Soldaten, die nach einer Woche Schlafentzug noch topfit durch die Büsche kriechen, Büromenschen, die Nächte zu Tagen machen und trotzdem gut gelaunt zu Konferenzen erscheinen, strahlende Gesichter, die keine Verstimmung mehr vom Lächeln abhalten kann – so könnte sie aussehen, die schöne neue Arbeitswelt. Dank Enhancements, der technischen Verbesserung des eigentlich gesunden menschlichen Körpers.

Enhancement ist schon lange kein Science-Fiction-Szenario mehr. Der Versuchung, den menschlichen Körper leistungsfähiger zu machen, sind schon tausende von Berufssportlern erlegen. Und auch das Militär forscht schon seit längerem an Möglichkeiten, den menschlichen Körper zu überlisten. Beispielsweise mit "go pills", kleinen Dosen von Amphetaminen, die Piloten länger wach halten sollen.

Leistungssteigerung um jeden Preis?

"Psychopharmaka und Neuro-Präparate sind aktuell der Bereich des Enhancements, bei dem die größten Fortschritte erzielt werden", erläutert Bernward Gesang, Philosoph und Privatdozent an der Universität Düsseldorf. Häufig würden Präparate, die eigentlich zur Behandlung von Krankheiten entwickelt wurden, nachträglich auf gesunde Menschen angewandt. Ein Beispiel dafür ist Modafinil, das eigentlich gegen Schlafkrankheit eingesetzt wird und nun Managern bei der Bewältigung ihres Arbeitspensums gute Dienste leistet – auch wenn es für diese Anwendung gar nicht zugelassen ist. Doch auch an anderen Formen der Leistungssteigerung wird geforscht: Diskutiert werden etwa Implantate, die neuronale Fähigkeiten verbessern könnten. Auch gentechnische Eingriffe sind angedacht.

"Gentechnische Veränderungen wecken in der Bevölkerung die größten Befürchtungen, dabei sind sie von einer Realisierung am weitesten entfernt", sagt Gesang. Ob sie jemals technisch umgesetzt werden können, ist noch unklar. "Sowohl Gentherapie als auch Keimbahntherapie sind bislang nicht sehr erfolgreich gewesen", erläutert der Philosoph. Dennoch sollte man sich auch mit den Konsequenzen von gentechnischem Enhancement beschäftigen, findet er: "Das Beispiel des Klonens zeigt, wie schnell sich Techniken entwickeln können, von denen man dachte, sie seien unmöglich."

"Eine Welt, in der vorrangig Genies leben, könnte auch Probleme schaffen"
Die ethischen Probleme der gentechnischen Schaffung von leistungsfähigeren Menschen werden insbesondere in Deutschland schon seit längerem intensiv diskutiert. Langsam verschiebt sich jedoch der Fokus – weg von der Angst vor dem erbgutbegünstigten Übermenschen hin zu den nahe liegenden Problemen von Leistungs-Doping. So beschäftigte sich etwa das Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst bis Anfang dieser Woche in einer Klausurtagung mit dem Thema des Neuro-Enhancements. Und auch auf dem aktuellen Kongress der Philosophie, der dem Thema Enhancement eine ganze Sektion widmet, stehen Fragen von Neuro- oder Pharma-Enhancement im Mittelpunkt. "Grundsätzlich sind jedoch die ethischen Erwägungen, die sich an Enhancement anschließen, bei allen Formen der technischen Verbesserung des Menschen gleich", erläutert Gesang.

Chancengleichheit oder Zwei-Klassen-Gesellschaft?

Ein zentrales Argument hierbei ist etwa das der Zugangsgerechtigkeit: Sind die neuen Techniken, sollten sie einmal auf dem Markt sein, für alle zugänglich? Oder schaffen sie eine neue Form der Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der sich die Reichen immer weiter aufrüsten und es ohne die Hilfe von technischen Verfahren gar keine Möglichkeit mehr gibt, an die begehrten Arbeitsplätze und sozialen Positionen zu gelangen? Ein solches Szenario, warnt die Europäische Gruppe für Ethik in Wissenschaft und neuartiger Technik, müsse unbedingt verhindert werden. Auch Bernward Gesang warnt vor einem solchen Verlust der Chancengleichheit: Mittellose Bürger könnten sich aus ihrer schlechten sozialen Position nicht mehr aus eigenem Antrieb befreien, als Folge ihrer Frustration sei womöglich sogar ein Bürgerkrieg nicht auszuschließen.

