Seit dem Erscheinen des "Herrenwitz"-Artikels über Rainer Brüderle im "Stern" vom 24. Januar 2013 tobt in den Medien eine Sexismus-Debatte. Doch Forschungsergebnisse zu den Themen Sexismus und sexuelle Belästigung spielen dabei bislang kaum eine Rolle. Dies ist befremdlich, da viele Argumente, die vorgebracht wurden, mit empirischen Befunden klar widerlegt (oder zum Teil auch belegt) werden können. Im Einzelnen sind uns folgende Punkte aufgefallen, auf die wir aus wissenschaftlicher Sicht eingehen möchten:

1. Immer wieder war zu hören, dass es sich bei einem Verhalten wie dem von Herrn Brüderle doch eigentlich um Einzelfälle handele oder um zumeist tolerables Verhalten, das "frau" aushalten könne und nicht zu ernst nehmen sollte – Herrenwitze eben.

  • Laut der repräsentativen Untersuchung "Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen" im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) haben insgesamt 58,2 Prozent aller befragten Frauen Situationen sexueller Belästigung erlebt, sei es in der Öffentlichkeit, im Kontext von Arbeit und Ausbildung oder im sozialen Nahraum.(1) Beim Thema sexuelle Belästigung sprechen wir also keineswegs von Einzelfällen.
  • Die Konsequenzen sexueller Belästigung sind für die Betroffenen oft schwer wiegend. Sie reichen von primären Auswirkungen sexueller Belästigung wie Angst, Unsicherheit und psychosomatischen Beschwerden bis hin zu sekundären arbeitsbezogenen Konsequenzen wie geringeren Karrierechancen durch Leistungsabfall und häufigen Krankenstand.(2) (3) Insbesondere auch durch die Reaktionen aus dem Umfeld (etwa Verharmlosung oder Beschuldigungen) kann es für Frauen, die sexuelle Belästigung offenlegen, sogar zu einer sekundären Viktimisierung kommen, wie im Fall der Hochspringerin Ariane Friedrich. Sie hatte im April 2012 den Namen eines Mannes, der sie auf Facebook sexuell belästigt hatte, veröffentlicht. Dafür wurde sie anschließend heftig kritisiert, angegriffen, beschimpft und bedroht.

Charlotte Diehl
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2. Im Widerspruch zu Punkt 1 wurde angemerkt, dass sexistisches Verhalten und Belästigung durchaus vorkomme, aber in beiden Richtungen, so dass etwa gleich häufig auch Männer die Opfer und Frauen die Täterinnen seien.

  • Tatsächlich sind Frauen weit häufiger das Ziel sexueller Belästigung: Etwa 30 bis 50 Prozent der berufstätigen Frauen und demgegenüber etwa 10 Prozent der berufstätigen Männer sind von sexueller Belästigung betroffen.(4) Ergebnisse aus einer repräsentativen Umfrage in der Deutsch- und Westschweiz zeigen, dass sich diese Zahlen in den letzten zehn Jahren kaum verändert haben: 28 Prozent der befragten Frauen und 10 Prozent der Männer erlebten in ihrem bisherigen Arbeitsleben sexuelle Belästigung.(5) Dabei zeigte sich auch, dass für Frauen drei Viertel der belästigenden Situationen von Männern ausgehen, meist von einzelnen Männern, auch von Gruppen von Männern oder gemischten Gruppen (Männer und Frauen), selten jedoch von Frauen allein. Für Männer geht ungefähr die Hälfte der sexuell belästigenden Situationen ebenfalls von Männern aus (einzeln oder in Gruppen), nur ein Viertel von Frauen und ein Viertel von gemischten Gruppen. Konstellationen, in denen Männer Opfer und Frauen Täterinnen sind, sind damit natürlich ernst zu nehmen, aber vergleichsweise selten. In den weitaus häufigsten Fällen sexueller Belästigung sind die Opfer Frauen und die Täter Männer.

