Eine der umfangreichsten DNA-Vergleiche von heute lebenden Menschen hat Genvarianten identifiziert, die es in naher Zukunft beim Menschen vielleicht nicht mehr geben wird: So scheinen durch Evolutionsprozesse der Moderne zwei Mutationen verloren zu gehen, die die Lebenszeit verkürzen. Dies legt ein Abgleich der Genome von 215 000 DNA-Spendern aus den USA und Großbritannien nahe, den Hakhamanesh Mostafavi von der Columbia University und Kollegen in "PLoS Biology" veröffentlicht haben.

Dabei haben die Forscher vor allem versucht, die Entwicklung des Genpools von einer Generation zur nächsten und übernächsten zu dokumentieren. Um diesen dynamischen Prozess zu erkennen, ist es nicht nur nötig, enorm viele Genome aus verschiedenen Generationen zu vergleichen – zudem müssen die Lebensdaten der verschiedenen Personen möglichst fehlerfrei dokumentiert sein, um verlässliche Aussagen möglich zu machen. Die Wissenschaftler um Mostafavi konzentrierten sich daher zunächst auf nur eines, allerdings das am verlässlichsten fehlerfrei erfasste Lebensereignis von Genomspendern: deren Tod, sofern er durch natürliche Umstände eintrat. Dann versuchten sie, ein langes oder kurzes Leben mit bestimmten Genvarianten zu korrelieren. Dies gelang, so Mostafavi und Co: Unter acht Millionen häufig vorkommenden Mutationen, die die Forscher in den Blick genommen hatten, fanden sich zwei auffällige Kandidaten, die bei den besonders alten Lebenden und den erst hochbetagt Verstorbenen besonders selten sind.

Bei den fraglichen Abschnitten handelt es sich um eine Variante des APOE-Gens, die auch mit dem Auftreten der Alzheimerkrankheit zusammenhängt: Zwar ist es in der Gesamtbevölkerung recht häufig, fast nie aber findet es sich bei über 70-jährigen Frauen. Zudem gibt es gerade bei Männern ab dem mittleren Lebensalter immer weniger mit einer bestimmten Variante des Gens CHRNA3. Auch diese Genvariante war Wissenschaftlern schon früher aufgefallen: Sie kommt besonders bei starken Rauchern vor – die bekanntermaßen eine geringere Lebenserwartung haben.

Die Forscher weisen selbst darauf hin, dass damit noch kein Evolutionsprozess offengelegt ist: Langlebigkeitsgene fördern ihre eigene Ausbreitung im Genpool einer Art – die "genetische Fitness" – nicht zwangsläufig, weil sie sich nicht unbedingt auch auf den Fortpflanzungserfolg auswirken. Womöglich sind langlebigkeitsverleihende Gene aus evolutionärer Sicht einfach neutral – und vielleicht wirken sie sich in jüngeren Jahren sogar negativ aus: So könnten theoretisch Träger der Genvarianten häufiger vor dem mittleren Alter sterben, danach dann allerdings länger leben. Jedenfalls aber sind die beiden Gene APOE und CHRNA3 offenbar etwas Besonderes, weil sie sich als einzige deutlich vom statistischen Grundrauschen abheben: Diese beiden Gene, interpretiert Mostafavi, werden offenkundig gerade jetzt von Evolutionsprozessen aussortiert.

Wahrscheinlich setze sich Langlebigkeit nun gerade durch, weil sie in weiten Teilen der Weltbevölkerung anders als früher oft bei guter Gesundheit möglich ist. Männer können auch im späten Alter noch Kinder zeugen – und die Großmuttertheorie, nach der Langlebigkeit einer liebevoll von mehreren Generationen geförderten Enkelgeneration zugutekommt, ist zwar schwer experimentell zu belegen, bleibt aber weiter plausibel.