Die Kuhnasen-Rochen in der Chesapeake Bay im US-Bundesstaat Maryland haben eine harte Zeit hinter sich: Bis vor Kurzem waren sie einem massenhaften, gezielten Töten ausgeliefert. In regelrechten Wettbewerben haben dabei mit Pfeil und Bogen bewaffnete Teilnehmer in Booten so viele Rochen wie möglich erlegt – sogar trächtige Weibchen und Jungtiere. Wer die meisten oder schwersten Knorpelfische zur Strecke brachte, bekam ein Preisgeld. Und so wurden bei solchen Veranstaltungen zuletzt rund 186 Tonnen Kuhnasen-Rochen pro Jahr gefangen. Seit Anfang Mai 2017 aber gilt ein Moratorium, das diese Praxis bis zum 1. Juli 2019 unterbindet. Bis Ende 2018 muss das Maryland Department of Natural Resources einen Fischerei-Managementplan für die Art entwickeln. Denn Kritiker hatten die Massentötungen nicht nur aus ethischen Gründen verurteilt. Sie warnten auch vor den unabsehbaren Folgen der unkontrollierten Jagd für die Fische selbst und für das Ökosystem.

Dabei waren die Wettbewerbe ursprünglich ins Leben gerufen worden, um dem Lebensraum Chesapeake Bay etwas Gutes zu tun. "Save the Bay, Eat a Ray" ("Rette die Bucht, iss einen Rochen") lautete das Motto, das sowohl von Fischerei-Managern, Meeresfrüchte-Anbietern und Restaurants als auch von einigen Umweltorganisationen propagiert wurde. Die Kuhnasen-Rochen galten als echte Plage. Man nahm an, dass die Art durch den Einfluss des Menschen überhandgenommen habe und nun nicht nur die kommerziell wichtigen Muschelbestände vernichte, sondern das ganze Ökosystem durcheinanderbringe.

Die Rochen-Jäger beriefen sich dabei auf die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie, die 2007 im renommierten Fachjournal "Science" erschienen war. Ransom Myers von der Dalhousie University im kanadischen Halifax und seine Kollegen hatten damals Daten über die Bestände von Haien und Rochen vor der Ostküste der USA zusammengetragen. Mit einem Computermodell hatten sie dann die Bestandsentwicklung für jede der untersuchten Fischarten simuliert.

Große Haie als natürliche Feinde

Vor allem für die großen Haie kamen die Forscher dabei zu erschreckenden Ergebnissen. Seit den 1970er Jahren hatten Fischer demnach so viele Tiger-, Bullen- und Hammerhaie aus dem Wasser gezogen, dass die Bestände massiv geschrumpft waren. Vor der Küste North Carolinas zum Beispiel verzeichnete das Team einen Rückgang dieser Arten um mehr als 95 Prozent. Die großen Meeresräuber aber erfüllen normalerweise eine wichtige ökologische Aufgabe: Sie töten kleinere Haie und Rochen und halten damit deren Bestände in Schach.

Damit schien es nun auch eine Erklärung für jene bedenklichen Entwicklungen zu geben, die in etlichen Regionen vor der Ostküste der USA im Gange waren: Ohne regulierende Haie, so das Fazit der Studie, hatten sich die Kuhnasen-Rochen in einigen Regionen explosionsartig vermehrt. Nach Schätzung der Forscher schwammen vor der US-Atlantikküste zu Beginn des 21. Jahrhunderts mehr als 40 Millionen dieser Tiere, die jährlich bis zu 840 000 Tonnen Meeresfrüchte vertilgten. Und zwar mit Vorliebe kommerziell interessante Arten wie Kamm-Muscheln, Venusmuscheln und Austern. Da schien es kein Wunder zu sein, dass die Erträge der Muschelfischer vielerorts stark zurückgingen und traditionelle Meeresfrüchte-Gerichte von den Speisekarten der Restaurants verschwanden. Der traditionelle Fang von Kamm-Muscheln vor North Carolina musste im Jahr 2004 sogar ganz eingestellt werden. Er lohnte sich einfach nicht mehr.

Das Verschwinden der großen Meeresräuber schien damit zu einem ökologischen und wirtschaftlichen Desaster geführt zu haben. Was also tun? Ransom Myers und seine Kollegen hatten ihre Ergebnisse eigentlich als Plädoyer für einen besseren Schutz der Haie verstanden wissen wollen. Stattdessen aber gerieten nun die Rochen ins Visier. 2010 wurde die Rochen-Fischerei zunächst in Virginia frei gegeben, später dann auch in anderen Bundesstaaten. Man hoffte, durch eine Dezimierung der Tiere die natürlichen Austernbestände wieder aufbauen und die Muschel-Aquakultur fördern zu können.

Der wahre Feind der Muscheln ist der Mensch

Es gab allerdings von Anfang an auch Proteste gegen die Massentötungen. Kritiker schlossen sich zu einer Organisation namens "Save the Rays" zusammen. Und im Jahr 2016 erschien eine weitere Studie, die ein anderes Bild von den komplexen Beziehungen zwischen Haien, Rochen und Muscheln zeichnete. Dean Grubbs und seine Kollegen von der Florida State University kamen darin zu der Einschätzung, dass die Muschelbestände in der Chesapeake Bay durch Übernutzung, Umweltverschmutzung und Krankheiten zurückgegangen sind – und nicht etwa durch gefräßige Kuhnasen-Rochen. Denn zum einen passe das zeitliche Muster nicht zusammen: Eine Zunahme der Rochen habe man in der Bucht erst seit den 1990er Jahren beobachtet, die Austernfänge aber hatten ihren Tiefpunkt schon Mitte der 1980er Jahre erreicht. Zum anderen machen Austern und andere hartschalige Muscheln nur einen geringen Teil der Rochen-Menüs aus, viel häufiger fressen die Tiere wirtschaftlich uninteressante Weichtiere und andere Meeresbewohner.

