Kommentar | 25.01.2013 | Drucken | Teilen

Flaggschiff-Initiative

Gewagter Schuss ins Blaue

Eine halbe Milliarde Euro wird die EU in die Erforschung von Anwendungen für die "Wunderfolie" Graphen investieren. Eine wagemutige Entscheidung, findet Lars Fischer.
Lars Fischer

500 Millionen Euro sind eine ganze Menge Geld in der Forschung. Entsprechend hoch sind jetzt die Erwartungen an die beiden Gewinnerprojekte der EU-Flaggschiff-Initiative. Besonderer Druck lastet allerdings auf dem Graphen-Projekt unter Führung des schwedischen Festkörperphysikers Jari Kinaret, in der sich europaweit hunderte Forschungsgruppen zusammengeschlossen haben. Mit den 500 Millionen Euro Fördermitteln sollen sie der mit vielen Vorschusslorbeeren bedachten Wunderfolie endlich einen Weg in technische Anwendungen bahnen.

Graphen

Denn bei allen Superlativen, mit denen das Graphen aufwarten kann: Viele Experten zweifeln offen daran, dass sich die theoretischen Möglichkeiten, die pflichtschuldig am Ende jeder neuen Veröffentlichung über den Stoff aufgezählt werden, in der Praxis großtechnisch realisieren lassen. Die Erinnerung ist noch frisch an die ebenso gefeierten Fullerene und Kohlenstoffnanoröhren, die trotz ihrer bemerkenswerten Eigenschaften bis heute ein Nischendasein in der Technik fristen.

Europaflagge

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Man darf sich auch durchaus fragen, ob dieses bisher von der Grundlagenforschung geprägte Fachgebiet tatsächlich plötzlich im erhofften Ausmaß kommerziell erfolgreiche Produkte hervorbringen kann – oder ob wir, böse gesagt, für all das Geld weiterhin vor allem erzählt bekommen, was man mit Graphen außerdem noch so anstellen könnte. Geld allein macht bekanntlich noch keine erfolgreiche Forschung. Hier hoffen die Initiatoren vor allem auf die Katalysatorwirkung der Initiative: Je mehr mit Graphen gearbeitet wird, desto attraktiver wird das Feld generell für die Forschung an konkreten Anwendungen.

Für ein explizit auf Produkte ausgerichtetes Programm ist das Projekt jedenfalls ein bemerkenswerter Schuss ins Blaue. Was am Ende herauskommen soll, ist bewusst völlig offen – man freut sich über alles, was funktioniert. Und natürlich hoffen alle darauf, dass das Potenzial des Graphen nicht anderswo zuerst erfolgreich erschlossen wird: Die Finanzierung kommt, gemessen an den Wettbewerbern in Asien und Nordamerika, vergleichsweise spät. Zu spät? Man weiß es nicht. Aber sicher ist, dass das Graphen-Projekt mit all seinen Unwägbarkeiten eine mutige Investition ist. Ein großes Wagnis, sicherlich, aber auch eine erfrischende Abwechslung in der oft so risikoscheuen europäischen Forschungsfinanzierung.

© Spektrum.de
Lars Fischer

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