Zwei bizarre Formen flügelloser Insekten aus der Gruppe der Stab- und Gespenstschrecken, die als "Baumhummer" bezeichnet werden, gehen nicht auf einen gemeinsamen Vorfahren zurück, obwohl sie sich in Gestalt und Verhalten verblüffend ähneln. Das hat der Evolutionsbiologe Sven Bradler von der Universität Göttingen zusammen mit neuseeländischen Kollegen in einer molekularbiologischen Studie der Verwandtschaftsverhältnisse nachgewiesen.

Baumhummer
© Thomas Reischig
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"Baumhummer" sind mit nur wenigen Dutzend Arten im Pazifik auf Papua-Neuguinea und Neukaledonien beheimatet. Ursprünglich waren sie auch auf der Lord-Howe-Insel östlich von Australien zu finden, bis nach der Strandung eines Dampfschiffes 1918 Ratten auf das Eiland gelangten und die einzigartige Tierwelt vernichteten. Der "Baumhummer" Dryococelus australis galt dort 1986 offiziell als ausgestorben, bis im Februar 2001 eine kleine Population wiederentdeckt wurde – auf einem kargen Felsen 23 Kilometer entfernt in der Tasmanischen See. Bislang ist die Wissenschaft davon ausgegangen, dass die Verwandten dieses seltenen Insekts – die Art Eurycantha horrida – auf Neuguinea leben.

Die Forscher kommen jetzt zu einem anderen Ergebnis: Sie haben die verwandtschaftlichen Beziehungen von 79 Stab- und Gespenstschrecken mit Hilfe ihrer DNA-Sequenzen untersucht. Demnach gibt es keine Verbindungen zwischen den "Baumhummern" auf Lord Howe und Neuguinea – trotz großer Ähnlichkeit: Die Insekten sind flugunfähig, von gedrungener kräftiger Gestalt und verbergen sich tagsüber in bodennahen Hohlräumen. Die Männchen setzen ihre stark verdickten Hinterschenkel zur Verteidigung ein. Evolutiv sind sie aus grazilen, geflügelten Stabschrecken hervorgegangen. "Die Anpassung an einen vergleichbaren Lebensraum und der damit verbundene Selektionsdruck haben vermutlich zu dieser konvergenten Entwicklung geführt", erläutert Bradler.