Der Erregerstamm, der im frühen Mittelalter zwischen 541 und 543 als "Justinianische Pest" auch in Europa Millionen Opfer gefordert hatte, stammte wahrscheinlich aus China und ist ausgestorben. Dies zeigt der Vergleich des nun sequenzierten Erbguts mit den bereits bekannten Genomen des Erregers des "Schwarzen Todes" und rezenten Stämmen.

Lange Zeit war umstritten, ob die Justinianische Pest, benannt nach dem römischen Kaiser Justinian I., in dessen Regierungszeit von 525 bis 548 die Pandemie fiel, tatsächlich auf den Pesterreger Yersinia pestis zurückging. Einige Forscher machten andere Krankheiten für die unzähligen Toten verantwortlich, allerdings wiesen Forscher typische Gensequenzen des Bakteriums in Zähnen von Skeletten aus einem frühmittelalterlichen Gräberfeld im bayerischen Aschheim nach. Y. pestis war also zumindest an der Pandemie beteiligt. Zudem beschreiben historische Aufzeichnungen ähnliche Symptome, wie sie später beim Schwarzen Tod berichtet werden.

Ein Skelett von Aschheim
© Michaela Harbeck, Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie
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Die Skelette des frühmittelalterlichen Gräberfeldes von Aschheim stammen aus der Zeit, als die Justinianische Pest in Europa wütete.
Mit neuesten Techniken gelang es nun Forschern um David Wagner von der Northern Arizona University und Jennifer Klunk von der McMaster University, aus Zähnen von zwei Aschheimer Skeletten ausreichend Yersinia-DNA zu extrahieren und zu entziffern. In der anschließenden Verwandtschaftsanalyse findet sich dieser Erregerstamm ohne weitere Abzweigungen zum Verursacher des "Schwarzen Todes" oder noch später aufgetretenen Stämmen zwischen zwei heute aus der westchinesischen Provinz Xinjiang bekannten Varianten, die dort in Nager- und Flohpopulationen verbreitet sind.
Frühmittelalterlicher Zahn
© McMaster University
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Die Zähne von zwei Individuen aus dem Aschheimer Gräberfeld bargen genug Yersinia-DNA, um das Genom des damaligen Pesterregers zu entziffern.

Die Pest kann jederzeit wiederkommen

In dieser Region kommt es immer wieder zu Pestfällen. Das unterstütze die Annahme, dass auch die erste Pestwelle damals aus Asien und nicht Afrika stammte und sich entlang der Handelsrouten nach Westen ausbreitete, so die Forscher. Außerdem zeige es, dass der in Tierreservoiren überdauernde Erreger immer wieder auf den Menschen überspringt, es also jederzeit zu einer neuen Epidemie kommen könnte.

Die drei Pestpandemien
© McMaster University
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Die Genomanalysen zeigen, dass die Justinianische Pest und der Schwarze Tod ihren Anfang in Asien nahmen und sich von dort aus bis Europa ausbreiteten (die Quadrate markieren die Nachweisorte Aschheim und London). Der Erregerstamm der zweiten Pandemie kehrte nach Asien zurück und legte dort den Grundstock für die dritte Pandemie, die Ende des 19. Jahrhunderts begann und sich schließlich weltweit ausbreitete.

Die Sequenzanalyse deckte zudem einige Mutationen in Genen auf, die mit der Virulenz des Erregers zusammenhängen. Dies könnte Teil der Erklärung sein, warum die Mortalität während der Justinianischen Pest mit bis zu 40 Prozent sehr hoch war. Warum der Stamm jedoch letztendlich ausstarb, bleibt offen: Wurde die Zahl der Wirte zu gering – seien es nun Nager oder Menschen? Oder hatten die Menschen eine Immunität gegen den Erreger entwickelt? Vielleicht machte ihm auch das Klima den Garaus: Alle drei bisher bekannten großen Pandemien folgten auf Perioden mit außergewöhnlich viel Niederschlag. Ihr Ende fiel dagegen stets in Zeiten mit stabilen klimatischen Verhältnissen. Als der Schwarze Tod 800 Jahre später seine tödliche Spur zog, war sein spätantiker Verwandter jedenfalls bereits verschwunden.