Wer als Kind mit zwei Sprachen aufwächst, kann sich später nicht nur in verschiedenen Ländern gut verständigen, sondern ist seinen Mitmenschen auch geistig überlegen. Dieses Bild vermittelten zumindest in den vergangenen Jahren zahlreiche wissenschaftliche Studien. Sie fanden Belege dafür, dass Zweisprachigkeit die kognitive Kontrolle stärkt und so etwa dafür sorgt, dass die Betreffenden ihre Aufmerksamkeit besser bündeln können, Ablenkungen leichter ignorieren und zwischen verschiedenen Aufgaben flexibler hin und her wechseln.

Ein Stück weit Zweifel an diesen Ergebnissen weckt nun eine Studie von Forschern um Angela de Bruin von der University of Edinburgh. Im Rahmen einer umfangreichen Literaturrecherche stellten sie nämlich fest, dass Arbeiten, die einen Vorteil für die Zweisprachigkeit bescheinigen, offenbar auch deutlich häufiger publiziert werden.

De Bruin und ihr Team untersuchten insgesamt 104 Beiträge auf Fachtagungen, die sich zwischen 1999 und 2012 dem Thema Bilingualismus und kognitive Kontrolle widmeten. Anschließend schauten die Wissenschaftler, welche dieser Forschungsergebnisse tatsächlich in einem Fachmagazin veröffentlicht wurden. Das traf auf 63 Prozent aller Ergebnisse zu, die auf einen positiven Zusammenhang zwischen Zweisprachigkeit und allgemeiner Denkfähigkeit hindeuteten – aber nur auf 36 Prozent aller Studien, die den Vorteil der zweiten Sprache eher in Zweifel zogen. Nun könnte man meinen, dass letztere Studien vielleicht auch häufiger methodische Schwächen aufwiesen und es allein deshalb nicht bis zur Veröffentlichung schafften. Im Hinblick auf die Anzahl der Versuchspersonen oder das Testprozedere entdeckten die Forscher aber keine generellen Unterschiede.

Negative Ergebnisse verschwinden in der Schublade

Die Wissenschaftler glauben daher, den Beweis dafür gefunden zu haben, dass die Datenlage zu dem Thema positiv verzerrt ist. Dieser so genannte "Publikationsbias" ist dabei ein bekanntes Problem, das auch in zahlreichen anderen Fachdisziplinen auftritt und an verschiedenen Stellen zum Vorschein kommt. So lassen etwa viele Forscher Ergebnisse, aus denen sich kein eindeutiger Effekt ableiten lässt, einfach in der Schublade verschwinden oder berücksichtigen nur jene Versuchsteile in ihren Artikeln, die ins positive Gesamtbild passen. In diesem Zusammenhang bekennt auch das Team um de Bruin, "schuldig" zu sein: Auch sie hätten in der Vergangenheit bereits Experimente, die keinen Vorteil für die Zweisprachigkeit erkennen ließen, unter den Tisch gekehrt, wie sie in ihrer aktuellen Studie schreiben. Zudem gilt mittlerweile als gut belegt, dass auch viele Fachmagazine Arbeiten eher ablehnen, wenn sie negative Effekte aufzeigen oder zu gar keinem eindeutigen Ergebnis kommen.

Bedeutet das nun, dass frühes Sprachenlernen doch keinen Vorteil mit sich bringt? Nein. Auch das sagen de Bruin und ihre Kollegen ganz deutlich. Aber möglicherweise ist dieser Vorteil eben nicht so groß und konstant, wie bisher angenommen. Denn auch das Bild, das Übersichtsarbeiten liefern, die eine große Zahl an Studien zu einem Thema bündeln, werde durch den Überhang an positiven Ergebnissen verzerrt, schreiben die Forscher. Um ein umfassendes Bild zu gewinnen, seien daher alle Forschungsarbeiten wichtig, auch jene, die am Ende vielleicht sogar zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen. Nur so könne man letztlich einschätzen, wann Zweisprachigkeit wirklich einen Einfluss hat – und wann eben nicht.