3. In Diskussionen wird häufig darauf hingewiesen, eine Frau könne sich doch (heutzutage und überhaupt) "einfach" gegen sexistische Anmache und Belästigung wehren, und zwar verbal oder – wenn nötig – körperlich ("eine runterhauen").

  • Neuere Forschung zeigt sehr deutlich, dass wir bei einer negativen Beurteilung passiven Verhaltens von Belästigungsopfern übersehen, wie schwierig es für eine Frau in der realen Belästigungssituation sein kann, sich zu wehren. So genannte Analogstudien, in denen Frauen zu ihrem Verhalten in hypothetischen Situationen befragt werden, zeigen, dass sie in Bezug auf ihr eigenes Verhalten im Fall einer Belästigung optimistische Fehleinschätzungen vornehmen. Besonders eindringlich zeigt dies eine Studie von Nina Vanselow: Im ersten Teil dieser Studie wurden Studentinnen lediglich befragt, wie sie sich verhalten würden, wenn ein Mitstudent ihnen in einem experimentellen Computerchat wiederholt sexuell belästigende Bemerkungen zusendet (zum Beispiel "Bei deinem Anblick wird meine Hose mir echt zu eng"); im zweiten Teil der Studie wurden andere Studentinnen dieser Form der Belästigung tatsächlich ausgesetzt. Das Ergebnis: In der hypothetischen Situation gaben knapp zwei Drittel der Probandinnen an, dass sie den Chat sehr schnell abbrechen und sich bei der Versuchsleitung beschweren würden. In der realen Situation tat dies aber nur eine von 78 Teilnehmerinnen, alle übrigen ließen die wiederholten Belästigungen bis zum Ende über sich ergehen.(6)
  • In einer anderen Studie erfassten Julie Woodzicka und Marianne LaFrance die Reaktionen von Studentinnen auf sexuell belästigende Fragen in einem (scheinbar realen) Jobinterview für eine Stelle als studentische Hilfskraft und verglichen diese mit den vorhergesagten Reaktionen von Studentinnen, die sich das belästigende Interview nur rein hypothetisch vorstellten.(7) Das belästigende Verhalten bestand hier aus drei unangemessenen Fragen, die ihnen der männliche Interviewer stellte (zum Beispiel ob die Bewerberin es wichtig fände, bei der Arbeit einen BH zu tragen). Die Studentinnen, die tatsächlich belästigt wurden, zeigten das typische Verhaltensmuster: 20 Prozent nahmen die Frage ernst; 40 Prozent bemerkten, dass diese Frage für das Interview irrelevant sei, aber alle beantworteten letztendlich alle drei Fragen. Demgegenüber sagten 68 Prozent der Studentinnen, die sich das Szenario nur vorstellten, sie würden in einer solchen Situation die Antwort verweigern, 32 Prozent, dass sie den belästigenden Inhalt ignorieren würden, und 6 bis 16 Prozent, dass sie sich beim Vorgesetzten beschweren oder das Interview abbrechen würden. Darüber hinaus erwarteten die Frauen, in einer Belästigungssituation ärgerlich zu werden, während die tatsächlich belästigten Frauen jedoch Furcht empfanden.
Jonas Rees
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Diese Studien zeigen also, dass Personen in der Regel unterschätzen, wie schockierend die reale Belästigungssituation für Opfer ist, und wie viel Überwindung es kostet, sich aktiv zur Wehr zu setzen.

Andere Forschungsarbeiten zeigen, dass eine direkte Konfrontation oder Beschwerde über den Täter oft negative soziale Konsequenzen für die betroffene Frau nach sich zieht: Frauen, die sich aktiv beschweren, werden negativ bewertet, sind unbeliebt und werden als Querulantinnen angesehen, so dass die Zurückhaltung der Frauen in realen Belästigungssituationen durchaus nachvollziehbar ist.(8) (9) Vor diesem Hintergrund ist es nur ein schwacher Trost, dass negative Rückmeldungen an den Täter tatsächlich zu einem signifikanten Rückgang von belästigendem Verhalten führen können.(10)

4. In verschiedenen Varianten war die Behauptung zu hören, dass Frauen Vorwürfe sexueller Belästigung erfinden oder aufbauschen würden – so dass Männer zu Opfern werden. (Indirekt klang dies zum Beispiel in der Aussage von Wolfgang Kubicki an, er wolle keine Journalistinnen mehr in seinem Auto mitnehmen.)

