Die Anschläge vom 11. September 2001 verunsicherten und beängstigten viele US-Amerikaner. Ebenso wie ihr damaliger Präsident George W. Bush wähnten sie die "nationale Sicherheit" in Gefahr und hofften auf eine schnelle Verurteilung der Terroristen. Um weiteren Terrorakten vorzubeugen, verhörten Organe der US-Regierung, unter anderem die CIA, eine Vielzahl von Verdächtigen. Doch spätestens als im April 2009 die Befragungsprotokolle einiger Häftlinge an die Öffentlichkeit gelangten, kamen Zweifel an diesem Vorgehen auf: Die Verhöre waren offensichtlich keine rechtsstaatlichen Vernehmungen – sie waren Folter.

Artikel 5 der UN-Charta der Menschenrechte besagt, dass niemand der Folter sowie grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung unterworfen werden darf. Zweifelhaft bei den von Militär und CIA durchgeführten Untersuchungen sind jedoch nicht nur die ethischen Aspekte. Neurologen und Psychologen fragen sich auch, ob diese Art des Informationsgewinns überhaupt ihren Zweck erfüllt und die Verdächtigen die Wahrheit erzählen.

Folter
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Tatsächlich engagierte die Regierung selbst Psychologen, die eine Art Gebrauchsanweisung für verschiedene Foltertechniken anfertigen sollten. Die auch als White Torture oder Clean Torture bekannt gewordenen Befragungsmethoden wurden vom U.S. Department of Justice in einem Memo festgehalten und erklären, wie der Wille des Häftlings am effektivsten gebrochen werden kann. Während die Ermittler größten Wert auf die äußerliche Unversehrtheit der Verdächtigen legen sollten, galten verschiedene Formen psychischer Gewalt als zulässig.

Unter anderem durch Schlafentzug und das gezielte Ermüden der Muskeln, zum Beispiel durch stundenlanges Stehen, soll der mutmaßliche Terrorist seine Kontrollfähigkeit verlieren und so unwillentlich geheime Informationen verraten. Und hinter Namen wie Walling, Stress Positions oder Waterboarding verbergen sich noch drastischere Foltermethoden, bei denen der Häftling gezielt enormen Stress bis hin zu Todesangst empfinden soll.

Beim Waterboarding etwa verbinden die Soldaten dem Häftling, der auf einem abwärtsgeneigten Brett fixiert wird, die Augen sowie zeitweise auch Mund und Nase. Anschließend wird sein Kopf mit Wasser übergossen, so dass er glaubt zu ertrinken. Eine Methode, die wahrscheinlich überhaupt nicht das bewirkt, was die Folterer von ihr erhoffen, wie Forscher um Shane O'Mara vom Trinity College Dublin in einer Überblicksstudie zusammenfassen. Die Hirnfunktionen – vor allem solche, die mit dem Gedächtnis in Verbindung stehen – scheinen unter extremem Stress immens beeinträchtigt zu werden.

Besonders das Waterboarding potenziert die Hirnaktivität in Bereichen, die mit Angst in Verbindung stehen. Da bei dieser Methode der Gefangene nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird, sammelt sich in seinem Hirn immer mehr Kohlendioxid an, während der Sauerstoffspiegel in seinem Blut weiter sinkt: Der Häftling bekommt das Gefühl, zu ersticken.

Am Entstehen solcher Ängste wirkt vor allem die Amygdala mit. Unter anhaltender Belastung vergrößert sie sich, und so entsteht eine Rückkopplungsschleife, durch die immer mehr Stresshormone wie Cortisol oder die Katecholamine Adrenalin und Noradrenalin im Gehirn freigesetzt werden.

Katecholamine kontrollieren jedoch die "Flight or Fight"-Reaktion und versetzen den Körper in Alarmbereitschaft. Adrenalin und Noradrenalin regen unter anderem die Abgabe von Glukose ans Blut an und können den Blutdruck sowie die Herzschlagrate erhöhen. Das ist über einen begrenzten Zeitraum durchaus nützlich, über längere Zeit aber schädlich für Hirn und Herz. Wird neben den Angst auslösenden Foltertechniken zudem Schlafentzug angewandt, erhöht sich vor allem der Cortisolspiegel. Eine hohe Konzentration dieses Stresshormons wirkt sich negativ auf die Gedächtnisleistung aus, schließen O'Mara und seine Kollegen aus früheren Studien an Soldaten, die unter Posttraumatischen Belastungsstörungen gelitten hatten.

Dabei hatten tomografische Aufnahmen des Gehirns per PET- und SPECT-Messungen, bei denen der Stoffwechsel verschiedener Hirnregionen registriert wird, eine erniedrigte Aktivität im Hippocampus sowie im Frontallappen gezeigt. Normalerweise sind jedoch diese Bereiche beim bewussten Abrufen von Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis besonders aktiv.

Zudem scheint der präfrontale Kortex auch bei dem Entscheidungsprozess mitzuwirken, ob der Häftling die Wahrheit preisgibt oder nicht. Sowohl dieses Areal als auch der Hippocampus – wie die Amygdala ein Teil der limbischen Systems – verfügen über ein höheres Maß an Rezeptoren für Stresshormone als viele andere Hirnregionen. Aus diesem Grund reagieren sie auf diese Botenstoffe besonders sensibel. Unter langer und extremer Qual reduziert sich deshalb ihre Funktionsfähigkeit stark, und es kann sogar zu Gewebeverlust kommen, schließt O'Mara.

Bereits Arbeiten aus den 1950er Jahren zeigten die Folgen psychischer Folter – etwa vom Psychologen Donald Hebb, damals an der McGill University in Montreal. Er stellte fest, dass sich die "Persönlichkeit der Testpersonen aufzulösen begann". Dazu hatte er den Probanden jegliche äußere Reize wie Licht, Geräusche und Sozialkontakte entzogen – noch nicht einmal fühlen durften sie ihre Umgebung.

Auch Albert Biderman und Herbert Zimmer von der University of Georgetown belegten 1961 in ihrer Schrift "The Manipulation of Human Behavior", dass die Methode der Isolierung sowie Schlafentzug den Menschen auf eine infantile Stufe zurückversetzt. Diese Techniken wandte die U.S. Army etwa im Koreakrieg an asiatischen Kriegsgefangenen an.

Nachdem sich die Neurologie mit den Folgen von psychischer Gewalt befasst hat, scheinen diese Methoden nun nicht mehr nur grausam, sondern auch nutzlos: Obwohl die Ermittler die Guantánamo-Häftlinge oft monatelang folterten und zum Teil mehr als 20 Stunden am Stück verhörten, erhielten sie, ohne es zu wissen, nur selten verlässliche Aussagen: Die Auswirkungen der psychologischen Folter insbesondere auf den präfrontalen Kortex brechen zwar den Willen und die eigenständige Entscheidungsfähigkeit vieler Häftlinge, gleichzeitig verhindern sie aber das korrekte Abrufen von Gedächtnisinhalten. Auch wenn ein Terrorverdächtiger durch die Befragungsmethoden gesteht, bleibt es für ihn selbst unklar, ob seine Erinnerung wirklich den Tatsachen entspricht oder ob sein Gehirn ihm diese nur vorgaukelt. Der Wahrheitsgehalt eines erzwungenen Geständnisses bleibt also mehr als fragwürdig.