Ein schwelender Konflikt um die Spratly-Inseln im Südchinesischen Meer droht demnächst mit Waffengewalt ausgetragen zu werden. Bereits "ein kleiner Vorfall" könne "zum Krieg führen", warnte der Chef der chinesischen Marine, Admiral Wu Shengli, als vor wenigen Wochen ein Kriegsschiff der USA vor den Spratlys auftauchte. Das ist nicht nur für die Menschen, sondern auch für die Natur eine Bedrohung, schließlich findet sich auf den Inseln eine große biologische Vielfalt.

China betrachtet das Südchinesische Meer und das darin gelegene Spratly-Archipel aus mehr als 100 weit verstreuten Riffen, Atollen und kleinen Inseln als sein "ureigenstens Territorium". Die anderen Anrainerstaaten Vietnam, Taiwan, Brunei, Malaysia und die Philippinen erheben ebenfalls Besitzansprüche auf Inseln in dem Archipel und fühlen sich durch die Expansionslust der Chinesen wirtschaftlich und militärisch bedroht.

"Wenn jemand ein Korallenriff ganz oder teilweise unter Tonnen von Sand begräbt, ist der Verlust dauerhaft und unumkehrbar." John McManus

Wissenschaftler haben eine Idee, wie der Konflikt vielleicht nicht gelöst, aber entschärft werden kann: durch einen Peace Park. Im Mittelpunkt eines solchen Friedensparks steht die Idee der gemeinsamen Bewahrung des Ökosystems und die vertraglich geregelte Nutzung der natürlichen Ressourcen der betreffenden Region. Über den Schutz von putzigen Nemos und bunten Korallen, so die Hoffnung, können sich Konfliktparteien leichter verständigen als über Grenzverläufe und Besitzansprüche. Als Vorbild für ein Abkommen über eine friedliche Nutzung könnte der Antarktisvertrag dienen, findet der Meeresbiologe John McManus von der University of Miami. "Wenn jemand ein Korallenriff ganz oder teilweise unter Tonnen von Sand begräbt, ist der Verlust dauerhaft und unumkehrbar", warnt der Spratlyskenner. Genau das droht aber gerade zu geschehen: Der Krieg gegen die maritime Natur rund um das Archipel ist bereits in vollem Gang. Die Waffen der Chinesen sind Bagger, mit denen sie vom Grund des Meers zehntausende Tonnen Sand, Gestein und Korallen ausbaggern. Damit schütten sie Land an den kleinen Inseln auf und bauen zusätzliche künstliche Inseln, um Platz zu schaffen für den Bau von militärischen Anlagen und Häfen.

Rohstoffe als überschätzte Interessen

Warum aber bietet eine kleine Anzahl winziger Riffe brisanten Konfliktstoff für gleich sechs Nationen? Eine Antwort auf diese Frage versucht Lin Alexandra Mortensgaard in ihrem Paper "The Spratly Islands Dispute – A Discourse Analysis". Darin schreibt Expertin für internationale Beziehungen von der St Andrews University in Schottland: "Die vorliegende Literatur neigt dazu, sich auf zwei Hauptgründe zu konzentrieren: Rohstoffe und strategische Interessen." Die Sache mit den Rohstoffen sei aber fragwürdig. "Die US-amerikanische Energy Information Agency (EIA) schätzt das Ölvorkommen im Südchinesischen Meer auf elf Milliarden Barrel und das Gasvorkommen auf 190 Billionen Kubikmeter", schreibt Mortensgaard. "Aber nach Angaben der EIA verfügen die Spratly-Inseln über praktisch keine nachgewiesenen oder wahrscheinlichen Ölreserven."

Antarktis
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Die friedliche Nutzung der Antarktis – insbesondere für die wissenschaftliche Forschung, die im Antarktisvertrag festgeschrieben ist, gilt als Vorbild für die Peace Parks.

Strategisch aber sind die Spratlys von enormer Bedeutung. "Durch das Südchinesische Meer führt die zweitwichtigste Seestraße der Welt, über die ein großer Teil des Welthandels transportiert wird", weiß Mortensgaard. "Hinzu kommt die Bedeutung des Südchinesischen Meers als militärisch entscheidende Passage. Länder, die die Spratlys kontrollieren, könnten feindliche Seestreitkräfte an der Durchfahrt hindern. Zudem sind die Spratlys ein wichtiger Beobachtungsposten."

Ökologisch sind die chinesischen Aktivitäten im Spratly-Archipel mit seiner sehr hohen Biodiversität und der Streit um die Inseln verheerend. Die Riffe im Spratly-Archipel gelten als die Kinderstube der maritimen Fauna des Südchinesischen Meers wie auch als wichtiger Zwischenstopp für die Zugvögel Ostasiens. "Meine Studien und die vieler Kollegen zeigen, dass die komplexen, sich oft ändernden Strömungen im Südchinesischen Meer schubweise Fischlarven zu den Riffen an den Küsten rund um das Südchinesische Meer bringen", sagt McManus.

Fischbestände im Südchinesischen Meer stark dezimiert

Überfischung, zerstörerische Fangmethoden mit Dynamit und Zyanid und die Auswirkungen des Klimawandels aber haben in den letzten Jahrzehnten Fischbestände im Südchinesischen Meer stark dezimiert. Bleibt auch noch der Nachschub an Jungfischen aus, ist die Ernährungssicherheit von Millionen Menschen der Anrainerstaaten gefährdet. Ein "vertracktes Problem" nennt Terry Hughes, Direktor des Australian Research Council (ARC) Centre of Excellence for Coral Reef Studie, das "durch die Militarisierung der Inseln durch China noch vertrackter" werde.

