"Heute Morgen erkläre ich den derzeitigen Ausbruch der Ebolaviruserkrankung zur gesundheitlichen Notlage mit internationaler Tragweite", sagte die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation Margaret Chan am 8. August 2014. Das ist nun ein Jahr her. Damals war der Ebolaausbruch in Westafrika bereits mehr als vier Monate bekannt; offiziell waren bereits mehr als 1700 Menschen erkrankt, fast 1000 von ihnen gestorben. Als die bis dahin größte Ebolaepidemie galt jener Ausbruch in Uganda Ende 2000 / Anfang 2001 – mit 425 Fällen, darunter 224 Toten. Nun, ein Jahr nach Chans Alarmsignal, sieht die Statistik in Westafrika so aus: Fast 28 000 Menschen sind an Ebola erkrankt, mehr als 11 000 von ihnen sind daran gestorben. Und die Katastrophe ist noch nicht vorüber, der Notstand noch nicht aufgehoben.

Notstand für die Weltgesundheit: Was ist das überhaupt?

"Public Health Emergency of International Concern" (PHEIC): So lautet der Fachbegriff der Vereinten Nationen für den weltweiten medizinischen Notstand. Gemeint ist damit eine "Situation, die ernst, ungewöhnlich oder unerwartet ist; die bedeutend ist für die Volksgesundheit jenseits der Grenzen des betroffenen Staats; und die sofortiges internationales Handeln erfordern kann". So steht es in den Internationalen Gesundheitsvorschriften der WHO. Dabei kann es sich um einen Unfall mit radioaktivem Material handeln – oder eben um Ebola.

Vor der Ebolaepidemie hatte die Weltgesundheitsorganisation bereits zweimal die höchste medizinische Alarmstufe ausgerufen: im April 2009 wegen der Schweinegrippe (hier wurde der WHO im Nachhinein Panikmache vorgeworfen, weil die Krankheit zwar um die Welt ging, aber doch relativ harmlos verlief) und im Mai 2014, als die Zahl der Fälle von Kinderlähmung mit dem Wildtyp des Polioerregers außergewöhnlich stark anstieg.

Ebola-Bekämpfung durch "Ärzte ohne Grenzen"
© Ärzte ohne Grenzen
(Ausschnitt)
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Was macht Ebola zu einem globalen medizinischen Notfall?

Der Ausbruch in Westafrika kam unvorhergesehen. Das Virus hat sich schnell von Guinea aus nach Sierra Leone und Liberia ausgebreitet, drei Länder, deren Institutionen dem Ausbruch nicht gewachsen waren und das Ausmaß der Seuche mitunter herunterspielten. Auch die WHO hat im Frühjahr und Sommer 2014 lange gesagt: alles nicht so schlimm; alles wie immer. Erst als das Virus nach Nigeria ausgeschleppt wurde und die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" immer wieder warnte, dass die Lage außer Kontrolle sei, richtete die WHO doch noch ein Notfallkomitee ein.

Bei den ersten zwei Telefonkonferenzen des Gremiums Anfang August kamen die Mitglieder und Berater zu dem Schluss: "Der Ebolaausbruch in Westafrika ist ein außergewöhnliches Ereignis und stellt eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit in anderen Staaten dar. Die Konsequenzen einer weiteren internationalen Ausbreitung könnten wegen der Gefährlichkeit des Virus und der häufigen Ansteckung in Gemeinschaft wie Gesundheitswesen angesichts schwacher Gesundheitssysteme der derzeit betroffenen und am stärksten gefährdeten Länder gravierend sein. Eine koordinierte internationale Reaktion erscheint unabdingbar, um die weitere Ausbreitung von Ebola zu verhindern und die Krankheit zu besiegen." Die Generaldirektorin Margaret Chan rief daraufhin offiziell den Status "Public Health Emergency of International Concern" aus. Mittlerweile haben auch verschiedene Mitarbeiter der WHO mehrfach eingeräumt, dass man falsch und zu spät reagiert habe.

Warum ist die Ebolaepidemie in Westafrika immer noch nicht vorüber?

