News | 31.01.2013 | Drucken | Teilen

Anatomie

Eulen vermeiden Hirnschlag

von
Nördlicher Fleckenkauz

Um bis zu 270 Grad kann ein Uhu oder Kauz seinen Kopf in beide Richtungen drehen, um die Landschaft nach Beute auszuspähen – eine extreme Rotationsfähigkeit, die unter Wirbeltieren ihresgleichen sucht: Damit gleichen die Eulen ihr eigentlich kleines Sehfeld aus, das von ihren großen, strikt nach vorne ausgerichteten Augen herrührt. Fabian de Kok-Mercado vom Johns Hopkins Hospital in Baltimore und seine Kollegen haben nun geklärt, warum diese Fähigkeit keine bleibenden Schäden an den Blutgefäßen und am Hirn der Tiere hinterlässt. Würde ein Mensch seinen Kopf so weit um seine Rotationsachse drehen, müsste er mit Rissen in den Adern und Schäden bis hin zum Hirnschlag rechnen.

Nicht so die lautlosen Jäger der Nacht. "Als Neurologe habe ich mich schon immer gefragt, warum der Waldboden nicht von tausenden toten Eulen übersät ist, die durch einen von ihren raschen Kopfbewegungen ausgelösten Schlaganfall gestorben sind", sagt der ebenfalls beteiligte Neuroradiologe Philippe Gailloud. "Die Arterien im Nackenbereich der meisten Tiere – auch von Menschen und Eulen – sind eigentlich sehr fragil und reagieren schon sehr empfindlich auf kleinere Risse der Gefäßwand." Dennoch entstehen bei den Vögeln verglichen mit Menschen kaum Blutgerinnsel durch das wiederholte Drehen und Dehnen der Blutgefäße, die sich dann lösen und eine tödliche Embolie auslösen können.

Ermöglicht werde dies durch die besondere Anatomie des Eulenschädels und das Adernetzwerk, das den großen Kopf der Vögel versorgt, so die Mediziner, die für ihre Studie durch natürlichen Tod verendete Schneeeulen, Streifenkäuze und Virginia-Uhus in ein Röntgengerät schoben. Vorher hatten sie den Vögeln zudem noch ein Färbemittel injiziert, das den Kontrast auf den Aufnahmen verstärken sollte. Dann drehten sie den Kopf der Verstorbenen hin und her – und staunten: Bei Menschen verengen sich die Arterien immer stärker, je mehr sie sich verzweigen; bei den Eulen hingegen vergrößerten sie sich am Kopfansatz immer weiter, je mehr Tinte in sie strömte und je weiter sie sich verästelten. Dadurch bildet sich eine Art Blutspeicher, mit dem die Eulen Kopf und Augen versorgen, während sie den Kopf drehen.

Doch das ist nicht die einzige Anpassung: Eine der Hauptschlagadern verläuft durch einen Knochenkanal in den Halswirbeln, dessen Durchmesser zehnmal größer ist als der der Arterie. Dadurch liegt diese quasi in einem Luftpolster und kann sich großzügig bewegen, wenn die Eule ihren Schädel rotiert. Zudem tritt die Ader erst an höherer Stelle in das Knochengerüst ein als bei anderen Vogelarten, was ebenfalls ihre Bewegungsspielräume erweitert. Und schließlich existieren zwischen der Halsschlagader und der Wirbelarterie – zwei der wichtigsten Versorgungskanäle – zahlreiche Kanälchen, die einen Blutaustausch selbst dann ermöglichen, wenn eine der Arterien blockiert wurde. Bei Menschen fehlt diese Verbindung normalerweise.

© Spektrum.de
Nördlicher Fleckenkauz

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