostfriesische Insel Langeoog. Zwischen ihr und dem Nachbarn Baltrum führt seit 1995 eine Pipeline von den Erdgasfeldern in Norwegen nach Niedersachsen, deren Bau das Wattenmeer in Mitleidenschaft zog. Zum Ausgleich wurden 218 Hektar Salzwiesen im Süden von Langeoog wiederhergestellt, die seit 1935 durch einen fünfeinhalb Kilometer langen Sommerdeich geschützt waren. Der Scheitel des Damms lag nur gut zwei Meter höher als der normale Meeresspiegel. Dieses Bauwerk hielt das normale, zweimal am Tag auflaufende Hochwasser zurück, doch gegen Sturmfluten war es zu niedrig, und die Wiesen standen jedes Jahr 20- bis 25-mal unter Wasser. Vor der Eindeichung aber war das Wasser viel öfter gekommen. Daher fand sich auf den Wiesen bald deutlich weniger Salz als früher, die Salzliebhaber unter den Pflanzen verschwanden langsam.

In den Jahren 2003 und 2004 wurden dann als Kompensation für die Erdgas-Pipeline drei Kilometer des Sommerdeichs vollständig abgetragen. Seither flutet das Salzwasser wieder häufig die Wiesen. Und prompt kehren die zwischenzeitlich verschwundenen Pflanzen zurück, die auch mit sehr hohen Salzkonzentrationen im Boden zurechtkommen, wie detaillierte Untersuchungen aus den Jahren 2005 und 2013 zeigen (PDF). Gleichzeitig lagern die wieder häufigeren Überflutungen auch mehr Sediment in den Salzwiesen ab, die so schneller wachsen und dadurch besser mit dem Ansteigen des Meeresspiegels mithalten können.

Deiche nehmen dem Weltnaturerbe die Bewegungsfreiheit

Trotzdem wird die Rückdeichung von Langeoog am Wattenmeer wahrscheinlich in der näheren Zukunft eine von wenigen Ausnahmen bleiben. Allein schon deshalb, weil die Deiche wohl eher verbessert werden, um bei steigendem Meeresspiegel den gleichen Schutz wie bisher zu bieten. Anders ist die Situation dagegen vor den Deichen. Dort liegt das Wattenmeer und damit eine Reihe von Nationalparks und ein Weltnaturerbe, das weltweit einmalig ist und zumindest zum Teil unter dem steigenden Meeresspiegel versinken könnte, weil die Deiche ihm die Bewegungsfreiheit nehmen.

Geowissenschaftler kennen aus der jüngeren Erdgeschichte einige Episoden, in denen der Meeresspiegel stieg. In diesen Fällen wanderte das Wattenmeer landeinwärts. Genau das verhindern heutzutage die Deiche, die an der Nordseeküste kaum jemand öffnen wird. Welche Alternative könnte dann das Wattenmeer vor dem Versinken retten? "Wir sollten den natürlichen Transport von Sedimenten mit den Strömungen unterstützen", nennt Hans-Ulrich Rösner eine Möglichkeit.

Die gewaltige Gestaltungskraft dieses Transports von Sand und Schlamm zeigt zum Beispiel die Geschichte der Insel Wangerooge vor der niedersächsischen Küste: Dort beschädigte 1860 eine Sturmflut einen Turm schwer, um 1900 stand er im Wasser und wurde 1914 von der Marine gesprengt. Bis dahin aber scheint der Turm einige Kilometer gewandert zu sein: Wurde doch der "alte Westturm" 1602 im Osten der Insel gebaut und versank drei Jahrhunderte später an ihrer Westküste in den Fluten. Da ein Turm schlecht wandern kann, muss sich die Insel bewegt haben. Tatsächlich verschwanden von der heute 8,5 Kilometer langen Insel Wangerooge zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert im Westen rund zwei Kilometer Land. Im Osten kamen zur gleichen Zeit vier Kilometer dazu.

Angetrieben wird diese Bewegung von den meist aus West oder Nordwest wehenden Winden und den aus der gleichen Richtung kommenden Sturmfluten. Sie reißen im Westen jede Menge Land weg und lagern es als Sediment im Osten wieder an. Seit dem 19. Jahrhundert haben zwar Deiche, Steinwälle und andere Baumaßnahmen dem Inneren der Insel Wangerooge das Wandern abgewöhnt, doch am Strand holen die Fluten wie seit Jahrtausenden den Sand und spülen ihn im Osten wieder an. Jedes Frühjahr fahren Radlader den dort abgelagerten Sand zurück zum Strand vor dem Inseldorf, damit die Touristen im Sommer den Verlust nicht bemerken. Ähnlich ist die Situation auf vielen Nordseeinseln. So verliert Sylt jährlich mit einer Million Kubikmeter die Menge Sand, die etwa 2000 Einfamilienhäuser füllen würde. Zum Ausgleich pumpen jedes Jahr für einige Millionen Euro Baggerschiffe Sand vom Grund der Nordsee auf den Strand.