"Getting to zero", auf null kommen. Das ist seit Wochen, ja Monaten einer der wichtigsten Begriffe im Kampf gegen Ebola. Das heißt ganz einfach: Es soll keine neuen Ebolafälle geben. Doch nach wie vor ist dieses Ziel nicht erreicht. Zwar war Liberia Anfang Mai für ebolafrei erklärt worden, aber Ende Juni starb ein Jugendlicher, vermeintlich an Malaria, doch ein Abstrich nach seinem Tod ergab: ebolapositiv. Fünf Personen hatten sich bei ihm angesteckt – vier von ihnen haben überlebt, eine ist später ebenfalls gestorben. In Guinea und Sierra Leone wurden nach wie vor Kranke versteckt; Personen, die Kontakt zu Ebolafällen hatten, flohen; und mitunter wurden Helfer, die Kontaktpersonen überwachen sollten, nicht in die Gemeinden gelassen oder gar angegriffen. So wurden Woche für Woche aus beiden Ländern je ein, zwei Dutzend neue Fälle gemeldet.

Immerhin: Jetzt ist "getting to zero" so nah wie noch nie. In der letzten Juliwoche wurde in Guinea und Sierra Leone jeweils nur ein einziger neuer Ebolafall gefunden, heißt es im jüngsten Situationsbericht der Weltgesundheitsorganisation WHO, der immer mittwochs veröffentlicht wird. Zugleich warnt die WHO aber auch, dass es "sehr wahrscheinlich weitere Fälle in den folgenden Wochen" geben wird: Beide Fälle sind so spät entdeckt worden, dass es fast sicher ist, dass sich andere Menschen angesteckt haben; zumal nicht alle Kontaktpersonen ermittelt werden konnten.

Inwiefern kann der neue Impfstoff helfen, die Epidemie nun doch noch zu beenden?

Alle Ebolapatienten müssen isoliert und alle Toten sicher beerdigt werden; Helfer spüren währenddessen sämtliche Personen auf, die Kontakt mit Ebolafällen hatten – sie werden 21 Tage lang überwacht und bei Verdacht auf Ebola ebenfalls isoliert. Diese einfachen Verfahren haben zuvor jede Ebolaepidemie erfolgreich beendet. Doch in Westafrika hat das nie vollständig geklappt, denn der Ausbruch war zu groß, zu weit verbreitet. Deswegen hatten einige Forscher schon im vergangenen Jahr gesagt: Ein Impfstoff könnte helfen, die Epidemie endgültig zu besiegen. Die Aussichten darauf haben sich jüngst erheblich verbessert, denn die vorläufigen Ergebnisse der Studie "Ebola, ça suffit", "Ebola, es reicht", sind viel versprechend.

Die Studie orientierte sich bei ihren Impfversuchen an den Risikogruppen: Familienmitgliedern und Nachbarn – also Personen, die dem Ebolakranken sozial oder lokal nahestanden. Wann immer in einer Gemeinschaft in Guinea seit April 2015 ein neuer Ebolafall auftrat, impfte das Studienpersonal die Kontaktpersonen – und zwar entweder sofort oder erst nach drei Wochen. So erhielten die Forscher eine vergleichbare Kontrollgruppe. Wie viele dieser Menschen in den ersten neun Tagen nach dem ersten Ebolakranken positiv auf Ebola getestet wurden, berücksichtigten sie allerdings nicht weiter: Ebola bricht meistens gut eine Woche nach der Ansteckung aus, und die Impfung wäre hier so oder so zu spät gekommen.

In jenen 42 so genannten Ringen, die erst drei Wochen nach dem Fall in ihrer Mitte geimpft wurden, wurden 16 Menschen krank. Unter den tatsächlich sofort Geimpften dagegen ist nicht ein einziger an Ebola erkrankt! Null Ebolakranke unter den sofort Geimpften versus 16 Ebolapatienten unter den später Geimpften: Das sind die wohl wichtigsten Zahlen aus der Fachpublikation, die gerade im medizinischen Journal "Lancet" veröffentlicht wurde. Die beteiligten Forscher wie auch unbeteiligte Experten schlussfolgern durchaus begeistert, dass der Impfstoffkandidat rVSV-ZEBOV tatsächlich vor Ebola schützt – und der Impfschutz ist schnell aufgebaut.

