Die Nazca-Linien gehören zu Perus größten Kulturschätzen – einem Land, das darin ohnehin sehr reich ist. Denn die riesigen, Geoglyphen genannten Scharrbilder in der Wüste von Nazca sind nicht nur alte Zeugnisse einer frühen Hochkultur in dem südamerikanischen Staat, sie zeichnen sich auch noch durch ihren besonderen Einfallsreichtum aus. Nur aus der Luft kann man erkennen, dass es sich bei den Linien im sandigen Boden um Abbilder von Menschen, Affen, Vögeln oder Walen handelt. Und nur durch die extrem trockenen Bedingungen in dieser Region konnten sie die letzten knapp 3000 Jahre überstehen: Die ältesten dieser Zeugnisse der untergegangenen Nazca-Kultur datierten Archäologen auf die Zeit um 800 bis 600 v. Chr.

Daniel Lingenhöhl
© Richard Zinken
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Angesichts dieser Fragilität schützt die peruanische Regierung die Nazca-Linien streng: Touristen dürfen sie ausschließlich aus der Luft betrachten. Selbst hohen politischen Besuchern ist der direkte Anblick am Boden verwehrt. Nur in seltenen Ausnahmefällen und mit speziellem Schuhwerk erhalten ausgewählte Gäste – etwa Wissenschaftler – Zutritt zu den Stätten, die erst 1924 entdeckt wurden. Durch die enorme Größe der meisten Scharrbilder kann man sie ohnehin nur von oben gut erkennen. Dann zeigt sich neben der ganzen Pracht auch das geometrische Verständnis, das die Nazca-Menschen hatten, um derart exakte Linien in den Staub zu zeichnen: Manche der Geoglyphen sind nur wenige Zentimeter tief.

Umso unverschämter ist daher eine Aktion der Umweltschutzorganisation "Greenpeace", die vor wenigen Tagen direkt neben dem Kolibri – einem der bekanntesten Bilder – eine Art Banner auslegte: "Time for Change! The Future is Renewable. Greenpeace." Der "Protest" steht dabei im Zusammenhang mit der derzeit laufenden Klimaschutzkonferenz in Lima, die endlich Erfolge im Kampf gegen die Erderwärmung liefern soll. Prinzipiell ist es natürlich das gute Recht einer globalen Umweltschutzgruppe, öffentlichkeitswirksam auf entsprechende Resultate zu drängen – und dafür auch symbolträchtige Orte aufzusuchen. Warum man dafür aber unbedingt eine derart empfindliche archäologische Stätte missbrauchen muss, die leicht geschädigt werden kann (und geschädigt wurde), dürfte das Geheimnis der Verantwortlichen bleiben. "Mit unserer Botschaft von den Nazca-Linien erwarten wir von den Politikern, dass sie endlich verstehen, welches Erbe wir zukünftigen Generationen hinterlassen müssen", sagt der Aktivist Mauro Fernandez in einem von Greenpeace veröffentlichten Video.

Mittlerweile tobt durch die Öffentlichkeit – und nicht nur in Peru – eine scharfe Ablehnung dieser Aktion. Und das völlig zu Recht: Denn mit diesem Protest verkennt Greenpeace nicht nur die hohe Bedeutung, die dieses Weltkulturerbe für Peru hat. Die Organisation hat damit wohl auch deutliche Schäden in der Nähe des Kolibris hinterlassen. Längst sind Luftbilder zu sehen, auf denen man deutliche Spuren im Bereich des Banners erkennt. Es führt ein regelrechter Trampelpfad zur Stelle der Aktion, der vorher offensichtlich nicht vorhanden war. Zudem kursieren Aufnahmen der Aktivisten, die mit ganz normalem Schuhwerk auf dem Wüstenboden herumlaufen, was bekanntermaßen Schäden hinterlassen kann: Oft ist dieser Untergrund von einer Art biologischer Kruste aus Flechten, Pilzen und Algen überzogen, die die Erosion verhindert und sehr empfindlich auf Tritte reagiert.

Ist diese Kruste erst einmal zerstört, benötigt sie Jahre bis Jahrzehnte, bis sie sich unter den extremen Klimabedingungen der Wüste wieder regeneriert hat. In der Zwischenzeit kann der Wind das frei gelegte feine Material spielend abtragen: Die Schäden sind also lange Zeit sichtbar.

Mittlerweile hat sich Greenpeace in mehreren Stellungnahmen beim peruanischen Volk entschuldigt und auch angekündigt, entsprechende Konsequenzen zu tragen. Das ist durchaus anerkennenswert. Doch der angerichtete Schaden geht über den archäologischen Frevel hinaus. Wie kann man ernsthaft für den Klimaschutz werben, wenn man selbst wie ein Bulldozer auftritt? Wer will eine Organisation ernst nehmen, die anscheinend vorher nicht darüber nachdenkt, ob ihr Tun mit den eigenen Standards vereinbar ist? Warum sucht man sich ausgerechnet einen derart empfindlichen Ort aus und stößt damit weltweit Menschen vor den Kopf? Und wie will Greenpeace noch jemals in Peru ernsthaft gegen die Zerstörung des Regenwaldes angehen, wenn man keine Rücksicht auf die Gefühle der Peruaner nimmt? Ihrem Kampf gegen die Erderwärmung hat die Organisation damit vorerst einen Bärendienst erwiesen; personelle Konsequenzen an der Spitze müssen folgen.

Nachtrag: Ein Video zeigt die "Arbeit" von Greenpeace in Nazca und eine Erklärung der Schäden.

Nachtrag 2: Die Rallye "Paris-Dakar" führte 2013 ebenfalls durch die Wüste von Nazca und beschädigte mindestens einen der Geoglyphen, wie Satellitenbilder zeigen. Das schwächt natürlich die Argumentation der peruanischen Regierung, entschuldigt aber nicht das Fehlverhalten von Greenpeace, das einen hohen moralischen Anspruch vor sich her trägt.