1915 holten Biologen aus der Ostsee vor der schwedischen Küste ein merkwürdiges Lebewesen, das sie nicht so recht einzuordnen wussten: Zuerst packten sie die letztlich sogar erst 1949 beschriebene Art Xenoturbella bocki zu den Plattwürmern, später galt sie als sehr einfaches Weichtier und schließlich als Stachelhäuter. Es sieht auch zu merkwürdig aus: Das Tier verfügt nur über eine Körperöffnung, hat weder Augen noch Kiemen, und innere Organe sind mehr oder weniger Fehlanzeige. Wovon es sich ernährt, ist ebenfalls unklar; vermutlich fressen die Meeresbodenbewohner Muscheln und Schnecken, doch das Wie ist unbekannt. Glücklicherweise entdeckten Biologen um Greg Rouse von der University of California in San Diego jedoch weitere Arten dieser Strudelwürmer in mexikanischen und kalifornischen Gewässern, welche die evolutionär wichtige Stammbaumfrage wohl klären.

"Als Greg diese wurmartigen Kreaturen erstmals sah, als sie durch eine Muschelbank krochen, nannten wir sie spaßeshalber die violetten Socken", beschreibt der an der Studie beteiligte Robert Vrijenhoek vom Monterey Bay Aquarium Research Institute die Tiere. Die Forscher hatten die Lebewesen mit Hilfe ferngesteuerter Tauchroboter in einer Tiefe von 1200 Metern an einer hydrothermalen Quelle erstmals kurz nach der Jahrtausendwende aufgespürt. Bis 2015 gelang es ihnen dann durch gezielte Suche, insgesamt vier neue Spezies nachzuweisen – darunter auch eine Xenoturbella churro genannte Art, die vom Äußeren an eine beliebte frittierte Nachspeise in Mexiko erinnert. Xenoturbella profunda stammt wiederum aus einer Tiefe von 3700 Metern, während Xenoturbella monstrosa ganze 20 Zentimeter lang wird.

Um ihre Verwandtschaft endlich zu klären, analysierten die Biologen das Genom dieser Tiere und verglichen dazu 1200 Gene davon mit dem Erbgut anderer Lebewesen. Letztlich stellen die Wesen eine sehr ursprüngliche Form zweiseitig symmetrischer Tiere dar und bilden eine Geschwistergruppe der Neumünder, die unter anderem die Wirbeltiere beinhalten. Die Strudelwürmer haben ihr Hirn, die Kiemen, Augen oder den Anus also nicht im Lauf der Evolution verloren, sondern wohl nie besessen. Sie fressen mit ihrem Mund und scheiden darüber auch den Kot wieder aus; die Trennung zwischen Nahrungsaufnahme und Entsorgung der Verdauungsprodukte entwickelte sich also erst später.