Die zuständige Behörde in Guinea und die an der Studie beteiligten Ethikkomitees haben mittlerweile bereits entschieden: Die Studie "Ebola, es reicht" wird fortgesetzt, und fortan werden alle Kontaktpersonen immer sofort geimpft. Das bringe noch mehr Daten für die Forschung – und helfe, die Epidemie zu beenden, so die Wissenschaftler. Schon einmal ist die Strategie, einen Ring an Hochrisikopersonen um einzelne Patienten herum zu impfen, aufgegangen: Mit Hilfe der Ringimpfung wurden in den 1970er Jahren die Pocken ausgerottet.

Sind die Impfstoffstudien in Westafrika überhaupt statistisch aussagekräftig?

Impfstoffforschung mitten im Ebolaausbruch, das behindere nur die Hilfsmaßnahmen: So hieß es im Sommer 2014. Als dann klar wurde, dass es tausende Fälle geben könnte (und es dann ja auch gab), wurden Ebolastudien im Eilverfahren durchgeführt. Vor allem zwei Impfstoffkandidaten waren in der Pipeline: rVSV-EBOV und cAd3-EBOV. In Tierversuchen waren sie zuvor erfolgreich, doch auch von den ersten Sicherheitstests mit einigen gesunden Menschen in einem sicheren Gebiet bis hin zu Wirksamkeitsstudien mit tausenden Probanden im Risikogebiet dauert die Prüfung normalerweise einige Jahre. Doch diesmal wurde all das in wenigen Monaten ermöglicht.

Ende 2014 wurde klar: Die Impfstoffkandidaten haben keine schweren Nebenwirkungen – Massentests in Westafrika, um die Wirksamkeit zu prüfen, sind möglich. Doch in der Zwischenzeit waren die Fallzahlen so weit gesunken, dass sich bei breit angelegten Impfkampagnen kaum noch ein statistischer Unterschied ausmachen lassen konnte: Wenn sich überhaupt niemand mehr mit Ebola ansteckt, dann lässt sich nicht klären, ob Geimpfte seltener als Nichtgeimpfte krank werden oder ob die Erkrankung bei Geimpften zumindest nicht so schlimm und seltener tödlich verläuft. Und so ist die größte Studie auch bereits umgezogen: In Liberia sollten rund 27 000 Menschen an der Studie "PREVAIL" teilnehmen; jeweils ein Drittel der Testpersonen sollte entweder den Impfstoffkandidaten rVSV, das andere Vakzin cAd3 oder ein Placebo (eine Kochsalzlösung) bekommen. Mittlerweile wurde diese Studie auf Guinea ausgeweitet.

Anders bei der Studie mit der Ringvakzinierung in Guinea: Hier wird nicht die breite Bevölkerung geimpft. und das unabhängig davon, ob in der Nähe gerade jemand ebolakrank ist, sondern es werden nur Hochrisikopersonen in einem kleinen Radius um einen bestätigten Ebolafall geimpft. Und mit der Aufteilung in "sofort geimpfter Ring" versus "erst nach drei Wochen geimpfter Ring" ließen sich eben doch statistisch signifikante Unterschiede feststellen – und somit die Wirksamkeit des Impfstoffs.

Wann kann die Epidemie für beendet erklärt und wann der Notstand aufgehoben werden?

Sobald in Westafrika der letzte Ebolapatient gestorben und beerdigt oder als geheilt aus einem Behandlungszentrum entlassen ist, beginnt ein 42-tägiger Countdown – die doppelte maximale Inkubationszeit, die man für Ebola annimmt. Wenn in dieser Zeit weder in Guinea noch in Sierra Leone noch in Liberia ein neuer Ebolafall auftritt, kann die Weltgesundheitsorganisation den Ausbruch für beendet erklären. Allerdings kann es passieren, dass auch nach dieser Zeit wieder Einzelfälle auftreten, etwa weil die Viren im Sperma von Überlebenden auch mehrere Monate vorhanden sind und dann Sexpartner angesteckt werden können.

Wenn das Ebolanotfallkomitee der Meinung ist, dass der Ausbruch in Westafrika keine Gefahr mehr für die Weltgesundheit darstellt und keine internationale Soforthilfe mehr nötig ist, kann der internationale Gesundheitsnotstand aufgehoben werden. Das letzte Wort hat aber auch dann die WHO-Generaldirektorin. Und weil der Notstand zu spät ausgerufen wurde, wird sie nun darauf achten, den Notstand nicht zu früh aufzuheben. Insofern ist noch nicht klar, wann die Ebolasirene auf der Erde abgestellt wird.