Im Jahr 1849 beschrieb der anglikanische Bischof Robert Gray, wie ein Sklavenschiff vor der Insel St. Helena entladen wurde. "Etwas derart Mitleid Erregendes habe ich noch nie gesehen", befand er, als er die Menschen an Bord beobachtete. Einige waren tot, viele andere waren nahe daran. "Sie machten einen erschöpften Eindruck, sahen abgemagert aus und wurden völlig willenlos, wie Ware, in Boote verfrachtet."

Diese Männer und Frauen waren Flüchtlinge, die nach einem Einsatz der britischen Kriegsmarine gegen den Sklavenhandel in St. Helena ankamen. Das Vereinigte Königreich hatte den Handel 1807 verboten, und Patrouillen fingen nun Schiffe ab entlang der Middle Passage (einer Handelsroute von Afrika nach Amerika) – bis vor die Hafeneinfahrt von Rio de Janeiro. Wegen seiner Lage mitten im Atlantischen Ozean wurde St. Helena zum bevorzugten Ort, um die von den Händlern befreiten Menschen abzuladen. Zwischen 1840 und den späten 1860er Jahren brachte man dabei viele Transporte auf und überführte insgesamt vielleicht 27 000 Sklaven zur Insel. Damit erhielten die Überlebenden zwar ihre Freiheit zurück, und die meisten wurden an andere Orte gebracht – für fast 10 000 Menschen, darunter viele Kinder, wurde allerdings ein steiniges Tal auf St. Helena zur letzten Ruhestätte.

Bis vor einem Jahrzehnt waren diese Toten fast völlig in Vergessenheit geraten – bis ein paar Skelette im Rahmen eines Bauprojekts zu Tage gefördert wurden. Bei archäologischen Ausgrabungen fanden sich dann hunderte mehr. Nun untersucht ein Forschungsteam die Überreste, die mehr als ein Jahrhundert unberührt im Boden lagen, und sequenziert ihre DNA. Die Wissenschaftler wollen auf diese Weise so viel wie möglich über die befreiten Sklaven von St. Helena erfahren: von ihrem Geburtsort in Afrika bis hin zu ihrer kulturellen Vergangenheit und wie sie starben.

Die historisch bedeutsame Ausgrabungsstätte könnte wichtige Informationen über die Lebensgeschichten jener Versklavten liefern, die nie in Amerika angekommen sind, hofft Fatimah Jackson von der Howard University in Washington D.C., die derzeit alte DNA aus anderen Sklavengräbern sequenziert. Für die Anthropologin hat dies auch eine persönliche Bedeutung, weil sie so ihre eigene Abstammung bis nach Afrika zurückverfolgen kann. "Wir sind Nachfahren von Menschen, die über die Middle Passage kamen und die die amerikanische Sklaverei und institutionalisierte Rassentrennung erlebten. Dabei ging viel von unserer Identität und unserer Herkunft verloren. DNA aus damaligen Zeiten lässt uns ein wenig in die Vergangenheit blicken, nach der wir uns schon immer gesehnt haben, zu der wir aber nie direkten Zugang hatten", sagt sie.

Tal der verlorenen Seelen

Rupert's Valley ist eine Schlucht an einer der Küsten der weit entlegenen Insel, auf der Napoleon Bonaparte seine letzten Tage im Exil verbrachte. Beim Durchqueren passiert man Lagerhäuser, ein kleines Dieselkraftwerk und eine Fischfabrik, dazu noch ein paar Häuser und eine einsame Kirche.

Im Tal verstreut finden sich einsturzgefährdete Überreste aus der Vergangenheit: etwa ein einst von der British East India Company gebauter, meterbreiter Schutzwall oder eine Entsalzungsanlage aus dem späten 19. Jahrhundert, die ein Gefängniscamp während des zweiten Burenkrieges vollständig mit Wasser versorgte. Aber abgesehen von einem unscheinbaren Steingebäude erinnert nur wenig an die tausenden Sklaven, die hier einst gelebt hatten.

Hafen auf Sankt Helena
© iStock / duncan1890
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Die britische Marine machte im 19. Jahrhundert Jagd auf Sklavenschiffe. Einige der befreiten Sklaven wurden nach St. Helena gebracht – ihrem genetischen Erbe spüren Forscher nun nach.

