Das erste Mal ahnte Rosalinda Gioia im Jahr 2001, dass vor Westafrikas Küste etwas faul sein könnte. Während ihrer Forschungsfahrt an Bord eines Schiffs zeigten Messungen, dass die Konzentration von verschiedenen wichtigen polychlorierten Biphenylen (PCB) in der Luft plötzlich stark zunahm. Vier Jahre später bemerkten die Forscher um die Atmosphärenchemikerin von der Lancaster University vor Ort erneut eine regelrechte Wolke der Krebs erregenden PCB, die in Transformatoren, elektrischen Kondensatoren, in Hydraulikanlagen als Hydraulikflüssigkeit sowie als Weichmacher in Kunststoffen über Jahrzehnte verwendet wurden.

Und 2007 wies Gioia an Bord des deutschen Forschungsschiffs "Polarstern" rund 400 Kilometer vor der westafrikanischen Küste erneut große Mengen der giftigen Verbindung nach: Ihre Messgeräte schlugen immer dann besonders stark aus, wenn der Wind vom Land her auf die See wehte. Dieses Mal erfassten sie und ihre Kollegen jedoch nicht nur die Schadstoffkonzentrationen: Sie wollten nun auch endlich die Quelle der PCB ausfindig machen.

Schiffsfriedhof
© Sebastián Losada CC BY-SA
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An der mauretanischen Atlantikküste gammeln hunderte alte Schiffe vor sich hin – und sondern dabei große Mengen an schädlichen Chemikalien an Luft und Wasser ab.
Als mögliche Ursache vermuteten die Chemiker beispielsweise brennende Biomasse: Wenn Holz verfeuert wird oder Landwirte ihre Felder anstecken, können PCB wieder freigesetzt werden, die sich zuvor im Boden und der Vegetation angereichert hatten. Allerdings entstehen dabei noch weitere chemische Verbindungen wie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). Ebendiese Marker wiesen in den gesammelten Proben auf der "Polarstern" stets die niedrigsten Werte auf, wenn die PCB in maximaler Konzentration auftraten. Diese Herkunft schied also aus.

Produktion und Gebrauch von PCB sind zudem seit Mai 2001 durch die Stockholmer Konvention zu langlebigen organischen Schadstoffen nahezu weltweit verboten oder eingeschränkt. In Afrika selbst wurden sie ohnehin kaum hergestellt, weshalb die Wissenschaftler von den gemessenen hohen Konzentrationen erst recht überrascht waren. Sie hatten der Region diesbezüglich allerdings zuvor kaum Beachtung geschenkt. "Wir stellten hier völlig unerwartet eine starke PCB-Belastung fest", sagt Gioia, die ihre Ergebnisse vor Kurzem veröffentlicht hat [1]. "Verglichen mit anderen Weltregionen wurden in Afrika kaum PCB verkauft oder verwendet", so Gioia. "Die von uns nun beobachteten Konzentrationen könnten langfristig jedenfalls der Gesundheit der Menschen vor Ort schaden. Deshalb benötigen wir weitere toxikologische Untersuchungen, um die lokalen Auswirkungen der PCB detailliert zu erfassen." Der Schadstoff verursacht beim ersten Kontakt normalerweise keine Schäden, er reichert sich jedoch auf Dauer im Körpergewebe an, da PCB sich in der Umwelt kaum abbauen.

Unterschätzte Gefahr

Viele afrikanische Staaten sammelten deshalb gerade Daten zu diesen und anderen in der Stockholm-Konvention aufgelisteten Verbindungen, erklärt Jana Klánová, die über Umweltverschmutzung in Afrika an der Masaryk-Universität in Brno in Tschechien forscht. "Die meisten afrikanischen Wissenschaftler sorgen sich aber vor allem über chlororganische Pestizide wie zum Beispiel DDT, das zur Bekämpfung der Malaria eingesetzt wird. Dennoch sollte man die PCB-Belastung nicht unterschätzen", erzählt Klánová. "Unsere langjährigen Messreihen zeigen zwar, dass die PCB-Werte in der Atmosphäre über dem ländlichen Raum deutlich niedriger als in Europa liegen. In den Städten und vor allem in den Industriezentren unterscheiden sie sich jedoch praktisch nicht."

Gioia vermutet den Ausgangspunkt der von ihr erfassten PCB-Wolken daher auch an ganz bestimmten Orten: "Wahrscheinlich stammt der Schadstoff zumeist aus Müllkippen, in denen Elektroschrott wie Kondensatoren und andere PCB-haltige Geräte entsorgt wurden." Viele Entwicklungsländer importieren große Mengen Abfall aus den Industriestaaten, um die darin enthaltenen Rohstoffe wiederzuverwerten oder ihn endgültig abzulagern – oft ohne Rücksicht auf Sicherheitsregeln oder die Umwelt.

Auf ihrer Suche nach dem Ursprung der Giftfracht stieß die Atmosphärenchemikerin auch auf einen der größten Schiffsfriedhöfe der Welt: Etwas südlich von Nouadhibou, der zweitgrößten Stadt Mauretaniens, liegen hier hunderte Schiffe im flachen Wasser vor dem Strand, wo Arbeiter sie ausweiden oder die Wracks einfach zerfallen. "Dabei gelangt sehr wahrscheinlich auch PCB in die Umwelt", vermutet Gioia und fordert: "Wir müssen die wichtigsten Schadstoffquellen Westafrikas rasch finden und den Staaten dann helfen, die potenziell gefährlichen Chemikalien sicher zu entsorgen."