Strömungen im Wattenmeer

Diese natürliche Erosion samt Wandern und Neuentstehen von Inseln ist typisch für ein Wattenmeer, das nur in einem relativ flachen Meeresgebiet wie der Deutschen Bucht entstehen konnte, in dem aber die Gezeiten relativ stark sind. Im Rhythmus von Ebbe und Flut fällt dort ein viele Kilometer breiter Streifen des Meeresbodens trocken und wird anschließend wieder überflutet. Dabei werden riesige Wassermassen bewegt, und es entstehen starke Strömungen, die an einer Stelle viel Material mitreißen und es andernorts wieder deponieren. Genau diese Strömungen nagen auch an den Küsten der Inseln.

An manchen Stellen bauen die Strömungen die Küsten nicht ab, sondern auf. Wo das Wasser seine Samen nicht mit dem Boden wegspült oder gleich die ganzen Pflanzen mitreißt, wächst in solchen Gebieten, ungefähr an der Grenze zwischen Wattenmeer und Küste, eine "Queller" genannte Pflanze. Im Durchschnitt umspült zweimal am Tag das Hochwasser seine Stängel. "Kaum eine andere Pflanze hält diese hohen Salzkonzentrationen aus, der Queller hat dort also wenig Konkurrenz", erklärt Hans-Ulrich Rösner. Deshalb gedeiht dort fast nichts anderes. Damit wächst der Queller in Mitteleuropa genau an den Stellen, an denen in wärmeren Gefilden Mangrovenwälder stehen.

Der Queller verträgt nicht nur Salz, sondern wächst nicht ohne es.
© Roland Knauer
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Der Queller verträgt Salz nicht nur – ohne wächst er nicht.

Das Hochwasser aber läuft nicht jedes Mal auf die gleiche Höhe, weil die Gezeiten stets ein wenig anders sind. Zusätzlich verstärken Winde und Strömungen die Gezeiten oder flachen sie ab. So erreichen stärkere Hochwasser etliche Male im Jahr auch den ein wenig höher liegenden Uferstreifen landeinwärts vom Queller. Dort wird daher deutlich weniger Salz abgelagert als direkt an der Küste. Eine Salzwiese entsteht, in der Pflanzen wie der Strandflieder, das Andelgras, die Keilmelde und die Salzaster wachsen. Noch ein wenig höher kommt das Hochwasser nur noch wenige Male im Jahr hin, die Salzkonzentration sinkt weiter, dort blühen wieder andere Pflanzen.

Das Land wächst dank der Überschwemmungen

Die mehr oder minder häufigen Überschwemmungen bringen auch Sedimente mit, die sie andernorts weggerissen hatten. In der Salzwiese ist die Strömung nur noch sehr gering, und dieses Material lagert sich leicht ab. Ähnliches passiert auf den Halligen im Wattenmeer Schleswig-Holsteins. Aus der Sicht der Naturwissenschaft sind diese leicht erhöhten Stellen ohnehin nichts anderes als Salzwiesen mitten im Wattenmeer. Auch sie werden ab und zu überflutet und wachsen so jedes Jahr ein wenig in die Höhe.

Als der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer 1985 gegründet wurde, weideten auf den Salzwiesen vor den Deichen mit nur wenigen Ausnahmen überall Schafe, auf den niedersächsischen Salzwiesen grasten auch viele Rinder. Strandflieder und andere typische Pflanzen hatten dort kaum noch Chancen, und auch viele Vögel wie der Rotschenkel brüteten auf den kurz gefressenen Salzwiesen nicht mehr. Seit 1991 wurde das Weiderecht auf diesem öffentlichen Land nicht verlängert, wenn jemand seine gepachtete Fläche zurückgab. Während 1985 der Anteil der Salzwiesen ohne Weidevieh noch bei einem Prozent lag, knabbert heute im Nationalpark auf vielen Salzwiesen kein Nutzvieh mehr an den Pflanzen, und die Blütenpracht der Vergangenheit ist wieder da.

Auch die meisten Vögel profitieren, weil sie in der hohen Vegetation vor Feinden geschützt sind. Aus jedem Nest schlüpfen im Durchschnitt mehr Küken, weil die Räuber die Gelege schlechter finden. Da Nutztiere keine Nester und Küken mehr zertrampeln können und die Jungtiere in der dichten Vegetation mehr Insekten als Nahrung finden als auf den beweideten Flächen, ist die Aufgabe der Weideflächen ein voller Erfolg, hat die Nationalparkverwaltung in mehreren Studien festgestellt. So brüteten auf der Hamburger Hallig zum Beispiel 1991 gerade einmal 35 Rotschenkelpaare, 1999 zählten die Ornithologen dort bereits 190 Paare. Auch Schnatter-, Löffel-, Reiher- und Eiderenten sowie Brandgänse bevorzugen genau wie Singvögel die Flächen, die nicht als Viehweide genutzt werden.

