Mehr als sieben Milliarden Menschen leben gegenwärtig auf der Erde und teilen sich ihre Ressourcen – und jedes Jahr kommen nach Schätzungen der Vereinten Nationen weitere 78 Millionen Menschen hinzu. Bis 2050 erwartet die UNO eine Weltbevölkerung von rund neun und bis 2100 von ungefähr zehn Milliarden Frauen, Männern und Kindern. Allein diese Zahlen erscheinen bereits Schwindel erregend, denn schließlich müssen diese Menschen alle ernährt werden. Sie benötigen Strom und Wärme und wollen alle zumindest etwas Wohlstand, wie es ihnen die industrialisierten Staaten tagtäglich vorleben. Trotz des technologischen Fortschritts wird das die verbliebenen natürlichen Ökosysteme, die Böden, Meere und Atmosphäre stark belasten; von den gesellschaftlichen Anstrengungen und Herausforderungen ganz zu schweigen.

Daniel Lingenhöhl
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Dabei könnten die bisherigen Wachstumsszenarien der Vereinten Nationen sogar noch zu optimistisch sein. Das befürchten zumindest Patrick Gerland, Bevölkerungsstatistiker der UNO, und seine Kollegen in einem aktuellen Artikel in "Science" – und die Gründe dafür liegen aller Voraussicht nach an der Entwicklung auf dem afrikanischen Kontinent: Im Gegensatz zu anderen Kontinenten wie Südamerika oder Asien bleiben die Fertilitätsraten – also die Zahl der Kinder pro Frau – auf höherem Niveau und sinken langsamer als bislang gedacht. Bis zum Jahr 2100 könnte sich daher die Bevölkerungszahl in Afrika südlich der Sahara auf vier Milliarden Menschen vervierfachen, sogar ein Anstieg auf fünf Milliarden Menschen erscheint möglich. In Asien hingegen soll 2050 der Höhepunkt mit fünf Milliarden Menschen erreicht werden und ihre Zahl danach sinken. Alle anderen Kontinente bleiben jeweils unter einer Milliarde Bewohner.

Das habe mehrere Gründe, so Gerland und Co: 75 Prozent des Zuwachses gehen darauf zurück, dass die Fertilität deutlich über der Zahl von 2,1 Kindern pro Frau liegt, bei der die Größe einer Bevölkerungsgruppe stabil bleibt. In Afrika liegt sie gegenwärtig bei 4,6 Kindern pro Frau. Das Ausgangsniveau lag allerdings mit 6,5 Kindern höher als in anderen Erdteilen. Und der Rückgang fiel deutlich langsamer und schwächer aus als in Asien oder Südamerika. Mancherorts kam er sogar gänzlich zum Erliegen wie in Nigeria; zum Ende des Jahrhunderts könnten dort mehr als 500 Millionen Menschen leben – eine unvorstellbare Zahl. Der unterdurchschnittliche Fertilitätsrückgang hängt auch damit zusammen, dass der ungedeckte Bedarf an Verhütungsmitteln bei etwa 25 Prozent liegt, führen die Forscher weiter aus: Ein Viertel der Menschen, die gerne auf Pille oder Kondom zurückgreifen möchten, können dies mangels Angebot nicht.

Und das ist der Punkt, an dem die Welt dringend handeln muss. Schon das bisher prognostizierte Bevölkerungswachstum wird die Menschheit an ihre Belastungsgrenzen bringen: Wir müssen aus dem vorhandenen Ackerland mehr Nahrung pressen, ohne die Böden zu ruinieren. Die Energieerzeugung muss revolutioniert werden, damit wir das Klima nicht vollends ruinieren und um die Rohstoffvorräte zu schonen. Und wir sollten auch große Naturräume bewahren, um die Artenvielfalt und die Funktionen der Ökosysteme für die Nachwelt zu erhalten. Das ist schon heute eine Herkulesaufgabe, und sie wird mit weiteren Milliarden Menschen noch schwieriger.

Menschenmassen
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Die Menschheit ist auf dem Weg zur siebten Milliarde – und ein Ende des Wachstums ist (vorerst) nicht abzusehen. Doch Prognosen, wie sich die Bevölkerungszahlen bis zur Mitte des Jahrhunderts entwickeln werden, fallen immer noch schwer.

Dabei zeigen Beispiele aus aller Welt, wie sinkende Geburtenraten den Weg zu einer stabilen – oder zumindest stabileren – Gesellschaftsordnung und besseren Entwicklung bis hin zu Wohlstand ebnen können: Südkorea beispielsweise wies nach dem Zweiten Weltkrieg eine ähnlich hohe Fertilitätsrate auf wie viele afrikanische Staaten. Gezielte Familienplanung senkte die Geburtenrate seitdem drastisch, so dass das asiatische Land heute sogar mit dem gegenteiligen Problem der Überalterung zu kämpfen hat. Die verringerte Fertilitätsrate ließ sich nur durch massive Investitionen in das Gesundheitssystem und die Bildung der Bevölkerung, gerade der Frauen, erreichen – mit Erfolg auch in anderer Hinsicht, denn Südkorea gehört heute zur Gruppe der entwickelten Staaten mit relativ hohem Wohlstand. Ähnliche Ansätze lassen sich für Brasilien oder auch Indien erkennen.

Aus diesen Entwicklungen müssen die Weltgemeinschaft und allen voran die Industriestaaten ihre Lehren ziehen: Je besser Frauen (aus)gebildet sind und je mehr Verhütungsmittel zur Verfügung stehen, desto schneller und stärker sinken die Geburtenraten. Geschätzte 75 Millionen Schwangerschaften pro Jahr in Entwicklungsländern sind ungewollt, weil Verhütungsmittel fehlen. Entsprechend müssen derartige Projekte verstärkt gefördert und ausgeweitet werden. Es darf dabei selbstverständlich nicht darum gehen, den Menschen vorzuschreiben, wie viele Kinder sie zu bekommen haben. Das muss das freiheitliche Recht jeder Familie und vor allem der Frauen bleiben. Doch muss die Entwicklungszusammenarbeit es ihnen ermöglichen, das eben auch frei zu entscheiden – indem sie den Zugang zu Verhütungsmitteln, Gesundheitsvorsorge wie Bildung erleichtert und fördert. Nur Staaten, die sich dazu bereit erklären und aktiv mithelfen, sollten zukünftig Gelder für ihre Entwicklung bekommen – etwa für Straßenbau oder ähnliche Projekte. Langfristig lohnen sich diese Investitionen ohnehin, wie das Beispiel Südkorea lehrt.