Ob am Arbeitsplatz, in der Schule oder daheim bei der Familie – ein gewisses Maß an Stress muss jeder Mensch erdulden. Doch während manche auch selbst den größten Belastungen noch standhalten, brechen andere irgendwann darunter zusammen und entwickeln am Ende im schlimmsten Fall sogar psychische Erkrankungen wie Angstzustände oder Depressionen. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von "Resilienz", von der Fähigkeit, Krisen erfolgreich zu meistern und das Beste aus ihnen zu machen.

Aber was entscheidet darüber, wie stark diese seelische Widerstandskraft im Einzelnen ausgeprägt ist? Möglicherweise eine spezielle Klasse von Molekülen im Gehirn, sagen nun Forscher um Bruce McEwen von der Rockefeller University in New York. Zumindest bei Mäusen konnten die Wissenschaftler zeigen: Fehlten diese Moleküle ganz oder waren zu wenige von ihnen vorhanden, litten die Nager auch automatisch stärker unter belastenden Erlebnissen als ihre Artgenossen.

In ihrem Versuch stressten McEwen und sein Team die Tiere, indem sie etwa ihren Käfig in unregelmäßigen Abständen durchrüttelten oder ihren gewohnten Tag-Nacht-Rhythmus durcheinanderbrachten. Als Folge davon zeigten rund 40 Prozent der Mäuse ein Verhalten, dass depressiven Symptomen beim Menschen ähnelt: Sie zogen sich lieber in eine dunkle Ecke zurück und verschmähten sogar Zuckerwasser. Die übrigen Nager kamen dagegen gut mit dem Stress klar.

Veränderungen im Hippocampus geben den Ausschlag

Diejenigen Mäuse, die von den Belastungen besonders mitgenommen waren – so stellten die Forscher im Nachhinein fest –, besaßen dabei anschließend auch weniger präsynaptische metabotrope Glutamatrezeptoren (mGlu2) im Hippocampus, einer Region tief im Inneren des Gehirns, die an der Stressreaktion beteiligt ist. Das Areal wird allerdings nicht selten auch selbst in Mitleidenschaft gezogen, wenn Stress zum Dauerzustand wird. Nager, denen die Rezeptoren gänzlich fehlten, zeigten zudem ähnlich starke Reaktionen auf die Belastungen wie die stressempfindlichen Mäuse.

Die mGlu2-Rezeptoren spielen eine wichtige Rolle bei der Signalübertragung, denn sie regulieren die Ausschüttung des Neurotransmitters Glutamat. Und während der Botenstoff im Gehirn zwar gebraucht wird, um Informationen weiterzuleiten, können zu hohe Konzentrationen davon auch schädliche Auswirkungen haben. Als Ursache dafür, warum manche Mäuse nur über wenige dieser Rezeptoren verfügten, konnten die Wissenschaftler epigenetische Veränderungen an den Genen ausmachen, die für mGlu2 kodieren. "Wenn man den genetischen Kode als Wörter in einem Buch betrachtet, dann muss das Buch zunächst einmal geöffnet werden, damit man es lesen kann", erklärt Erstautorin Carla Nasca. "Die epigenetischen Veränderungen, welche die Histonproteine betreffen, auf die die DNA in den Zellen aufgewickelt ist, verschließen das Buch dagegen sorgfältig und sorgen dafür, dass der Kode für mGlu2 nicht gelesen werden kann."

Dauerstress prägt

Die Moleküle könnten damit möglicherweise einen neuen Ansatzpunkt für die Therapie von Patienten bieten, die unter dem Stress in ihrem Leben eingeknickt sind. So fand Nasca ebenfalls heraus, dass Stoffe wie Azetylcarnitin die epigenetischen Veränderungen offenbar rückgängig machen und so depressive Symptome bei Nagern lindern können.

Dass Dauerstress oder besonders traumatische Lebensereignisse Spuren in der Verpackung des Erbguts hinterlassen, belegten bereits in der Vergangenheit mehrere Studien. Einige Ergebnisse deuten sogar darauf hin, dass solche epigenetischen Muster auch an nachfolgende Generationen weitergegeben werden. Wie genau dieser Prozess abläuft, ist allerdings noch unklar.