Das in der Tierhaltung als entzündungshemmendes Medikament eingesetzte Diclofenac wirkt offensichtlich auch auf Adler tödlich, wenn diese den Wirkstoff beispielsweise über Aas aufnehmen. Bei südasiatischen Geiern hat die Substanz bereits ein Massensterben von Millionen Tieren ausgelöst, so dass die örtlichen Bestände in den letzten Jahrzehnten teilweise um 97 bis 99 Prozent eingebrochen sind. Da Diclofenac nun auch in einzelnen europäischen Ländern in der Viehhaltung eingesetzt werden darf, befürchten Ornithologen nun ein stark erhöhtes Risiko für europäische und nordamerikanische Adlerarten.

Auf die Spur des Gifts kamen Toby Galligan, Wissenschaftler im Dienst der britischen Royal Society for the Protection of Birds (RSPB), und seine Kollegen, als sie das Gewebe zweier toter Steppenadler (Aquila nipalensis) aus Indien untersuchten. Darin fanden sie Rückstände von Diclofenac; zudem wiesen die Vögel die typischen krankhaften Nierenveränderungen auf, die auch bei verendeten Geiern gefunden worden waren: Der Wirkstoff löst bei ihnen tödliches Nierenversagen aus. Galligan und Co fürchten daher, dass Diclofenac für wesentlich mehr Arten ein gefährliches Problem darstellt als bislang bekannt: Adler der Gattung Aquila sind weit über die nördliche Erdhalbkugel verbreitet und in Nordamerika, Afrika und Eurasien beheimatet. Darunter fallen auch stark im Bestand bedrohte Arten wie der Spanische Kaiseradler oder der auch in Deutschland einheimische Steinadler. Sie jagen nicht nur aktiv nach Beute, sondern verschmähen auch Aas nicht, wenn sich ihnen die Gelegenheit dazu bietet.

Während in Südasien Diclofenac in der Veterinärmedizin verboten wurde und durch den Wirkstoff Meloxicam ersetzt wurde, der sich in Tests als ungefährlich erwiesen hat, genehmigten verschiedene europäische Länder den Einsatz in der Viehhaltung – darunter mit Spanien und Italien auch zwei Staaten mit bedeutenden Adler- und Geierpopulationen. Zudem verbreitet sich Diclofenac auch in Afrika, wo das Mittel unter der Hand als Veterinärmedizin verkauft wird und so in die Nahrungskette gelangen kann. Angesichts der neuen Erkenntnisse drängen die Wissenschaftler daher auf eine Reaktion der Europäischen Union. "Die Europäische Kommission muss dieses Problem endlich erkennen und ein kontinentweites Verbot für Diclofenac in der Veterinärmedizin erlassen, bevor es unseren Vögeln schadet", so Galligan. Britische Regulierungsbehörden hatten bereits zuvor auf Warnungen der Ornithologen reagiert und eine Zulassung des Mittels in Großbritannien ausgeschlossen.