Im November 2006 kam der Geologe David Shilston mit dem Schiff von Kapstadt nach St. Helena – die fünftägige Seereise ist eine der wenigen Möglichkeiten, zur Insel zu gelangen. Er arbeitet für das Ingenieurbüro Atkins, das beauftragt war, eine Zufahrtsstraße für den Bau des ersten Flugplatzes der Insel zu planen; Shilston sollte nun die Bodenbeschaffenheit des Gebiets untersuchen. Die Grabungen hatten gerade erst begonnen, als ihn ein Arbeiter herbeirief und auf einen gebrochenen Beinknochen zeigte, der aus dem Boden ragte. "Ich dachte erst, er würde von einem Kind stammen. Er sah nämlich ziemlich klein aus", erinnert sich Shilston.

Historische Aufzeichnungen lassen erahnen, in welch furchtbarer Verfassung viele der befreiten Sklaven auf der Insel ankamen. "Ihre Arme und Beine waren bis auf die Dicke eines Spazierstocks abgemagert", schrieb ein Augenzeuge eines anlegenden Sklavenschiffes von 1861. "Viele starben schon, als sie nur vom Schiff auf das Boot wechselten. Es war gar keine Zeit, die Lebenden von den Toten zu trennen." Andere erlagen bereits kurz nach ihrer Ankunft Krankheiten wie den Pocken oder der Ruhr, und es gibt Hinweise auf Selbstmorde. Allein zwischen 1840 und 1849 starb ein Drittel der befreiten Sklaven, immerhin fast 5000 Menschen. Viele von jenen, die die fürchterlichen Bedingungen in den Lagern überlebten, wurden nach Jamaica, Trinidad und in andere britische Kolonien gebracht, wo sie als abhängige Arbeiter auf Zuckerplantagen arbeiten mussten.

Nachdem Shilston 2006 die ersten Überreste des St. Helena's Liberated African Graveyard – so wird der Ort mittlerweile genannt – entdeckt hatte, wurde ihm klar, dass die Gräber von den Einheimischen weniger vergessen denn ignoriert wurden. Seine Entdeckung schaffte es bis auf die Titelseite einer lokalen Zeitung. "Dort sind unzählige Überreste menschlicher Körper zu finden", hieß es, und: "Viele glauben, dass die Seelen der toten Sklaven das Tal noch immer heimsuchen." Die Überreste wurden in kleinen Särgen in einer Kirche vor Ort gelagert und später auf einem Friedhof in der Inselhauptstadt Jamestown erneut vergraben.

"DNA aus damaligen Zeiten lässt uns ein wenig in die Vergangenheit blicken, nach der wir uns schon immer gesehnt haben, zu der wir aber nie direkten Zugang hatten" (Fatimah Jackson)

Im Jahr 2007 kam dann der Archäologe Andrew Pearson aus Cardiff auf die Insel – im Auftrag des britischen Ministeriums für internationale Entwicklung, das gerade 297 Millionen Euro für einen Flughafen auf St. Helena freigegeben hatte. Die Insel ist britisches Hoheitsgebiet in Übersee, und die Behörde stellte Pearson für die Fachbegutachtung des Baugebiets an. Fast unmittelbar nach seiner Ankunft entdeckte er zwei einzelne Grabstätten direkt auf der Route der geplanten Zufahrtsstraße: "Ein ausgedehntes, weltweit historisch einmaliges Bestattungsfeld genau dort, wo sie bauen wollten – das hat mich gleich mal zum Überbringer schlechter Botschaften gemacht", erinnert sich Pearson.

Mit der Anweisung, nur die Skelette unter der geplanten Straße freizulegen, kehrten Pearson und sein Kollege Ben Jeffs im folgenden Jahr nach St. Helena zurück – mit einem fünfköpfigen Team, das schnell auf 15 Mann anwuchs, als das Ausmaß des Unterfangens klar wurde. Die ersten freigelegten Gräber bargen teils bis zu sechs Skelette. Pearsons Team verbrachte vier Monate damit, 325 menschliche Überreste aus einer 1800 Quadratmeter großen Fläche zu exhumieren und sie für spätere Untersuchungen in Jamestown aufzubewahren. Mehr als die Hälfte der Verstorben schien unter 18 Jahre alt gewesen zu sein, und die größte Gruppe waren Kinder im Alter von zwölf Jahren und jünger. Pearson schätzt, dass insgesamt 8000 Personen im gesamten Tal begraben sind.

