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Gezielter Schlag

Das Bild des Neandertalers hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Aus dem dumpfen Höhlenbewohner wurde ein Jäger und Sammler mit einigen intellektuelle Fähigkeiten. Ein Neandertaler, der mit eingeschlagenem Schädel überleben konnte, stützt nun die Vermutung, dass die urzeitlichen Homoiniden sogar über ein soziales Netz verfügten.
Rekonstruktion des Schädels.
Wo Mord und Totschlag herrschen, gibt es Intelligenz, soziale Bindungen und kulturelles Leben. Seit es Homo sapiens sapiens gibt, richtet der "besonders weise Mensch" die Waffe gegen seine Mitmenschen. Doch was den modernen Menschen auszeichnet, hat womöglich auch schon seinen Vetter, den Neandertaler geprägt, der bis vor 35 000 Jahren in Europa siedelte und dann plötzlich verschwand.

Über welche intellektuellen Fähigkeiten der Neandertaler verfügte, ist umstritten. Immerhin stießen Forscher in den vergangenen Jahren immer wieder auf Hinweise, dass die Neandertaler Schmuck- und Kunstgegenstände herstellten, Begräbnisrituale abhielten und sich mehr oder minder ausgeprägt sprachlich artikulieren konnten. Ausgerechnet ein eingeschlagener Schädel stärkt nun die Forscher, die in dem Homo sapiens neanderthalensis weit mehr sehen als den weitgehend von Instinkten getriebenen urzeitlichen Jäger und Sammler.

Mithilfe eines Computertomografen haben Forscher um Christoph Zollikofer von der Universität Zürich in dem Schädel eines vor 36 000 Jahren in der südfranzösischen Ortschaft St. Césaire lebenden Neandertalers einen Bruch gefunden, der ganz offensichtlich von einem scharfkantigen Gegenstand verursacht wurde.

Aus der Morphologie der Wunde schließen die Forscher, dass der Gegenstand vor dem Einschlag beschleunigt wurde - ganz so, als sei er mit einem Griff versehen gewesen. Es habe sich also um einen gezielten Hieb handelte - vielleicht mit einer Axt. Nachdem die Wissenschaftler die Wunde mit ähnlichen Verletzungen heutiger Menschen verglichen, halten sie einen Unfall durch Sturz oder Steinschlag für unwahrscheinlich.

Wenngleich der Neandertaler schwer verletzt war, gestorben ist er an der Wunde nicht. Die Aufnahmen zeigen vielmehr, wie der Knochenbruch in den kommenden Wochen endzündungsfrei verheilte. Für Zollikofer und seine Kollegen ist dies ein Indiz dafür, dass der Verletzte während seiner Genesung von einem sozialen Umfeld gepflegt und versorgt wurde.

Dies ist nicht der erste Hinweis auf soziale Strukturen bei Homo sapiens neanderthalensis. Schon 1982 berichteten Erik Trinkaus von der Washington University in St. Louis und seine Mitarbeiter von einem Neandertaler, der einen Stich in die Rippen überlebt hatte. Erst kürzlich fanden sich die Überreste eines Neandertalers, der lange Zeit ohne Zähne gelebt haben musste. In beiden Fällen - so die Forscher - sei ein Überleben ohne fremde Hilfe wohl nicht möglich gewesen.

Übrigens: Was die sterblichen Überreste von St. Césaire angeht, muss der Täter keineswegs ein Neandertaler gewesen sein. Denn seinerzeit war bereits Homo sapiens sapiens - aus Afrika kommend - nach Norden vorgedrungen. Wenig später hatte der "besonders weise Mensch" die Neandertaler, die viele tausend Jahre lang das eiszeitliche Europa besiedelten, vollends verdrängt.

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