Hintergrund | 19.08.2011 | Drucken | Teilen

Klimawandel

Fluchthelfer im Treibhaus

Nicht alle Arten können der Erderwärmung folgen und ihre Vebreitungsgebiete verschieben. Um ihr Aussterben zu verhindern, diskutieren Biologen gezielte Umsiedlungen.
Daniel Lingenhöhl
Goldkröte
© Charles H. Smith / USFWS
Das erste Opfer der Erderwärmung war womöglich die Goldkröte aus Costa Rica: Sie lebte nur in den immerfeuchten Bergnebelwäldern des Monteverde-Schutzgebiets in Costa Rica, wo sie bis 1987 relativ häufig vorkam. In diesem Jahr suchte allerdings eine extreme Dürre die Region heim, die zahlreiche Waldtümpel austrocknete – inklusive des Froschlaichs. Ein Jahr später gelang es Forschern, noch ein knappes Dutzend der Lurche aufzuspüren, 1989 entdeckten sie dann nur ein einziges lebendes Individuum. Seitdem sah niemand mehr eine Goldkröte, und mittlerweile gilt die Art als ausgestorben.

Einige Wissenschaftler vermuten Klimaänderungen hinter dem Verlust. Steigende Durchschnittstemperaturen hätten dafür gesorgt, dass sich die Wolkengrenze in der Gebirgsheimat der Amphibie nach oben verschob, weshalb das Ökosystem trockener wurde. Ein einzelnes Extremereignis – ausgelöst durch einen starken El Niño im Pazifik – bereitete der Goldkröte schließlich den Garaus, indem es den gesamten Nachwuchs tötete, so die Theorie.

Goldkröte
© Charles H. Smith / USFWS
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Die Goldkröte aus Costa Rica ist eine Ikone des Regenwaldschutzes – und Mahnmal für das Artensterben: Bis 1987 symbolisierte sie den Reichtum mittelamerikanischer Nebelwälder, dann verschwand sie wohl für immer.
Womöglich wäre die Art gerettet worden, wenn Forscher damals zu einem letzten Mittel gegriffen hätten, das heute unter Klimaökologen immer stärker diskutiert wird: der hitzebedingten Evakuierung einzelner Spezies in neue Verbreitungsgebiete, die sie aus eigenem Antrieb nur verzögert oder gar nicht erreichen könnten – der Mensch als Fluchthelfer im Treibhaus Erde. "Von Menschenhand unterstützte Wanderungen können niemals allen Wildtieren durch den Klimawandel helfen. Aber sie können einige Arten retten, die Biologen und die Öffentlichkeit als wertvoll genug erachten und die andernfalls aussterben würden", meint Camille Parmesan von der University of Texas in Austin, die diese Nothilfe seit einigen Jahren offensiv vertritt.

Rettungsanker Umsiedlung

Weltweit beobachten Forscher, dass sich die Verbreitungsgebiete verschieben – und das vor allem in Regionen, die sich im globalen Vergleich überdurchschnittlich stark und schnell erwärmen, wie eine neue Studie von Chris Thomas von der University of York und seine Kollegen erbracht hat. Ihre weltweite Analyse von 2000 Beispielen belegt, dass Tier- und Pflanzenarten ihre Heimat auf der Nordhalbkugel dreimal so schnell weiter nach Norden verschieben wie bislang vermutet. "Im Schnitt verlagerten sie ihren Verbreitungsschwerpunkt während der letzten 40 Jahre um mehr als 70 Kilometer nordwärts", erklärt Thomson. Und sie weichen ebenso in die Höhe aus: pro Jahrzehnt um rund zwölf Meter in Richtung Gipfel.

Unter den Arten gibt es jedoch extreme Unterschiede. Während beispielsweise der C-Falter (Polygonia c-album) in Großbritannien seit 1990 mehr als 220 Kilometer nach Norden gerast ist, verharrte der Feurige Perlmutterfalter (Argynnis adippe) praktisch an Ort und Stelle, obwohl er eigentlich ebenso wie der C-Falter von den steigenden Temperaturen profitieren müsste: Der Schmetterling bevorzugt ebenfalls trocken-warme Bedingungen. Die intensive Landwirtschaft auf den Britischen Inseln verknappt jedoch geeignete Lebensräume für ihn – was seine Ausbreitung und Abwanderung entsprechend behindert.

Gefährdete Inselarten

Andere wie die Goldkröte oder der australische Bergbilchbeutler (Burramys parvus) können dagegen nicht ausweichen, selbst wenn sie wollten: Sie existieren nur in ökologischen Inseln, die durch untaugliche und unüberwindbare Lebensräumen von potenziellen Zufluchtsorten getrennt werden: isolierte Seen, einzelne Berge oder Oasen in der Wüste. Etwa ein Zehntel aller Arten könnte deshalb durch den Klimawandel in seiner Existenz bedroht werden, schätzen Biologen. Sie wären potenzielle Kandidaten für einen von Menschenhand durchgeführten Transfer: "Unser Klima wandelt sich schneller, als sich diese Arten anpassen oder ausweichen können. Viele Ökologen denken deshalb auch über derartige Maßnahmen nach", sagt die australische Biologin Eve McDonald-Madden von CSIRO Ecosystem Sciences in Dutton Park.

Eine Lösung, die naheliegt – schließlich haben Naturschützer in der Vergangenheit schon öfter gefährdete Tiere und Pflanzen umgesiedelt, um sie zu retten. Sie brachten unter anderem flugunfähige Vögel auf Inseln, die noch frei von eingeschleppten Fressfeinden waren, oder verfrachteten Nashörner aus Südafrika nach Kenia, wo Wilderer die Bestände dezimiert hatten. In diesen Fällen wurden die Tiere jedoch "nur" in relativer Nachbarschaft ausgesetzt oder in Gebiete zurückgebracht, in denen sie bereits früher heimisch waren.

