Es war eine kulturelle Revolution: Statt grobschlächtig behauener Steine tauchten plötzlich effektive und fein verarbeitete Werkzeuge auf. Es entstand – nahezu aus dem Nichts – eine figurative Kunst auf erstaunlich hohem Niveau, wie die fantasievollen Fresken in der Höhle von Chauvet oder die filigranen Elfenbeinfigürchen von der Schwäbischen Alb auf eindrucksvolle Weise zeigen. Vor 35 000 Jahren brach in Europa die Kulturstufe des Aurignacien an und läutete damit die jüngere Altsteinzeit, das Jungpaläolithikum, ein.

Höhlenmalereien von Chauvet
© J. Clottes
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Gleichzeitig verschwand – genauso schlagartig – eine Menschenart, die heutigen Anthropologen noch immer Rätsel aufgibt: der Neandertaler, auch Homo neanderthalensis genannt. Mindestens 200 000 Jahre hat er dem eiszeitlichen Klima Europas getrotzt und dabei die Kulturstufe des Moustérien in der mittleren Altsteinzeit geschaffen. Auch die erste Kulturstufe des frühen Jungpaläolithikums, das Châtelperronien, wird ihm noch zugesprochen – bevor er sich dann für immer verabschiedete.

Cro-Magnon-Mensch und Neandertaler
© Proceedings of the National Academy of Sciences
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Nur wenige Jahrtausende zuvor betraten die ersten Vertreter des anatomisch modernen Menschen, Homo sapiens, die europäische Bühne. Benannt nach einem Fundort in der französischen Dordogne galt bisher der Cro-Magnon-Mensch als alleiniger Träger des Aurignacien. Doch manche Forscher, wie der Tübinger Archäologe Nicholas Conard, halten es durchaus für möglich, dass der Neandertaler vor seinem Abgang an dieser kulturellen Revolution zu Beginn des Jungpaläolithikums zumindest beteiligt war. Denn bisher fanden sich fast nie Artefakte des Aurignacien zusammen mit sterblichen Überresten von Cro-Magnon-Menschen; und die wenigen Funde, wie zum Beispiel die Skelette in der Vogelherdhöhle, erwiesen sich im Nachhinein als falsch datiert: Statt 30 000 Jahre, wie die hier ebenfalls entdeckten Elfenbeinschnitzereien, waren sie nur 5000 Jahre alt – und entfielen damit als Schöpfer der Kunstwerke. Betätigten sich hier Neandertaler als Kunstschnitzer?

Elfenbeinschnitzerei aus der Vogelherdhöhle
© Hilde Jensen, Universität Tübingen
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Das bezweifelt allerdings Conards Kollege Paul Mellars von der Universität Cambridge. Vielleicht, so spekuliert er, waren die Cro-Magnon-Menschen, im Gegensatz zu den Neandertalern, wenig geneigt, ihre Toten dort zu bestatten, wo sie auch lebten und ihre Kulturgüter hinterließen. Außerdem sollte die Radiokarbondatierung, bei der die Konzentration des radioaktiven Kohlenstoffisotops 14C gemessen wird, kritisch hinterfragt werden. Einerseits schwankte der 14C-Gehalt in der Atmosphäre beträchtlich, andererseits ist die Methode sehr empfindlich gegenüber Verunreinigungen: Eine 40 000 Jahre alte Probe, die nur zu einem Prozent mit heutigem Kohlenstoff verunreinigt ist, wird über 6000 Jahre zu jung datiert, rechnet Mellars vor. So könnten beispielsweise Schmuckstücke aus Muschelschalen, die bei der namensgebenden Fundstätte Cro Magnon entdeckt worden sind, mit einem Alter von 27 680 Jahre jedoch als zu jung galten, in Wirklichkeit wesentlich älter sein – und damit zeitlich viel besser zu den mindestens 30 000 Jahre alten Fossilien passen.

Mellars geht somit davon aus, dass die Kultur des Aurignacien allein von Homo sapiens stammt. Aus Israel kommend, wo die ältesten, über 45 000 Jahre alten Funde dieser Kulturstufe auftauchten, drang er einerseits über das Donautal, andererseits entlang der Mittelmeerküste nach Europa vor – und stieß hier auf den lange heimischen Neandertaler. Mellars zweifelt nicht, dass die beiden Populationen irgendwie miteinander in Berührung kamen. Dass sie sich vermischt haben, wird inzwischen von den meisten Anthropologen nicht mehr angenommen – zumindest haben sich sämtliche Spuren aus dem Neandertal in unserem Erbgut verflüchtigt. Ob die Begegnung weniger friedlich verlief, weiß niemand.

Doch muss man nicht gleich annehmen, dass unsere Vorfahren ihren Brüdern die Schädel einschlugen. Eine bessere Anpassung an die Umwelt könnte genügen, um die lästigen Konkurrenten loszuwerden. Diese Überlegenheit der Einwanderer gegenüber den Alteingesessenen sieht Mellars in der Kunst, die sie mitbrachten. Sie deutet auf ein symbolisches Denken hin, das den Neandertalern in dieser Form wohl fehlte.

"Vielleicht war es das Auftreten einer komplexen Sprache und anderen Formen der symbolischen Kommunikation, die den Populationen des modernen Menschen den entscheidenden Anpassungsvorteil gaben und zu ihrer anschließenden Verbreitung über Asien und Europa sowie zum Verschwinden der europäischen Neandertaler führten", spekuliert Mellars weiter. "Der genaue Mechanismus und der zeitliche Ablauf dieser dramatischen Ausbreitung aus dem südlichen Afrika über den ganzen Rest der Welt bleibt zu erkunden."