Eine andere Frage sei zudem, ob der Mensch überhaupt das Recht habe, sich mit Hilfe von technischen Mitteln zu verändern. "Die Frage dabei lautet: Verändert man durch Enhancement die Natur des Menschen, oder gehört es nicht eben gerade zu dieser Natur dazu, sich zu verändern, zu perfektionieren?", erklärt Gesang.

Zudem gebe es Unstimmigkeiten, ob den Menschen erlaubt sein sollte, selbst darüber zu entscheiden, ob und wie sie sich technisch verändern wollen. Gesang: "Während eher liberale Wissenschaftler der Ansicht sind, dass das jeder für sich entscheiden könne, wenn er nur ausreichend über die Risiken und Folgen informiert wurde, glauben konservative Forscher, dass eine solche Entscheidung die Menschen überfordern würde."

Kinder nach Maß?

Noch problematischer wird es, wenn Kinder ins Spiel kommen. Mit Hilfe der Keimbahntherapie – so die Zukunftsmusik – sollen Eltern ihren Sprösslingen schon vor deren Geburt bestimmte Anlagen aussuchen können. Die Kinder hätten dann keine Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ob sie einen solchen Eingriff gewollt hätten. Doch auch ein Unterlassen könnte problematisch sein: Kinder, die ihre Eltern verklagen, weil diese sie nicht mit den besten Voraussetzungen ausgestattet haben?

Der Philosoph Dr. Bernward Gesang
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Problematisch werde es dort, wo die Eltern für ihre Kinder Fähigkeiten auswählten, die sehr speziell seien: "Eltern, die ihre Kinder zu einem Tennis-As machen möchten, sind ein solches Beispiel", meint der Philosoph. Intelligenz jedoch sei eine Eigenschaft, die in fast allen Lebenssituationen von Vorteil sei. Sollten sich also einfach alle Menschen intelligenter machen? Das wäre auch nicht gut: "Eine Welt, in der vorrangig Genies leben, könnte auch Probleme schaffen", erläutert Gesang in seinem Vortrag. Zu den frustrierten Finanzschwachen, die sich keine mentale Verbesserung leisten könnten, würde sich über kurz oder lang eine ebenso frustrierte Intelligenzia gesellen: arbeitslos, weil sich zu viele Superhirne um zu wenige Jobs streiten müssten.

Um solchen Szenarien und auch dem prognostizierten unschönen Gesellschaftsdruck zu entgehen, schlägt die Europäische Gruppe für Ethik in Wissenschaft und neuartigen Technologien vor, Enhancement nur den Menschen vorzubehalten, die körperlich oder gesellschaftlich benachteiligt sind. Doch auch hier stellt sich die Frage: Wo liegt die Grenze? Ist eine geringe Körpergröße ein gesellschaftlicher Nachteil, oder eine nur mittlere Intelligenz?

Der Staat ist gefragt

Gesang jedenfalls findet nicht, dass Enhancement von vornherein als Möglichkeit ausgeschlossen werden sollte. Er schlägt einen moderaten Weg vor: Der Gesetzgeber könnte nur die Formen der Verbesserung zulassen, die auch über den langwierigen Weg der Erziehung oder Körperbildung erreicht werden könnten. Dadurch könnten gesellschaftliche Schieflagen verhindert werden.

Eine prima Idee, eigentlich: Dann könnte der Staat gleich noch kostspielige Einrichtungen wie Kindergärten, Frühförderungen und Arbeitnehmerschutz einsparen. Und während wir arbeiten, würden sich unsere intelligenten Kinder mit Computerprogrammen weiterbilden. Dank Psychopharmaka und Amphetaminen erledigen wir dann Berufsalltag, Kindererziehung, Freiwilligendienste und Seniorenbetreuung einfach in der zusätzlichen Zeit, in der wir heute noch faul in unseren Betten liegen. Schöne Aussichten – auch für die Pharmaindustrie.