Bei den Klimaflüchtlingen stellt sich der Umzug dagegen etwas schwieriger dar, schränkt auch McDonald-Madden ein: "Wir müssen abwägen, welchen 'Wert' wir einer Art zugestehen, ob eine Umsiedlung erfolgreich ausfällt und wie viel diese kostet. Wir müssen einigermaßen sicher sein, dass der Klimawandel diese Art schwer trifft und sie sich nicht selbst daran anpassen kann. Und wir müssen bedenken, welche Folgen dies für die Lebensgemeinschaften im Zielgebiet hat." Und vor allem bei einer Gruppe müsse man noch mehr berücksichtigen, ergänzt Katrin Vohland von der Humboldt-Universität zu Berlin: "Bei Raubtieren sollte die Bevölkerung rechtzeitig eingebunden werden."

Florida-Nusseibe
© U.S. Forest Service (USFS)
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Dieses Eibengewächs wird bereits von Nusseibenfreunden aktiv umgesetzt, um es vor dem Klimawandel zu retten: Steigende Temperaturen begünstigen Krankheiten, die der Art schwer zusetzen.
Um festzustellen, wohin man eine Art evakuieren kann, setzen Wissenschaftler auf so genannte biogeoklimatische Verbreitungsmodelle. "Sie basieren auf der statistischen Untersuchung von Klima-, Boden- und Landnutzungsdaten. Die Wahrscheinlichkeit, nach der eine Art in einem bestimmten Gebiet vorkommt, wird dann unter verschiedenen Klimaszenarien getestet. Anschließend erkennt man, in welchen Regionen die Wahrscheinlichkeit, dass sie vorkommen, sinkt oder steigt", so Vohland. Letztere dienen als potenzielle Refugien für gefährdete Spezies.

Erfolgreiche Tests

Diese liegen möglichst innerhalb einer einheitlichen biogeografischen Region, so dass sich ausgesetzte Tiere oder Pflanzen nicht plötzlich als invasive Exoten entpuppen. "Es kommt nicht in Frage, dass wir Eisbären in die Antarktis schaffen, wo sie wahrscheinlich die Pinguine an den Rand des Aussterbens treiben würden", entwarnt Parmesan. Doch es spricht wenig dagegen, Falter oder Frösche etwa aus Frankreich nach Skandinavien zu bringen. "Das ursprüngliche Ökosystem könnte sich verändern, das stimmt. Doch die Erderwärmung wälzt bereits alle biologischen Gemeinschaften rapide um – kein Wandel ist also keine Option mehr. Vielerorts werden deswegen neue invasive Arten auftauchen, die zuvor schon weit verbreitet und häufig waren. Wenn man nun einige wenige gefährdete Spezies künstlich hinzufügt, verstärkt das die ökologischen Umwälzungen nur geringfügig", plädiert Thomas für aktives Handeln.

In Einzelfällen proben Pioniere bereits diese künstliche Migration – wie im Fall der Florida-Nusseibe (Torreya taxifolia): Sie wächst nur an einem 35 Kilometer langen Abschnitt entlang des Apalachicola-Flusses im Südosten der USA, wo sie sich aber nicht mehr fortpflanzt und unter steigenden Temperaturen leidet. Etwas weiter nördlich, in kühleren Gefilden, gedeiht sie jedoch prächtig. Die Torreya Guardians, Naturschützer aus Florida, pflanzen das Gewächs deshalb mittlerweile 500 Kilometer weiter nördlich in den südlichen Appalachen an, um die Art zu retten. Und Anfang des Jahrtausends fingen britische Forscher um David Roy von der University of Durham Schachbrett- (Melanargia galathea) und Braun-Dickkopffalter (Thymelicus sylvestris) in Yorkshire ein und siedelten sie in Northumberland erfolgreich an – weit nördlich ihrer urspünglichen Verbreitungsgebiete.

Schachbrettfalter
© Michael Apel
CC BY-SA
 Bild vergrößernSchachbrettfalter
Dieser Schmetterling gehört zu den häufigeren Arten Europas und wurde deshalb gefahrlos zu Testzwecken umgesiedelt. Forscher wollten herausfinden, ob diese Maßnahme helfen kann, um hitzegefährdete Insekten zu evakuieren.
In Deutschland beschäftigen sich Wissenschaftler und Naturschützer hingegen noch kaum mit dieser Option des Artenschutzes. "Dabei spielen sicherlich nicht nur naturwissenschaftliche Gründe eine Rolle, sondern es gibt wohl auch grundlegende Unterschiede im Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Man ist in Deutschland vielleicht etwas weniger technikgläubig als in anderen Ländern", meint Katrin Vohland. Zudem leben in Deutschland im Gegensatz zu Ländern wie Australien oder den USA kaum endemische Arten, die unwiederbringlich verloren gehen könnten – die Frage nach Umsiedlungen ist also weniger drängend.

Camille Parmesan ist hingegen überzeugt, dass angesichts der schleppenden Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen auch die aktive Umsiedlung von Arten zwingend erforderlich sein wird, um einen Teil der Biodiversität zu retten: "Die Entscheidung darüber basiert letztlich ebenso auf ethischen und ästhetischen wie auf harten wissenschaftlichen Fakten. Um die Vielfalt des Lebens in Zeiten des Klimawandels zu bewahren, müssen wir fundamental umdenken."
© Spektrum.de