Eine Schatztruhe ganz ohne Gold und Juwelen, dafür mit einem mindestens genauso wertvollen Inhalt, bewahrt das Kommunikationsmuseum in Den Haag auf: Rund 2600 Briefe aus den Jahren 1689 bis 1706, die ihre Empfänger nie erreichten. Etwa 600 davon tragen noch ein originales, unversehrtes Wachssiegel. Jetzt sollen sie im Rahmen des Projekts "Signed, Sealed, & Undelivered" erstmals gelesen und ausgewertet werden – ohne die Siegel zu brechen.

Möglich macht das eine hochauflösende 3-D-Röntgentechnologie, wie sie in der Zahnheilkunde verwendet wird, und die Tatsache, dass die frühneuzeitliche Tinte Eisenpartikel enthält. Dadurch stehen die einzelnen Buchstaben in einem starken Kontrast zum umgebenden Papier. Das Team plant, die vielfach gefalteten Briefpakete als Ganzes zu durchleuchten und jede ihrer Seiten anschließend "wie ein Puzzle" am Computer zusammenzusetzen, erklärt Teamleiterin Nadine Akkerman von der Universität Leiden.

Originalversiegelt
© Signed, Sealed & Undelivered Team, 2015. Courtesy of the Museum voor Communicatie, The Hague
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Die Sammlung in der Truhe geht auf den Postmeister Simon de Brienne und seine Frau Maria Germain zurück. Das Ehepaar hatte nicht nur Pöstchen am Hof des späteren englischen Königs Wilhelm III. von Oranien inne, sondern war auch mit der Abwicklung der Korrespondenz zwischen Den Haag und Frankreich, den Spanischen Niederlanden sowie Spanien betraut. Briefe, deren Empfänger verstorben waren, nicht ausfindig gemacht werden konnten oder deren Annahme verweigert wurde, sammelten die de Briennes vorsorglich in einer mit Seehundfell wasserdicht verkleideten Kiste – vielleicht würde sich das vom Empfänger zu entrichtende Porto ja doch noch eintreiben lassen. Dieses vom Postmeister als "Sparschwein" titulierte Schatzkästlein wurde 1926 dem Haager "Museum voor Communicatie" übereignet.

Not vertriebener Hugenotten und schwangerer Sängerinnen

Ausführliche Informationen über die geschichtlichen Hintergründe und die Lesetechnik sowie zahlreiche Bilder hat das Projekt auf seiner Website zusammengestellt.

Bereits bekannt ist den Forschern, dass die Sammlung Briefe enthält, die sich Angehörige von Hugenottenfamilien schickten. Sie berichten von den Belastungen, denen die Verfasser durch Exil und Trennung ausgesetzt waren, erklärt David van der Linden von der Universität Groningen. "Diese Hugenottenbriefe zeigen, wie hoch der emotionale Preis war, den manche Vertriebene und Auswanderer zu zahlen hatten – in der frühen Neuzeit ebenso wie heute." Viele Sorgen und Nöte, von denen in den Briefen die Rede ist, würden uns heute vertraut vorkommen, sagt Rebekah Ahrendt von der Yale University, die wie van der Linden ebenfalls an der Entzifferung mitarbeitet.

Schatzkiste mit Briefen
© Signed, Sealed & Undelivered Team, 2015. Courtesy of the Museum voor Communicatie, The Hague
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Ganz anders als bei offiziell gesammelten Dokumenten in den Archiven konservieren die Briefe aus der Postkiste Momente aus dem damaligen Alltagsleben normaler Bürger. Verfasser der Schreiben sind Männer und Frauen aller Altersgruppen. Rein zufällig ist die Sammlung allerdings nicht: Da die Briefe erst dann in die Kiste gelangten, wenn sie nicht zugestellt werden konnten, verbergen sich nicht selten besondere Schicksale hinter den Nachrichten. So etwa die Geschichte einer Frau, die im Namen einer Freundin einen reichen Händler um Geld bittet. Ihre Freundin, eine Opernsängerin, musste Den Haag verlassen, weil sie "einen schrecklichen Fehler" gemacht habe – und nun, wie der Adressat erraten soll, vermutlich schwanger ist. Doch dieser hat das Bittschreiben nicht entgegengenommen, es ist als "abgelehnt" markiert.

Die hohe Kunst, einen Brief zu falten

Zudem enthält de Briennes Kiste zahlreiche Verwaltungsdokumente, die das Paar im Rahmen seiner postalischen Tätigkeit oder zu Buchhaltungszwecken anlegte. Auch diese Schriftstücke hätten sich als sehr aufschlussreich erwiesen, erklärt Ahrendt: "Wir konnten herausfinden, wie die Postrouten und das Finanzsystem der damaligen Zeit funktionierte. Dokumentiert ist auch, an welchen Stellen man einen Reiter oder einen Fährmann dafür bezahlte, die Post zu transportieren. Wir haben die Verbindung zwischen dem Postamt in Den Haag und dem Postamt in Paris näher kennen gelernt. Und wir haben sogar einen gepfefferten Brief des Pariser Postmeisters gefunden, der sich darüber beschwert, dass er nicht ordentlich bezahlt wurde", sagt die Forscherin.

"Letterlocking" in Perfektion
© Signed, Sealed & Undelivered Team, 2015. Courtesy of the Museum voor Communicatie, The Hague.
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Geübte Briefeschreiber wussten, wie sie ihre Post zusammenfalten, so dass sie nur durch Bruch des Siegels gelesen werden konnte. Bei manchen Techniken wurden weitere Papierschnipsel verwendet und Schnitte in die Briefbögen gemacht. Die Wahl einer stilvollen Technik zeugte zudem vom guten Geschmack eines Schreibers.

Fasziniert sind die Wissenschaftler von der raffinierten Falttechnik, die in den Briefen verwendet wurde: Jeder geübte Briefschreiber wusste damals, wie man einen Brief so faltet, dass er ohne Bruch des Siegels nicht gelesen werden kann. Die Forscher haben dafür den Ausdruck "Letterlocking" erfunden. An der Korrespondenz aus de Briennes Kiste wird besonders gut erkennbar, welche unterschiedlichen Methoden in Gebrauch waren, die alle ihren eigenen "Sicherheitsgrad" boten.

Komplexität und Erfindungsreichtum der Falttechniken würden ihresgleichen suchen, erklärt Jana Dambrogio. Die Konservatorin am MIT will nun die Erforschung des "Letterlocking" voranbringen. In einem eigenen Youtube-Kanal demonstriert sie beispielsweise ausführlich die historische Faltkunst, die erst mit der Verbreitung des selbstklebenden Umschlags außer Gebrauch kam.

Zur Röntgendurchleuchtung hat sich das Team Unterstützung bei der Gruppe des "Apocalypto Project" geholt. Die Bildgebungsexperten versuchen auch anderen historischen Dokumenten ihre Geheimnisse zu entlocken, beispielsweise mittelalterlichen Schriftrollen. Ein weiteres Team hat sich kürzlich vorgenommen, mit einer verwandten Technik verkohlte Schriftrollen aus der antiken römischen Stadt Herculaneum zu entziffern. Die Papyrusrollen sind zu brüchig, um sie ohne Beschädigung auseinanderzurollen, doch mit Hilfe der Scanner können zumindest Teile in ihrem Innern wieder sichtbar gemacht werden.