Sklavenrouten im Atlantik
© Nature, nach: Pearson, A. et al.: Infernal Traffic : excavation of a Liberated African Graveyard in Rupert's Valley, St. Helena. Council for British Archaeology, York 2011; aus: Callaway, E.: Freedom in Exile. In: Nature 540, S. 184-187, 2016; dt. Bearbeitung: Spektrum der Wissenschaft
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Nord- und Südamerika wie auch die Karibischen Inseln sind voll mit Grabstätten aus der Zeit des transatlantischen Sklavenhandels; doch diese beherbergen eher mehrere Generationen: Einige Sklaven wurden noch in Afrika geboren und andere schon in Amerika. Im Gegensatz dazu scheinen in Rupert's Valley nur Menschen begraben zu sein, die in die Sklaverei verkauft und später wieder befreit worden waren. Das liefert nicht nur Hinweise darauf, woher die Sklaven kamen und wie die Bedingungen an Bord der Schiffe waren, sondern auch, wie der Sklavenhandel sie verändert haben könnte. "Es handelt sich tatsächlich um Menschen, die wenige Wochen vor der Bestattung aus Afrika entführt worden waren. Wir erhalten dadurch eine Momentaufnahme der Middle Passage, die auf anderen Wegen nicht greifbar ist", erklärt Pearson.

Versteckte Identität

Der Forscher Hannes Schroeder von der Universität Kopenhagen ist auf alte DNA spezialisiert. Mit archäologischen Überresten aus der Zeit des Sklavenhandels kam er erstmals während seiner Studienzeit in Kontakt, als er an Ausgrabung auf den Jungferninseln beteiligt war. Der Ort, an dem er forschte, wurde zwar auf die Zeit vor der Ankunft der Europäer in Amerika datiert, er grenzte aber an eine überwachsene Plantage aus dem 18. Jahrhundert. Er und sein Freund untersuchten die Plantage an den Wochenenden und entdeckten die Reste eines großen Hauses, Sklavenquartiere und andere Spuren. "Dieser Ort war zwar vergessen, aber ungeheuer wichtig für die Geschichte der Insel. Das hat mich sehr beeindruckt", sagt er.

Als Schroeder 2009 in Kopenhagen als Postdoc zu arbeiten begann, überlegte er sich, wie er die Herkunft der Sklaven anhand ihres Genoms untersuchen konnte. Die Geschichte der rund zwölf Millionen Afrikaner, die im Rahmen des Sklavenhandels verschleppt wurden, ist hauptsächlich aus Aufzeichnungen der Schifffahrt bekannt, einschließlich eines Verzeichnisses von fast 36 000 Überfahrten. Die Daten zeigen hauptsächlich den Verkauf und Abfahrtshafen, nicht aber die Ethnie oder die geografische Herkunft der Sklaven, die oft Hunderte von Kilometern entfernt von dem Ort lag, an dem sie verkauft wurden. Doch anhand eines Vergleichs der gesammelten DNA aus den Überresten mit einer Gendatenbank über heutige Afrikaner ließen sich vielleicht die Opfer des Sklavenhandels mit ihren Heimatregionen in Verbindung bringen, überlegte Schroeder.

Das war 2009 aus zwei Gründen eine echte Herausforderung. Erstens konnten Wissenschaftler zwar lesbare Stücke DNA aus hunderttausend Jahre alten Proben isolieren, doch stammten diese eher von Orten in Nordeuropa, Sibirien und Nordamerika. Niemand hatte bis dato alte DNA aus tropischen Gegenden sequenzieren können, weil Hitze und Feuchtigkeit den Abbau biologischer Moleküle beschleunigen. Zweitens war es den Genetikern nicht gelungen, die genomische Diversität des modernen Afrikas in Datenbanken vollständig zu erfassen. Klar war also: Selbst wenn qualitativ hochwertige Sequenzen aus den Sklavengräbern entnommen werden könnten, wäre es schwierig, eine präzise Verbindung zur heutigen Bevölkerung herzustellen.

Doch Schroeder machte beharrlich weiter. Im Jahr 2011 warben er und seine Kollegen vier Millionen Euro Fördergelder von der Europäischen Kommission ein, um den transatlantischen Sklavenhandel wissenschaftlich zu untersuchen. Damit gelang es ihm und anderen Forschern, die Überreste von einem halben Dutzend Sklavengrabstätten zu sequenziert, einschließlich jener auf St. Helena.

