Einer "feuchten Aussprache" der ganz besonderen Art ist jetzt ein dreiköpfiges Forscherteam um Caleb Everett von der University of Miami auf der Spur: Seinen Untersuchungen zufolge ist in bestimmten Weltgegenden ein bestimmter Sprachtypus besonders häufig, weil dort eine angenehme Luftfeuchte den Sprechern hilft, die hohen Ausspracheanforderungen dieser Sprachen besser zu meistern. Ein kurioses Ergebnis, das die Forscher allerdings mit statistischen Beobachtungen untermauern können.

In den Blick haben sie konkret so genannte Tonsprachen genommen, zu denen beispielsweise das Hochchinesische zählt. Diese offenbaren ein für mitteleuropäische Ohren ungewohntes Phänomen: Wörter unterscheiden sich dort mitunter einzig und allein in der Intonationskurve, mit der sie ausgesprochen werden. Je nachdem ob sich die Stimme hebt, senkt oder irgendeinen anderen festgelegten Verlauf nimmt, bedeutet das ausgesprochene Wort etwas anderes.

Bei besonders ausgefallenen Beispielen, wie etwa dem in Ostasien gesprochenen Hmong, werden sogar acht oder mehr "Töne" – also Intonationskurvenverläufe – gezählt: von "gleich bleibend hoch" über "mittelsteigend" bis hin zu "steigend – fallend – steigend" findet sich fast jedes denkbare Muster in irgendeiner Sprache.

Gut geöltes Stimmorgan

Wie die Forscher nun anmerken, ist dafür eine besonders feine Steuerung der Artikulationsorgane vonnöten. Vor allem die Stimmlippen im Kehlkopf müssen von den Sprechern präzise beherrscht werden, um die Tonhöhenschwankungen auf Kommando zu produzieren. Gerade die Präzision der Kehlkopfsteuerung leidet aber bei zu trockener Luft, berichten die Wissenschaftler unter Berufung auf entsprechende physiologische Studien: Schon ein paar Atemzüge künstlich entfeuchteter Luft genügten, damit die Akkuratheit von Tonhöhe und Lautstärke eines Probanden abnimmt, fanden Wissenschaftler beispielsweise im Labor heraus.

Verteilung von Tonsprachen
© Everett, C. et al., PNAS USA 10.1073/pnas.1417413112, fig. 1
(Ausschnitt)
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Außerhalb der Gegenden mit hoher Luftfeuchtigkeit gibt es nur sehr wenige Tonsprachen (rote Punkte). Dort ist allerdings auch die Zahl der Nichttonsprachen (blau) besonders hoch. Außerdem ballen sich Tonsprachen in bestimmten Arealen wie etwa Südostasien, in denen mehrere Sprachfamilien beheimatet sind.

Everett und Kollegen erwarteten deshalb, dass in Gegenden mit geringer Luftfeuchte Tonsprachen eher rar sein dürften: Jedes Mal, wenn dort ein Tonsystem im Entstehen begriffen ist oder durch Zuwanderung importiert wird, erhöht sich die Zahl der Missverständnisse leicht. Dieser "evolutionäre Nachteil" für das Tonsystem wird früher oder später dazu führen, dass es (wieder) abgeschafft wird.

Statistik muss Beleg liefern

Natürlich handelt es sich dabei, wenn überhaupt, nur um einen schwachen Effekt, der sich erst in der Sprachgemeinschaft als Ganzes und über Zeiträume von Jahrzehnten oder noch länger bemerkbar macht – zwei Chinesischsprecher können sich bei einem Ausflug in die sibirische Tundra hervorragend miteinander verständigen. Doch auf die Dauer sollte sich dieser geringe, aber unablässig auftretende Nachteil auswirken, meinen die drei Linguisten.

Den Beleg für diese Hypothese wollen sie nun durch eine statistische Untersuchung anhand von Sprachsammlungen wie dem World Atlas of Language Structure gefunden haben. Tatsächlich ist schon beim Blick auf eine Weltkarte der Tonsprachen verblüffend klar erkennbar, dass diese hauptsächlich in den feuchtwarmen Tropen gesprochen werden. Das unterstützt die These von Everett und Co.

Doch wie schon bei der Vorgängerstudie, bei der Everett dünne Bergluft für ein erhöhtes Auftreten von Ejektivkonsonanten verantwortlich machte, kommt es vor allem darauf an, die zahlreichen denkbaren Störquellen aus dieser Statistik zu eliminieren. So ist zum einen ganz allgemein die Sprachenvielfalt in den Tropen besonders hoch und in dünn besiedelten, trockenen Gebieten eher gering. Dementsprechend findet sich jedes sprachliche Merkmal absolut gesehen häufiger in den Tropen.

Alles nur Zufall?

Zum anderen kann der historische Zufall seine Finger im Spiel haben. Er beschert manchen Sprachfamilien mitsamt ihren linguistischen Merkmalen eine größere geografische Verbreitung – ohne dass dies irgendeine tiefere Bedeutung in sprachwissenschaftlicher Hinsicht hätte.

Derartige Einwände versuchen die Wissenschaftler zu entkräften, indem sie durch ein computergesteuertes Zufallsverfahren Stichproben vergleichen, die die jeweilige Familienzugehörigkeit berücksichtigen. Auch in diesem Fall zeige sich deutlich ein charakteristisches Fehlen von Tonsprachen in Trockengebieten.

Ob sie damit die Kritiker, die sie mit ihrer Veröffentlichung unweigerlich auf den Plan rufen werden, überzeugen können, ist derzeit noch offen. Laut der unter Linguisten allgemein verbreiteten Ansicht spielen derartige äußere Einflüsse bei der Herausbildung sprachlicher Eigentümlichkeiten nämlich keine nennenswerte Rolle: Wie sich eine Sprache in ihrem Lautsystem fortentwickelt, wird entscheidend von ihrer familiären Abstammung und ihren Nachbarsprachen geprägt, ob diese nun verwandt sind oder nicht. So ergab es jetzt beispielsweise auch eine zeitgleich im selben Fachjournal veröffentlichte Studie.