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Parasiten

Führt der Biss einer Zecke zur Fleischallergie?

Rätselhafte Fälle plötzlicher Fleischunverträglichkeit häufen sich: Der Stich einer amerikanischen Zecke löst offenbar eine heftige Allergie gegen rotes Fleisch aus.
Beefsteak

Am Abend vor der Heimreise ließ sich das ältere Ehepaar aus Virginia noch ein saftiges Beefsteak servieren. Doch der Aufenthalt in Kanada sollte unfreiwillig einige Tage länger dauern. Denn in der Nacht wachte der 82-jährige Ehemann plötzlich auf, weil sein ganzer Körper mit einem juckenden, scharlachroten Ausschlag übersät war. Der Mann stand auf, ging ins Bad, um ein Medikament einzunehmen, und brach zusammen. Die Diagnose der herbeigerufenen Ärzte: Weder Herzinfarkt noch Schlaganfall, sondern eine schwere allergische Reaktion, ein anaphylaktischer Schock, hatte den alten Herrn niedergestreckt [1].

Ähnliches widerfuhr der amerikanischen Journalistin Helen Chapell, wie sie im "Discover Magazine" berichtet: "Das letzte Mal, als ich einen Hamburger aß, verbrachte ich die Nacht darauf in der Notfallambulanz. Der Hamburger selbst war soweit in Ordnung, aber er versetzte mich in einen anaphylaktischen Schock."

Ausgelöst wurden die heftigen, lebensbedrohlichen Reaktionen bei beiden durch das verzehrte Fleisch. Zwar kennt man Fleischallergien an sich schon länger. Sie treten selten auf, etwa bei manchen Kindern, die allergisch auf Milch reagieren. Doch die beiden beschriebenen Fälle unterscheiden sich deutlich von einer klassischen Nahrungsmittelallergie. Sie sind vielmehr typisch für eine neue, bisher hauptsächlich in den USA, aber auch in Australien und Europa beobachtete Allergievariante. Diese betrifft ausschließlich Erwachsene, die Fleisch vor dem unschönen Erlebnis eigentlich immer vertrugen. Die allergische Reaktion tritt ungewöhnlich verzögert, in der Regel erst drei bis sechs Stunden nach dem Verzehr auf. Und der Allergieauslöser ist nicht, wie sonst üblich, ein Proteinbestandteil des Nahrungsmittels, sondern ein Zuckermolekül.

Die "Lone Star Tick" Amblyomma americanum
Die "Lone Star Tick" Amblyomma americanum | Die nach dem weißen Punkt auf ihrem Rücken "Lone Star", also Einzelstern, benannte Zecke kommt überwiegend im Osten und Süden der USA vor. Sie gilt nicht nur als Überträger einer Fleischallergie – lange Zeit stand sie auch im Verdacht, die Lyme-Krankheit zu übertragen.

Dieser Zucker, Galactose-α-1,3-Galactose, kurz "alpha-Gal", befindet sich als Anhängsel von Proteinen oder Fetten auf tierischen Zellen. Nur der Mensch und Primaten stellen diesen Zuckerrest nicht her, weil ihnen dafür ein funktionstüchtiges Enzym fehlt. Medizinern ist "alpha-Gal" nicht unbekannt. Schließlich ist dieser "fremde" Zucker der Grund, warum der menschliche Körper tierische Organe, etwa Herzklappen aus dem Schwein, nach einer Transplantation meist rasch abstößt. Da sich der Mensch im normalen Leben permanent mit dem fremden Zucker auseinandersetzt, produziert er IgG-Antikörper dagegen, die bis zu einem Prozent des gesamten IgGs im menschlichen Blut ausmachen können [2]. Diese Antikörper sind für die Abstoßung des tierischen Organs verantwortlich.

Schuldige enttarnt

Eine allergische Reaktion können die IgG-Antikörper aber nicht auslösen. Das tun vielmehr andere Immunglobuline, die IgE-Antikörper. Diese sorgen für die Freisetzung des Histamins, eines Gewebehormons, das die typischen Symptome vom Hautausschlag, Schwellungen, Juckreiz bis hin zum allergischen Schock verursacht. Dass einige Menschen nicht nur IgG-Antikörper gegen den fremden Zucker bilden, sondern fatalerweise auch IgE, war bis vor gut vier Jahren vollkommen unbekannt.

Der Ausgangspunkt für diese überraschende Entdeckung war die Beobachtung von Onkologen im Osten der USA: Krebspatienten zeigten schon wenige Minuten, nachdem ihnen die erste Infusion mit dem therapeutischen Antikörper Cetuximab verabreicht worden war, heftige allergische Reaktionen. Cetuximab ist seit 2004 zur Behandlung etwa von metastasierendem Darmkrebs zugelassen – ein "chimäres" Molekül, das wegen seiner Herstellungsweise aus molekularen Bauteilen des Menschen und der Maus besteht.