Die als Erstes analysierten Proben stammten allerdings aus den Knochen von zwei Männern und einer Frau, die Bauarbeiter im niederländischen Teil von St. Martin in der Karibik zufällig ausgegraben hatten. Kohlenstoffdatierungen lassen vermuten, dass alle drei zwischen 1660 und 1688 verstarben, in der Zeit, in der laut historischen Aufzeichnungen mindestens ein Sklavenschiff die Insel erreichte. Alle drei Verstorbenen hatten zu Spitzen gefeilte oder abgeschlagene Schneidezähne – ein Zeichen dafür, dass sie in Afrika geboren waren, wo dies bei vielen Ethnien Teil eines Ritus war. Schroeders Team konnte Teile der Genomsequenzen der einzelnen Personen mit Hilfe molekularbiologischer Techniken rekonstruieren. Hierfür musste zunächst der beste Weg gefunden werden, wie die menschliche DNA in den Überresten vom genetischem Material aus Mikroorganismen auseinandergehalten werden kann, die nach dem Tod in die Knochen eindringen.

Blick über die Insel Sankt Helena
© iStock / StHelena
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Die Insel im Südatlantik ist durch raue, vulkanische Landschaften gekennzeichnet. In einigen Regionen lässt sich aber auch Landwirtschaft betreiben.

Die isolierte DNA wurde schließlich mit den Sequenzen von elf heutigen afrikanischen Bevölkerungsgruppen verglichen. Danach ist wahrscheinlich einer der Funde aus St. Martin eng mit Angehörigen der Bamuns verwandt, einer Bantu sprechenden ethnischen Gruppe aus dem nördlichen Teil Kameruns. Die DNA der anderen beiden Proben zeigte Ähnlichkeit mit einer ethnischen Gruppe, die jetzt in Nigeria und Ghana lebt und die Igbo und Brong einschließt. Schroeder hält sich noch etwas mit Aussagen darüber zurück. Die 2015 veröffentlichten Ergebnisse lassen hoffen, dass alte DNA wirklich Aufschluss über die genetische Herkunft der Sklaven und die Veränderungen durch die Geschehnisse der Middle Passage geben kann. Die Resultate werfen für ihn aber auch Fragen auf: "Abgesehen davon, dass die drei zusammen begraben wurden und vielleicht mit dem gleichen Schiff ankamen, waren sie unterschiedlicher ethnischer Herkunft und sprachen vermutlich verschiedene Sprachen. Wie also haben sie miteinander kommuniziert? Und was bedeutet das für die Bildung neuer Identitäten in Amerika?"

In Rupert's Valley hörte man wahrscheinlich etliche Sprachen. Laut Aufzeichnungen der Marine waren die in St. Helena gelandeten Sklavenschiffe von den verschiedensten Häfen zwischen Zentral- und Westafrika in See gestochen, auch vom heutigen Angola und der Region des Kongo aus. So manche Spur führt sogar noch weiter: bis nach Mosambik und Madagaskar. Ein Augenzeuge aus dem Jahr 1840 bemerkte eine Gruppe von 40 "Eingeborenen aus dem Inland", die mehrere Monate gereist waren, um die Atlantikküste zu erreichen. "Es gibt so viele verschiedene Stämme und Gegenden; da wäre es schon kurios, wenn jemand all die Sprachen könnte, um alle Spuren zu verfolgen", meint ein anderer Besucher von Rupert's Valley.

Die DNA der früheren Sklaven untermauert diese Beobachtung. Schroeder und die Paläogenetikerin Marcela Sandoval Velasco von der Universität Kopenhagen sammelten DNA aus den Zähnen von 63 Sklaven und sequenzierten einen Teil des Genoms von 20 der am besten erhaltenen Proben. Vergleiche mit heutigen afrikanischen Bevölkerungsgruppen lassen vermuten, dass die befreiten Sklaven unterschiedlicher Abstammung waren. Einige wenige hatten gleiche Vorfahren mit ethnischen Gruppen wie die Bamun und Bakongo; doch bei den meisten fanden sich keine besonderen Ähnlichkeiten zu heutigen Gruppen Afrikas. Das mag laut Schroeder daran liegen, dass es für die Bewohner von Regionen in Angola und Mosambik keine Genomdaten gebe.

Noch mehr Belege

Schroeder ist zwar frustriert, dass sein Team weder die Heimat der befreiten Sklaven aus St. Helena noch eine enge Verbindung zu einem heutigen Stamm ermitteln konnte. Aber er ist zuversichtlich, dass sich die Suche anhand der Genomdaten letztendlich einengen lässt. In mehreren Projekten aus der Biomedizin wird das Genom vieler Menschen aus der ganzen Region in Subsahara-Afrika sequenziert. "Es kann nicht mehr lange dauern", glaubt er.

