Jetzt ist also die Wahrheit raus: Schokolade macht gar nicht schlank. Diese überraschende Erkenntnis verdanken wir der aktuellen Aufregung um eine ausgeklügelte Aktion, bei der der US-Journalist John Bohannon und ein deutsches Filmteam des Senders arte einem Teil der Medienwelt die Meldung unterschoben, dunkle Schokolade helfe beim Abnehmen – und nun die gezielte Täuschung öffentlich machten. Aber eigentlich geht es dabei nicht um Schokolade, es geht um mehr. Die meisten dieser angeblich wissenschaftlichen Behauptungen über besonders gesunde und wertvolle Ernährungsweisen, Lebensmittel, Inhaltsstoffe halten einer genaueren Betrachtung nicht stand.

Lars Fischer
© Heide Prange
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Der Witz an der Geschichte ist nämlich, dass man die ursprünglich lancierte Meldung kaum als Fälschung bezeichnen kann. Hinter ihr steht eine Studie von einem echten (allerdings in den Plan eingeweihten) Mediziner mit ebenso echten Probanden. Die teilnehmenden Personen ernähren sich auf drei verschiedene Arten, und die schokoladeunterstützte Diät führt zum statistisch signifikant stärksten Gewichtsverlust. Das unterscheidet sich kaum von vielen anderen Untersuchungen, die hinter solchen Ernährungsschlagzeilen stehen – abgesehen eben von der betrügerischen Intention.

Statistische Tricks für die nächste Wunder-Diät

Der Trick liegt im Aufbau der Studie: Sie erfasst mehr potenziell relevante Parameter, als sie Teilnehmer hat – ein Patentrezept für statistisch signifikante Ergebnisse, das quer durch die Ernährungsforschung geht und nicht nur dort ganze Fachmagazine füllt. Wenn man nur genug Parameter untersucht, kommt man schon mit irgendwas über die Fünf-Prozent-Hürde. Und das war von Anfang an die Absicht der Gruppe, die dann mit dem so gezielt erzeugten Scheinergebnis an die Öffentlichkeit ging.

Solche Ergebnisse sind gefragt, einerseits beim Publikum, das von frohen Ernährungsbotschaften nicht genug bekommen kann, andererseits bei einigen Medien (aber nicht allen), deren zahlende Kundschaft dieses Publikum ja ist. Auch Institute und Fachzeitschriften freuen sich, wenn sie ein bisschen vom Ruhm abbekommen. Nicht zuletzt stehen in dieser Sache auch die Vertreterinnen und Vertreter der diversen alternativen Ernährungs- und Diätbewegungen Seite an Seite mit der sonst verschmähten Nahrungsmittelindustrie – denn bei allen Unterschieden verkünden sie gemeinsam die frohe Botschaft: Das richtige Essen macht gesund, schlau und schön.

Ernährung ist gar nicht so wichtig

Dabei eint die meisten Aussagen über die Wohltaten bestimmter Lebensmittel oder ihrer Inhaltsstoffe, dass sie in der einen oder anderen Weise fragwürdig sind. Zum Beispiel eben wie bei Bohannon und Co durch zu kleine Stichproben und zu viele Parameter, die absichtlich oder unabsichtlich das Signifikanzkriterium aushebeln (genau für dieses Problem gibt es übrigens die Bonferroni-Korrektur). Andererseits aber auch dadurch, dass Forschungsgruppen und Redaktionen aus einzelnen biochemischen Veränderungen unter spezifischen Bedingungen raumgreifende Schlussfolgerungen über den Menschen und das gute Leben ziehen. Misstrauen ist bei eigentlich allen derartigen Meldungen dringend angesagt – und noch mehr bei den Versprechungen dieser oder jener Ernährungsgurus. Das ist die Botschaft hinter der Aktion des Journalistenteams, dessen Dokumentation am 5. Juni auf arte ausgestrahlt wird.

Allgemein lohnt es sich wohl nicht, sich zu viele Gedanken um die Ernährung zu machen. Nicht zu viel, nicht zu wenig, frische Sachen und von allem ein bisschen – darüber hinaus wird die Luft für wissenschaftlich untermauerte Empfehlungen schnell sehr dünn. Die These, welche Nahrung wir genau zu uns nehmen, habe großen Einfluss auf Gesundheit und Wohlergehen, steht auf recht wackligen Beinen.

Besonders schön hat das vor einiger Zeit die Wissenschaftsjournalistin Kathrin Zinkant an einem Interview mit dem prominenten Ernährungsforscher David L. Katz demonstriert: In den von dem Wissenschaftler als Beleg für die Bedeutung der Ernährung zitierten Studien ist das Essen in einer der Untersuchungen der unwichtigste Parameter – in der zweiten kommen die Autoren gar zu dem Schluss, dass man Ernährung nicht als eigenständigen Lebensstilfaktor betrachten sollte.