Thomas Platts-Mills und andere Forscher der University of Virginia Medical School in Charlottesville nahmen daraufhin 76 Patienten, die mit Cetuximab behandelt worden waren, ein wenig genauer in Augenschein. 25 von ihnen hatten überempfindlich auf den verabreichten Antikörper reagiert [3]. Fast alle von ihnen trugen bereits vor der Behandlung IgE-Antikörper im Blut, die sich, wie sich schließlich herausstellte, gegen alpha-Gal-Zuckerreste richteten, die zahlreich auf Cetuximab vorkommen.

Nur ein Jahr später kam die gleiche Arbeitsgruppe in Virginia hinter einen weiteren spannenden Zusammenhang: Bei Menschen, die über heftige Allergiesymptome mehrere Stunden nach einer fleischhaltigen Mahlzeit berichteten, fanden die Forscher ebenfalls viel IgE, das sich gegen alpha-Gal richtete [4]. Alle Betroffenen hatten ihr Leben lang Fleisch vertragen und reagierten erst seit Kurzem mit Juckreiz, Übelkeit, Durchfall, Quaddeln, Schwellungen oder gar einem Schock, allerdings immer erst mehrere Stunden nach der Mahlzeit. Die Symptome traten meist in der Nacht auf. Häufig hatte der konsultierte Arzt deshalb keinen Zusammenhang zwischen der Fleischmahlzeit und der allergischen Reaktion herstellen können. Kam ein Verdacht auf, reagierten die Patienten zudem irritierenderweise nur sehr schwach bei einem Haut-Allergie-Test (Prick-Test) auf getestete Fleischextrakte.

Ist der Auslöser ein Zeckenstich?

Doch warum konnten Schwein, Rind, Lamm oder Wild auf einmal nicht mehr gegessen werden, was hatte die allergische Reaktion gegen das Beefsteak oder den Hamburger in Gang gesetzt? Auch hier lieferten Beobachtungen an Krebspatienten, die mit Cetuximab behandelt worden waren, wertvolle Hinweise. Starke allergische Reaktionen löste das Krebsmedikament bei etwa 20 Prozent der Behandelten in den Bundesstaaten North Carolina, Virginia und Arkansas aus. In Kalifornien oder Massachusetts jedoch reagierten weniger als ein Prozent der Krebspatienten überempfindlich auf das Cetuximab. Wie sich herausstellte, überschneidet sich die Region, in der die allergischen Reaktionen sehr häufig sind, erstaunlich exakt mit dem Verbreitungsgebiet der in ihrer amerikanischen Heimat "Lone Star Tick" genannten Zeckenart Amblyomma americanum.

Offenbar sind es die Stiche dieser aggressiven Zecken, die das Immunsystem dazu veranlassen, IgE-Antikörper gegen den alpha-Gal-Zucker zu produzieren. Zumindest laut Thomas Platts-Mills sprechen mehrere Punkte für diese Annahme [5]: IgE gegen alpha-Gal sei bei Menschen besonders dort anzutreffen, wo die amerikanische Zecke häufig vorkomme. Menschen, die diese Antikörper in sich trügen und eventuell auch allergisch auf Fleisch reagierten, berichteten über eigene Zeckenstiche in jüngster Vergangenheit. Zeckenstiche steigerten nachweislich die Menge der IgE-Antikörper, die sich gegen den fremden Zucker richteten, und auch die Speichelproteine der Zecke enthielten alpha-Gal-Zuckerreste.

Das Phänomen der alpha-Gal-Sensibilisierung könnte laut den amerikanischen Forschern in den letzten Jahren zugenommen haben, weil sich das Verbreitungsgebiet der stechfreudigen amerikanischen Zecke wegen eines sich verändernden Ökosystems in den betroffenen Bundesstaaten massiv vergrößert habe.

Auch in Deutschland Fälle

Hieb- und stichfest belegt ist der Zusammenhang zwischen Zecke und Allergie allerdings noch nicht. Bei der neuartigen Allergievariante habe man es auch nicht allein mit einem Problem der Bewohner im Südosten der USA zu tun, sagt Tilo Biedermann vom Universitätsklinikum Tübingen. Der Allergologe hat im Umkreis der Klinik innerhalb kürzester Zeit 25 Patienten aufgetan, die dieselbe verzögerte, heftige Reaktion nach dem Verzehr einer fleischhaltigen Mahlzeit zeigen [6].

"Ich glaube nicht, dass hier ein größeres Problem im Anmarsch ist."(Barbara Balmer-Weber)

"Warum diese Menschen auf einmal so empfindlich auf 'rotes Fleisch' reagieren, ist noch nicht abschließend geklärt", sagt Biedermann. Neben dem Stich durch verschiedene Zeckenarten könnten auch andere Insektenstiche oder Parasiteninfektionen als Auslöser der Allergie in Frage kommen. Darüber, wie viele Menschen insgesamt betroffen sind und ob die Anzahl im Lauf der letzten Jahre angestiegen ist, gibt es unterschiedliche Ansichten. Scott Commins von der University of Virginia etwa mutmaßt, man stehe möglicherweise am Anfang einer regelrechten Epidemie, weil sich die Anzahl der Fälle in Virginia und den angrenzenden Gebieten dramatisch erhöht habe [1]. Der wohl prominenteste "Fall" dürfte Bestsellerautor John Grisham sein, der auch davon betroffen ist.