Bis dahin verfolgen er und seine Kollegen andere Hinweise, um die Herkunft der 32 befreiten Sklaven zu entschlüsseln und nicht zuletzt Details zu ihrem Leben herauszufinden. Die in Zähnen nachweisbare Menge an bestimmten chemischen Isotopen, etwa Strontium, hängt von der lokalen Geochemie ab und gibt Hinweise darauf, wo die Menschen als Kind – zur Zeit der Entwicklung der bleibenden Zähne – lebten.

Die Doktorandin Judy Watson von der University of Bristol im Vereinigten Königreich arbeitet mit Schroeders Gruppe zusammen. Sie hat in den Überresten aus dem Rupert's Valley eine Gruppe mit ähnlichen Isotopverhältnissen gefunden, was auf die gleiche Herkunft der Menschen deutet. "Das könnte der Beweis dafür sein, dass nicht einzelne, sondern ganze Gruppen aus der gleichen Region aufgesammelt wurden", vermutet die Anthropologin und Gruppenleiterin Kate Robson-Brown. Und während Genomanalysen die befreiten Sklaven oft mit modernen Bevölkerungsgruppen in Verbindung bringen, könnten die Isotopenverhältnisse einen Hinweis auf ihre geografische Herkunft liefern: Sie variieren meist deutlich sogar zwischen benachbarten Regionen. Tatsächlich glauben Watson und Pearson, das Sterbedatum der Toten im Rupert's Valley auf das Jahr 1840 eingrenzen zu können, indem sie die Indizien aus Münzfunden und anderen archäologischen Hinweisen mit den Daten potenzieller Sklavenschifffahrten und den Abfahrtshäfen kombinierten.

Das Team möchte möglichst viel über das Leben der früheren Sklaven erfahren, denn: "Isotope und Genetik werden uns nichts über die soziale Identität der Menschen sagen", erklärt Robson-Brown. So forscht Erna Johannesdottir über die rituellen Zahndeformationen, die bei den menschlichen Überresten gefunden wurden. Spezifische Formen könnten auf die ethnische Zugehörigkeit des Trägers hinweisen, insbesondere im Zusammenspiel mit Genomdaten. Einige davon scheinen allerdings erst kurz vor dem Tod der Menschen durchgeführt worden zu sein, möglicherweise sogar an Bord des Sklavenschiffs, merkt Robson-Brown an. "Es ist vorstellbar, dass sich die jungen Menschen während ihrer Gefangennahme, Versklavung, Verschiffung und all diesen schlimmen Ereignissen angefreundet haben. In meinen Augen ist das eine starke Botschaft von menschlichem Geist und Widerstand."

Experten, die den transatlantischen Sklavenhandel untersuchen, wollen diese Erkenntnisse in ihre Forschung einbeziehen, meint der Wirtschaftshistoriker David Richardson von der University of Hull im Vereinigten Königreich, der mit dem Team arbeitet. "Historiker sind von den Fragen zur Identität, zur kulturellen Adaption und dem kulturellen Vermächtnis fasziniert. Das ist alles Teil des transatlantischen Sklavenhandels."

Abstammungslinien

Die DNA-Forschung über die Umstände beim Sklavenhandel könnte auch die Vorstellung über das Vermächtnis des Handels verändern. "Das ist eine sehr persönliche Sache, eben nicht 'nur alte DNA'. Schon weil es vielleicht alte DNA unserer Vorfahren ist", erklärt Jackson. Aber selbst wenn es nie möglich sein wird, durch Gendaten frühere Sklaven mit heute lebenden Nachfahren in Verbindung zu bringen: Allein die Verfügbarkeit des genetischen Materials eröffne vielfältige Möglichkeiten. "Die Erforschung alter DNA ermöglicht uns den Zugang zu unserer Geschichte, mit der guten wie mit der schlechten, und sie lässt sich vielleicht mit unserer eigenen Identität in Einklang bringen."

In den Augen der Soziologin Alondra Nelson von der Columbia University in New York City begann die Suche nach den genetischen Wurzeln schon um 1991, als die Sklavengrabstätte in Lower Manhattan mit sterblichen Überresten von 10 000 bis 20 000 Menschen entdeckt wurde. Die Analysen der mitochondrialen DNA (einige von Jackson durchgeführt) enthüllten nicht viel über die dort gefundenen Individuen, abgesehen vom Vorliegen mütterlicher Marker, die in Afrika verbreitet sind. Doch schon Jahre vor diesen ersten genetischen Untersuchungen hatten sich Menschen gemeldet, die ihre eigene Verwandtschaft mit den genanalysierten Verstorbenen vermuteten. Die selbsternannte Gruppe dieser Nachfahren – die Descendants of the African Burial Ground – kritisierte zudem Politiker und Forscher, sie würden die Überreste respektlos behandeln.

