"Die Exzellenzinitiative ist ein Symptom, aber ein offenkundig bösartiges", schreibt Tilman Reitz, Sozialwissenschaftler an der Universität Jena. Für ihn steht das nun erneut aufgelegte Programm des Bundes exemplarisch für den ausufernden Statuswettbewerb im Bildungssystem: Geldbeschaffung sei Selbstzweck geworden, fehlende internationale Sichtbarkeit das vermeintlich wichtigste Problem. "Die Hierarchisierung des deutschen Hochschulsystems wird durch kein anderes monetär-symbolisches Instrument so stark vorangetrieben."

Mit der einst weitgehend egalitären Forschungslandschaft ist nach den jüngst beschlossenen Plänen wohl tatsächlich langsam Schluss. Die neue Exzellenzinitiative sieht vor, acht bis elf in einem Bewerbungsverfahren ausgewählte Unis für exzellent zu erklären und dann dauerhaft mit Bundesmitteln zu fördern. Mit 10 bis 15 Millionen Euro pro Universität und Jahr ist der zusätzliche Geldsegen überschaubar – aber er spaltet die deutschen Universitäten dauerhaft in unten und oben.

Im Fokus der Kritik stehen denn auch vor allem die Kriterien, an denen Exzellenz ermessen wird. Sie seien im Kern wissenschaftsfremd, beanstandet Reitz, und orientierten sich vor allem an äußeren Erfolgsindikatoren – und verstärken so "eine Fassadenkultur der Antragstellung", schreibt der Forscher auf einer Webseite zu seinem offenen Brief. Seit dem Start der Zeichnungsfrist vor fünf Tagen haben etwa tausend Gleichgesinnte das Anliegen unterstützt – zusätzlich zu den 100 Erstunterzeichnenden, vor allem aus Forschung und Lehre.

"Wir wollen zeigen, dass die deutsche Wissenschaft doch in der Lage ist, sich öffentlich zu erklären, wenn etwas nicht stimmt", erläutert Reitz die Motivation hinter der Initiative. "Jetzt ist sozusagen die letzte Gelegenheit, noch einmal öffentlich zu zeigen, dass die Verstetigung der Exzellenzinitiative bei großen Teilen der deutschen Wissenschaft nicht willkommen ist."

Alte Probleme geraten in den Hintergrund

Tatsächlich kritisieren viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seit Jahren eine wahrgenommene "Ökonomisierung" der Wissenschaftspolitik, den Trend zu stärkerem Wettbewerb und Effizienzdenken. So wie der ikonische "Wettbewerb um die klügsten Köpfe" des Bologna-Prozesses, bei dem unter anderem die Abschlüsse Bachelor und Master in Deutschland Einzug hielten. Umstritten ist bis heute, ob solche Ansätze wirklich Forschung und Lehre befördern – wie auch Befürworter der Exzellenzinitiative hoffen – oder sie an den Rand drängen, wie inzwischen zahlreiche Kritiker speziell aus der Wissenschaft befürchten.

Vor allem aber drohten viele lange bekannte Probleme des Wissenschaftssystems aus dem Blick zu geraten – oder gar als erwünscht legitimiert zu werden. Bereits 2010 warnte der Wissenschaftsrat in seinen Empfehlungen zur Differenzierung der Hochschulen vor dieser Gefahr: Dort heißt es, die Universitäten seien gezwungen, durch Exzellenzmittel chronische Unterfinanzierung auszugleichen, dadurch verfestige sich unter Umständen der Eindruck, Unterausstattung sei für den größeren Teil des Qualitätsspektrums von Wissenschaft akzeptabel.

Exakt diese Situation sehen die Exzellenzkritiker nun gekommen. Die seit Jahren immer wieder kritisierte schlechte Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses, so Tilman Reitz, könne man in Zukunft einfach als Folge des Wettbewerbs erklären – gegenüber den wenigen exzellenzfinanzierten Nachwuchsforschern. Stattdessen streiten die Unterzeichner der Petition für eine solide Grundfinanzierung für Forschung und Bildung, weniger Elite und stattdessen mehr Freiraum für die Forschung, wie sie in der Begründung ihrer Petition schreiben. Vor allem aber lehnt Initiator Reitz dauerhafte Förderung für einen kleinen Kreis erwählter Hochschulen ab – aus Prinzip. "Wer Solidarität schätzt, lehnt Privilegien ohnehin ab. Das sollte in der Wissenschaft nicht anders sein als in anderen Lebensbereichen."