  • Eine solche Schuldumkehr entspricht weit verbreiteten Mythen, die dazu dienen, durch eine Entlastung des Täters und Schuldzuschreibung an das Opfer den ungleichen Status quo in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern aufrechtzuerhalten (Beispiele: "Männer sind halt so"; "Wenn Frauen sich so aufreizend kleiden …"). Es ist nicht erstaunlich, dass diese Mythen auch in der aktuellen Debatte nur zu gut funktionieren. Dass auch Frauen solchen Mythen über sexuelle Aggression zustimmen, mag zunächst verwundern. In unseren eigenen Arbeiten konnten wir allerdings wiederholt zeigen, dass viele Frauen diese Mythen nutzen, um sich selbst von den Opfern sexueller Aggression abzugrenzen ("Ich bin nicht so eine") und damit eine Illusion der eigenen Unverletzlichkeit aufzubauen.(11) (12) (13) (14)

5. Weiter taucht immer wieder die Behauptung auf, Frauen (oder "Feministinnen") würden die Deutungshoheit über die Frage beanspruchen, was unangemessenes Verhalten sei. Sie würden darunter auch völlig harmlose Dinge fassen, ohne dass es Männern möglich sei, das nachzuvollziehen oder in sozialen Situationen vorauszuahnen. Auch hierbei handelt es sich um eine Schuldumkehr: Männer müssen angeblich in ständiger Angst leben, dass ihnen normales, "gut gemeintes" Verhalten als Sexismus ausgelegt wird.

Gerd Bohner
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  • Befragungsergebnisse zeigen, dass sich Männer und Frauen weit gehend einig darüber sind, welche Bemerkungen oder Witze in einer Interaktion vom Gegenüber als sexuell belästigend und unangenehm wahrgenommen werden. Von 58 getesteten potenziell belästigenden Bemerkungen und sexistischen Witzen schätzten Männer und Frauen alle übereinstimmend als belästigend und unangenehm ein (zum Beispiel "Bei deinen Kurven würde ich ja auch gerne mal einbiegen" oder "Warum gibt es Frauenparkplätze? Damit die Autos der Männer nicht beschädigt werden"); Männer fanden lediglich vier der Witze lustiger als Frauen, wobei den Männern aber dennoch bewusst war, dass die Witze sexistisch und unangenehm sind.(15) Es ist also keineswegs der Fall, dass es unterschiedliche Meinungen dazu gibt, was belästigendes Verhalten ist und was nicht: Auch Männer haben ein gutes Gespür dafür und wären durchaus in der Lage, sich eine anstößige Bemerkung zu verkneifen.
  • Sexuelle Belästigung kann dementsprechend auch nicht darauf zurückgeführt werden, dass Frauen überempfindlich sind und Männer eigentlich in guter Absicht handeln. Vielmehr stimmen Männer und Frauen weitestgehend überein, wenn es um die (Un-)Angemessenheit bestimmter Verhaltensweisen geht. Männer, die sich trotzdem unangemessen verhalten, tun dies aus Rücksichtslosigkeit oder Feindseligkeit – in jedem Fall aber tun sie es in aller Regel wissentlich.

6. Immer wieder wird diskutiert, ob sexistisches Verhalten das Ausspielen von männlicher Macht oder doch nur einen missglückten Flirtversuch darstellt.