Sowohl McManus als auch Hughes gehören zu einer Gruppen Wissenschaftler aus Taiwan, den Philippinen und den USA, die sich für die Schaffung eines maritimen Friedensparks rund um die Spratlys als eleganten Ausweg aus der verfahrenen Situation einsetzen. "Analysten glauben nicht, dass die beteiligten Länder ihre jeweiligen territorialen Ansprüche aufgeben", sagt McManus. "Es gibt daher keine anderen Lösungen als entweder weiter den Weg hin zu einem bewaffneten Konflikt zu gehen oder die Ansprüche einzufrieren. Die Option eines Friedensparks schließt das Einfrieren der Ansprüche sowie von Aktivitäten zur Untermauerung der Ansprüche für einen bestimmten Zeitraum ein."

Afrikanischer Elefant
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Auch die Elefanten im Grenzgebiet von Malawi und Sambia profitieren von der neuen friedlichen Zusammenarbeit der beiden Länder: Mit vereinter Kraft gehen die dortigen Ranger gegen Wilderer vor.

Friedensparks als vertrauensbildende zwischenstaatliche Maßnahme in Konfliktregionen sind kein Wunschtraum verträumter Bewohner des akademischen Elfenbeinturms. Im Gegenteil, es gibt bereits zahlreiche solcher Parks in Asien, Südamerika und vor allem in Afrika. Im grauen Alltag der Verhandlungen zwischen Regierungen und anderen beteiligten Gruppen wie Militär, Wirtschaft, Wissenschaft, Umwelt- und Tierschutz und den Menschen vor Ort heißen solche geschützten Regionen ganz nüchtern Transfrontier Conservation Area (TFCA): grenzüberschreitende Naturschutzgebiete.

Bereits 18 Friedensparks in Afrika

Das jüngste derartige Gebiet haben 2015 die Präsidenten von Sambia und Malawi, Peter Mutharika und Edgar Lungu, mit ihrer Unterschrift unter den Vertrag über den Peace Park im Grenzgebiet ihrer Länder ins Leben gerufen. Mit von der Partie ist die in Südafrika beheimatete Peace Park Foundation, die bei afrikanischen TFCA-Initiativen die Rolle als Kooperationspartner, Moderator und Experten spielt. "18 TFCAs gibt es derzeit in Afrika", sagt Paul Bewsher aus dem südafrikanischen Stellenbosch. "Es sind inzwischen die Regierungen, die die Initiativen übernehmen. Ohne die Unterstützung von Regierungen wären solche TFCAs aber nicht möglich", betont der Experte für die TFCA-Entwicklung der Peace-Park-Stiftung.

Probleme gibt es trotzdem. Schon der Weg zu einem unterschriftsreifen Vertrag ist lang und steinig. "Bis zur Vertragsunterschrift zwischen Sambia und Malawi sind zehn Jahre ins Land gegangen", erinnert sich Bewsher. Aber auch existierende TFCAs seien nicht immun vor Problemen und Rückschlägen durch Bergbau, den Bau von Häfen oder Wilderei. "Das erleben wir gerade im TFCA Greater Limpopo, wo die illegale Jagd auf Nashörner blüht."

Grenzkonflikte gibt es in dieser Welt reichlich. Die etwa 195 souveränen Staaten teilen sich rund 250 000 Kilometer Landgrenzen. "Gut die Hälfte der Grenzverläufe sind unklar und umstritten", heißt es in dem Oktober 2015 veröffentlichten Text der IUCN "Transfrontier Conservation For Enhanced Political Relations And Stability". Hinzu kämen noch Tausende von Kilometern maritimer Grenzen, von denen laut IUCN "mehr als zwei Drittel umstritten sind".

Humanitäre und wirtschaftliche Gründe sprechen für Friedensparks

Die Chancen der Spratlys, ein solches grenzüberschreitendes Naturschutzgebiet zu werden, sind derzeit sehr ungewiss. Vor dem Ständigen Schiedshof in Den Haag läuft seit dem Herbst 2015 ein von den Philippinen angestrengtes Schiedsverfahren in Sachen Spratlys, das von China aber nicht anerkannt wird. "Wir werden nicht teilnehmen, und wir werden das Schiedsverfahren nicht akzeptieren", sagte Vizeaußenminister Liu Zhenmin. Sollte das Schiedsverfahren scheitern, so McManus, dann "wäre der Friedenspark aus humanitären, wirtschaftlichen und andere Gründen einem potenziellen bewaffneten Konflikt vorzuziehen."

Für den Meereswissenschaftler Porfirio M. Aliño von der University of the Philippines ist noch nicht längst nicht aller Tage Abend. Den besten Bündnispartner sieht er im Faktor Zeit. Umweltschutz als "stimmige Speerspitze" für eine "umfassende maritime Politik" sei noch relativ neu und erst im "letzten Jahrzehnt etwas weiter entwickelt worden". Hoffnungsfaktor Nummer zwei ist für Aliño die "Millennium-Generation". Die junge Generation als zukünftige Wähler habe ein stark ausgeprägtes Umweltbewusstsein und sei sich zugleich der Bedrohung durch die zunehmenden globalen, gewaltsamen Konflikte bewusst. "Das bietet die Grundlage, um nachhaltigere Lösungsansätze zu verfolgen. Die Win-Win-Chance der Option Peace Park wird heute deutlicher gesehen als noch vor 20 Jahren."

Das wäre ganz im Sinn des 1997 verstorbenen Deng Xiaoping, der in China vor einigen Jahrzehnten die Grundlagen für die Reform und die Öffnung Chinas legte. Der weise Rat des Reformers: "Man muss weitsichtig, nicht kurzsichtig sein!" Und: "Wenn wir das Problem mit dem Südchinesischen Meer nicht lösen können, dann sollten wir es der nächsten, klügeren Generation überlassen."