Barbara Balmer-Weber vom Universitätsspital Zürich gibt sich eher skeptisch: "Ich glaube nicht, dass hier ein größeres Problem im Anmarsch ist. Wir haben in Zürich bisher noch keinen Patienten mit Fleischallergie und IgE-Antikörpern gegen alpha-Gal entdeckt. Andere Schweizer Universitätskliniken berichten über Einzelfälle." Nach Ansicht der Allergologin hat das plötzliche, vermeintlich vermehrte Auftreten dieser Allergie damit zu tun, dass man sich dieser neuartigen Variante erst in letzter Zeit bewusst geworden sei und erst seit Kurzem passende diagnostische Tests zur Verfügung ständen.

Missverständliche Signale

Wegen des verzögerten Auftretens der Symptome nach dem Fleischverzehr könnte sich hinter den Menschen, bei denen Ärzte in der Vergangenheit keine fassbare Ursache für schwere allergische Reaktionen gefunden hatten, möglicherweise eine hohe Dunkelziffer an anti-alpha-Gal-IgE-positiven Fleischallergikern verbergen, schreibt Uta Jappe von der Universität Lübeck [7]. Das Phänomen beschränke sich nicht nur auf die USA. Fallberichte gäbe es auch aus Australien, Frankreich, Spanien und eben Deutschland, so Jappe.

"Wie viele Fleischallergiker es gibt, können wir nicht sagen, weil es dazu noch keine epidemiologischen Erhebungen gibt", sagt Tilo Biedermann. Jetzt gelte es erst einmal, die Diagnostik zu optimieren und Empfehlungen für die Betroffenen zu erarbeiten, etwa was gegessen und was lieber gemieden werden sollte. Ein völliger Fleischverzicht sei meist gar nicht nötig, weil die allergische Reaktion sich häufig nur nach dem Verzehr bestimmter Fleischsorten, etwa bei Innereien, zeige, sagt der Allergologe. Geflügel und Fisch, die kein alpha-Gal produzieren, werden stets vertragen.

Wie sensibilisiert inzwischen die Amerikaner auf das Thema "Fleischallergie durch Zeckenstich" reagieren, legt ein Leserkommentar zu einem Beitrag über das Thema auf www.abcnews.go.com nahe. Der Leser berichtet, dass er seit einem Zeckenstich vor drei Monaten vorsorglich kein Fleisch angerührt habe. Eine sicher überzogene Vorsichtsmaßnahme, da die Zusammenhänge noch nicht eindeutig geklärt sind und lange nicht jeder Zeckenstich eine Fleischallergie auslöst. Dringend muss also nicht nur weiter erforscht werden, warum die Symptome der neuen Allergie eigentlich so verzögert auftreten, sondern auch, welche Umstände es genau sind, die einen Menschen, der gern zu Hamburger oder Beefsteak greift, plötzlich zum Fleischverächter werden lassen.

36. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 36. KW 2012

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  • Quellen

[1] Wolver, S.E. et al.: A Peculiar Cause of Anaphylaxis: No More steak? : The Journey to Discovery of a Newly Recognized Allergy to Galactose-alpha-1,3-galactose Found in Mammalian Meat. In: Journal of General Internal Medicine 10.1007/s11606–012–2144-z, 2012

[2] Macher, B.A., Galilic, U.: The Galα1,3Galβ1,4GlcNAc-R (α-Gal) epitope: a carbohydrate of unique evolution and clinical relevance. In: Biochimica et Biophysica Acta (BBA) – General Subjects 1780, S. 75–88, 2008

[3] Chung, C.H. et al.: Cetuximab-Induced Anaphylaxis and IgE Specific for Galactose-α-1,3-Galactose. In: New England Journal of Medicine 358, S. 1109–1117, 2008

[4] Commins, S.P. et al.: Delayed anaphylaxis, angioedema, or urticaria after consumption of red meat in patients with IgE antibodies specific for galactose-α-1,3-galactose. In: The Journal of Allergy and Clinical Immunology 123, S. 426–433.e2, 2009

[5] Commins, S.P. et al.: The relevance of tick bites to the production of IgE antibodies to the mammalian oligosaccharide galactose-α-1,3-galactose. In: The Journal of Allergy and Clinical Immunology 127, S. 1286–1293.e6, 2011

[6] Biedermann, T., Röcken, M.: Verzögert auftretende Symptome einer Soforttypallergie – Typ-I-Sensibilisierung gegenüber Galaktose-α-1,3-Galaktose. In: Der Hautarzt 63/S1, S. 76–79, 2012

[7] Jappe, U.: Allergie auf Säugetierfleisch – α-Gal: Neues Epitop, neue Entität?. In: Der Hautarzt 63, S. 299–306, 2012

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