Pearson befürchtete anfangs, die Grabungen in Rupert's Valley könnten bei den Bewohnern der Insel, den Saints, ähnliche Reaktionen hervorrufen – schließlich sind viele von ihnen nicht nur Nachfahren der später eingetroffenen chinesischen Zwangsarbeiter oder britischer Siedler, sondern eben auch von einstigen Sklaven. "Ich fürchtete schon schrecklichen Ärger, Anwürfe à la 'Wie könnt ihr meiner Familie das antun' von vermeintlichen Verwandten oder ähnliches", erinnert er sich. Aber es kam gar nichts. "Wahrscheinlich haben die Leute keinen Wert auf ihr schwarzes Erbe gelegt, so dass es einfach verloren gegangen ist", mutmaßt er.

Auch wenn St. Helenas Flughafen heute fertig gestellt ist, wartet das vom Wind gepeitschte Rollfeld noch immer auf seinen ersten regulären, kommerziellen Flug. Dazu wird es vielleicht nie kommen, und auch das Schicksal der Überreste der befreiten Sklaven ist unklar. Die Regierung von St. Helena führte unter den Bewohnern im Jahr 2015 eine Umfrage darüber durch, was mit den Skeletten geschehen sollte: Sie könnten weiter der Forschung zur Verfügung stehen oder nach Afrika an einen noch zu bestimmenden Ort zurückgeführt werden – wobei zweifelsohne große politische und logistische Hürden zu überwinden wären, selbst wenn die Herkunft klar wäre, merkt Pearson an. Die große Mehrheit der Bevölkerung möchte sie jedoch so schnell wie möglich zurück nach Rupert's Valley bringen.

Auch wenn die Forscher noch vieles von den Knochen lernen könnten, stimmt Pearson dem Willen der Saints zu und hofft, nach St. Helena zurückzukehren und beim Begraben mithelfen zu können. "Diese Menschen hatten alle ein so schlimmes Ende. Was wäre das für eine Demütigung, durch die Hand weißer Menschen für immer in ein Labor gesteckt zu werden."

Die letzten sechs frei gelassenen Sklaven kamen 1864 auf einem so schwer beschädigten Schiff nach Rupert's Valley, dass die Royal Navy es gleich sinken ließ. Das Lager wurde 1867 aufgelöst. Historiker sind sich noch uneins darüber, wie die damaligen Maßnahmen zum Abfangen und Bestrafen der Sklavenhändler zu beurteilen sind. Wahrscheinlich wurde hierdurch nämlich das Ende des transatlantischen Sklavenhandels in Brasilien und Kuba beschleunigt, die letzten Trutzburgen eines dunklen Kapitels in der Menschheitsgeschichte. Doch die von der britischen Marine frei gelassenen Menschen, die letztlich St. Helena wieder verließen, haben vielleicht ihr Schicksal, in fremden Ländern zu arbeiteten oder anderer Leute Kriege zu führen, nur als weitere Versklavung empfunden.

Und dann waren da ja noch die Zurückgelassenen. Mehrere hundert freigelassene Afrikaner integrierten sich schließlich in die Gesellschaft St. Helenas. Eine Volkszählung von 1881 registrierte 77 Menschen, deren Geburtsort als "Westküste Afrikas" gelistet war. Es ist nicht leicht, sich solch ein Leben vorzustellen, aus der Heimat gerissen, vor der Sklaverei gerettet, aber auf einer entfernten Insel zurückgelassen. Frei, aber im Exil. Eine Fotografie aus der Zeit um die Jahrhundertwende zeigt fünf von ihnen: drei sitzende Frauen und zwei Männer, alle Bewohner eines Armenhauses. "Obwohl die Männer über 70 waren, verdienten sie noch ein bisschen Geld, aber die Frauen waren hilflos und fast blind", steht im Bildtext aus dieser Zeit. Sie waren mit der Cyclops angekommen, ein Marineschiff, das in St. Helena das letzte Mal ein halbes Jahrhundert zuvor angelandet war. Es ist das letzte Foto, das jemals von St. Helenas befreiten Sklaven gemacht wurde – ihre DNA könnte aber bald mehr von diesen Menschen zeigen.


Der Artikel ist im Original "What DNA reveals about St Helena's freed slaves" in "Nature" erschienen.