Unbeweidete Flächen gewinnen schneller Land als beweidete

Die Nationalparkverwaltung nennt ein weiteres Argument, das gegen eine Beweidung der Salzwiesen spricht. Während die nicht beweideten Salzwiesen im Vorland des Sönke-Nissen-Kooges zwischen 1991 und 2000 durch angeschwemmtes Land um 1,2 Zentimeter in die Höhe wuchsen, wurden die beweideten Flächen im gleichen Zeitraum nur 0,9 Zentimeter höher. Höhere Pflanzen halten offensichtlich mehr angeschwemmten Schlick fest und verbessern damit den Küstenschutz. Ganz ähnlich wachsen nach neueren Untersuchungen auch die Halligen jedes Jahr zwei bis drei Millimeter, einige sogar vier Millimeter in die Höhe.

Bisher hat so ein Zuwachs gereicht, weil der Meeresspiegel zwischen 2002 und 2014 im weltweiten Durchschnitt jedes Jahr um 2,74 Millimeter stieg. Dieser Wert fällt allerdings je nach Meeresregion sehr unterschiedlich aus; so wurden an den Halligen 2004 bereits 4,2 Millimeter gemessen. Gerade an diesen sensiblen Orten wird es also knapp zwischen den in die Höhe wachsenden Salzwiesen und dem Anstieg des Meeresspiegels.

Dabei dürfte die Situation sich in Zukunft noch verschärfen, weil die Wasserstände, angetrieben durch den Klimawandel, noch deutlich schneller steigen werden. Das aber wird das bisherige Gleichgewicht zwischen Abtragung auf der einen und Ablagerung auf der anderen Seite weiter zur Erosion hin verschieben. Das Wattenmeer mitsamt seinen Halligen könnte also langsam in den Fluten versinken. Es sei denn, es bekommt zusätzliches Material, mit dem es schneller in die Höhe wachsen kann.

Flexibler Schutz der Küsten

Genau wie seit vielen Jahren vor Sylt könnte also in Zukunft Sand das Verschwinden des Wattenmeers verhindern. Damit die Maßnahme greift, müsste das Material dafür allerdings aus entfernten Gebieten, die normalweiser keinen Sand mit dem Wattenmeer austauschen, vom Meeresgrund geholt werden. Dieser Sand könnte dann in bestimmten Regionen im flachen Wasser abgelagert werden. Von dort tragen ihn natürliche Strömungen zum Watt, zu Stränden oder Salzwiesen, an denen am meisten Sediment fehlt. "Wachsen mit dem Meer" nennt Hans-Ulrich Rösner diesen natürlichen Prozess, der durch das Zuführen von Sand noch verstärkt werden kann.

Auch wenn die Natur so die letzte Etappe des Sandtransports kostenlos übernimmt, dürften diese "weiche Küsten-Schutzmaßnahmen" trotzdem teuer werden. Schließlich müssten riesige Sandmengen bewegt werden: Um nur einen einzigen Quadratkilometer um einen Zentimeter zu erhöhen, braucht man in der Theorie immerhin 10 000 Kubikmeter. Die jedes Jahr in Sylt umgepumpte Million Kubikmeter reicht also allenfalls für 100 Quadratkilometer. Zwischen den Niederlanden und Dänemark aber erstreckt sich das Wattenmeer über mehr als 10 000 Quadratkilometer.

Bisher weiß niemand, wie viel Sand benötigt wird, um das Wattenmeer mit dem Meeresspiegel mitwachsen zu lassen. "Daher ist dieser weiche Küstenschutz klar im Vorteil", erklärt Hans-Ulrich Rösner. Schließlich kann man die eingesetzten Sandmengen rasch ändern. Harte Küstenschutzmaßnahmen wie Deiche oder Beton-Bollwerke reagieren dagegen viel langsamer. Aber auch die hohen Deiche und damit der unmittelbare Schutz der Siedlungen an der Küste profitieren von einer solchen Unterstützung des Sedimenttransports – bildet ein intaktes Wattenmeer doch einen natürlichen Puffer für die Deiche und bremst die Wucht einer Sturmflut deutlich. Kein Wunder, wenn die alten Gegensätze zwischen technischem Küstenschutz und Naturschutz zunehmend verschwinden. Längst arbeiten beide Seiten gemeinsam mit den Menschen am Wattenmeer daher an Konzepten, mit denen die Küste sich an den steigenden Meeresspiegel anpassen kann. Und das mit einigem Erfolg: 2015 hat die Landesregierung von Schleswig-Holstein die mit den Naturschützern ausgearbeitete "Strategie für das Wattenmeer 2100" beschlossen.