  • Unsere Forschung zeigt, dass beide Motive eine Rolle spielen. Auch sexuelle Motive sind manchmal im Spiel, machen aber nur einen Teil der Erklärung aus. Und: Männer, die Frauen gegenüber feindselig eingestellt sind, nutzen scheinbar sexuell motivierte Bemerkungen, um Frauen zu demütigen, so dass man bei sexualisiertem Verhalten oft eine Doppelfunktion (Sex und Machtdemonstration) unterstellen kann.(15) Gerade in hierarchischen Kontexten und meist immer noch männerdominierten Arbeitsfeldern schwingt in der Regel auch die Botschaft mit: "Ich kann es mir erlauben, dich so zu behandeln, und du kannst nichts dagegen tun."

Gerd Bohner (Dr. phil., Dipl.-Psych.) ist Professor und Leiter der Arbeitseinheit Sozialpsychologie an der Universität Bielefeld. Charlotte Diehl (Dipl.-Psych.) ist Promotionsstipendiatin und Jonas Rees (Dipl.-Psych., MSc) wissenschaftlicher Mitarbeiter derselben Arbeitseinheit.


Quellen

(1) Müller, O. et al.: Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung von Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2004

(2) Harned, M. S., Fitzgerald, L. F.: Understanding a Link Between Sexual Harassment and Eating Disorder Symptoms: A Mediational Analysis. In: Journal of Consulting and Clinical Psychology 70, S. 1170-118, 2002

(3) Shannon, C. A. et al.: Workplace Harassment Patterning, Gender, and Utilization of Professional Services: Findings from a US National Study. In: Social Science & Medicine 64, S. 1178-1191, 2007

(4) Europäische Kommission: Sexual Harassment in the Workplace in the European Union. Europäische Kommission, Generaldirektion für Beschäftigung, Arbeitsbeziehungen und soziale Angelegenheiten, Brüssel 1998

(5) Strub, S. et al.: Risiko und Verbreitung sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Eine repräsentative Erhebung in der Deutschschweiz und in der Romandie. Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau (EBG) und Staatssekretariat für Wirtschaft, Bern 2008

(6) Vanselow, N.: Of Beauties, Beaus, and Beasts: Studying Women's and Men's Actual and Imagined Experiences of Sexual and Gender Harassment. Dissertation, Universität Bielefeld, Bielefeld 2009

(7) Woodzicka, J. A., LaFrance, M.: Real Versus Imagined Gender Harassment. In: Journal of Social Issues 57, S. 15-30, 2001

(8) Diehl, C. (in Vorbereitung)

(9) Roy, R. E. et al.: If She's a Feminist it Must Not be Discrimination: The Power of the Feminist Label on Observers' Attributions About a Sexist Event. In: Sex Roles 60, S. 422-431, 2008

(10) Diehl, C. et al.: Exerting Power vs. Initiating Contact as Motives for Sexual Harassment: Evidence from a Computer Harassment Paradigm. XV. Workshop Aggression, Bonn, November 2010

(11) Bohner, G.: Vergewaltigungsmythen: Sozialpsychologische Untersuchungen über täterentlastende und opferfeindliche Überzeugungen im Bereich sexueller Gewalt. Verlag Empirische Pädagogik, Landau 1998

(12) Bohner, G. et al.: Rape Myth Acceptance: Affective, Behavioral, and Cognitive Effects of Beliefs that Blame the Victim and Exonerate the Perpetrator. In: Horvath, M., Brown, J. (Hg.): Rape: Challenging Contemporary Thinking. Willan Publishing, Cullompton 2009, S. 17-45

(13) Bohner, G., Lampridis, E.: Expecting to Meet a Rape Victim Affects Women's Self-Esteem: The Moderating Role of Rape Myth Acceptance. In: Group Processes and Intergroup Relations 7, S. 77-88, 2004

(14) Bohner, G. et al.: Rape Myths as Neutralizing Cognitions: Evidence for a Causal Impact of Anti-Victim Attitudes on Men's Self-Reported Likelihood of Raping. In: European Journal of Social Psychology 28, S. 257-268, 1998

(15) Diehl, C. et al.: Flirting with Disaster: Short-Term Mating Orientation and Hostile Sexism Predict Different Types of Sexual Harassment. In: Aggressive Behavior 38, S. 521-531, 2012