Die Tötungswettbewerbe werden Austern und Muschelfischern also nichts nützen, argumentieren die Wissenschaftler. Vielmehr könne diese unregulierte Fischerei nach den Haien womöglich auch die Rochen in Bedrängnis bringen. Schließlich werden diese Tiere erst mit sieben, acht Jahren geschlechtsreif und bringen nur ein Junges pro Jahr zur Welt. Eine massive Befischung können die Bestände nach Einschätzung der Forscher daher wohl nicht auf Dauer verkraften. Und dann hätte der Mensch keinen Schaden repariert, sondern das Ökosystem der Bucht noch mehr durcheinandergebracht.

Der Aufstieg der Paviane

In anderen Lebensräumen kennen Wissenschaftler dagegen durchaus Fälle, in denen sich mittelgroße Raubtiere nach dem Verschwinden ihrer Feinde stark vermehrt und dadurch ihre Beutetiere in Bedrängnis gebracht haben. Die Profiteure haben in solchen Fällen allerdings eine andere Biologie als die Kuhnasen-Rochen. Meist handelt es sich um Arten, die sich sehr rasch vermehren und ausbreiten können. Und deren Aufstieg kann dann durchaus zu massiven ökologischen und wirtschaftlichen Problemen führen. Einem Beispiel für eine solche weit reichende Störung im Nahrungsnetz sind Justin Brashares von der University of California in Berkeley und seine Kollegen in sechs Savannen-Schutzgebieten in Ghana auf die Spur gekommen. Schon seit 1969 erheben die Behörden des westafrikanischen Landes dort Daten über die Vorkommen von mehr als 40 Säugetierarten, so dass die Forscher das Auf und Ab der Bestände gut analysieren konnten.

Schlecht ergangen ist es demnach vor allem Löwen, Leoparden, Tüpfelhyänen und Wildhunden. Durch intensive Jagd sind diese Arten zwischen 1969 und 2004 drastisch zurückgegangen, in drei der untersuchten Parks starben sie sogar komplett aus. Davon aber scheint vor allem eine Art profitiert zu haben: Der Anubis-Pavian hat sein Verbreitungsgebiet im gleichen Zeitraum massiv ausgeweitet und sich vor allem in den komplett raubtierfreien Regionen stark vermehrt. Diese Affen sind bei der Auswahl ihrer Nahrung viel flexibler als die großen Raubtiere, daher können ihre Bestände auch deutlich höhere Dichten erreichen. Sie fressen einfach, was ihnen vor die Schnauze kommt. In vielen Fällen sind das vegetarische Menüs, doch auch vor Eiern, Vögeln, Reptilien, Fischen und Säugetieren machen Paviane nicht Halt. Sie können sogar gemeinsam auf die Jagd gehen und ihre Beute dabei sehr effektiv zur Strecke bringen. Und seit sie mehr Ruhe vor Löwen und anderen Feinden haben, entwickeln sie offenbar immer mehr Appetit auf tierische Kost.

Das scheint bereits Auswirkungen auf die Populationen ihrer Opfer zu haben. Jedenfalls verlief der Aufstieg der Paviane parallel zum Rückgang von fünf kleineren Affenarten wie der Kleinen Weißnasen-Meerkatze und der Westlichen Grünmeerkatze. Auch neun Antilopenarten sind seither auf dem Rückzug, aus manchen Gebieten waren sie nur fünf Jahre nach dem Beginn des Pavian-Booms verschwunden. Zudem verzeichneten die Forscher einen geringeren Bruterfolg bei auf dem Savannenboden nistenden Vögeln. Für die Menschen in den Dörfern ringsum ist der Vormarsch der Paviane ebenfalls keine gute Nachricht. Denn die Affen haben sich durch das Plündern von Feldern und Attacken auf Vieh unbeliebt gemacht. Etliche Familien müssen deshalb Schulkinder als Pavian-Wachen abstellen, so dass die Schulbesuchsrate sinkt. Zudem teilen Paviane und Menschen eine ganze Menge Parasiten und Krankheitserreger, der Affen-Boom verursacht neben ökonomischen und sozialen also auch gesundheitliche Kosten. Zwar werden die Tiere vor allem in der Nähe von Siedlungen durchaus intensiv gejagt. Doch die Bestände wachsen trotzdem weiter. Gegen die Reproduktionsfreudigkeit der Affen kommen menschliche Jäger offenbar kaum an.

Kojoten außer Kontrolle

Das gleiche Phänomen beobachten Wissenschaftler wie William Ripple von der Oregon State University in anderen Fällen, in denen kleinere Raubtiere vom Verschwinden der größeren profitiert haben: Selbst mit gezielten Bekämpfungsprogrammen lassen sich die Aufsteiger auf vier Pfoten oft kaum wieder dezimieren. Eines der bekanntesten Beispiele sind die Kojoten, die sich nach der weit gehenden Ausrottung der Wölfe im Westen Nordamerikas stark ausgebreitet haben. Ähnlich wie Paviane sind auch diese Tiere anpassungsfähige Opportunisten, die sich für die verschiedensten Nahrungsquellen interessieren und nichts gegen menschliche Nachbarn einzuwenden haben. Zudem können sie Verluste in ihren Beständen sehr schnell wieder ausgleichen: In solchen Situationen steigern sie einfach die Größe ihrer Würfe und wandern rasch wieder in unbesetzte Gebiete ein. Obwohl die Art seit mehr als 100 Jahren intensiv mit Gewehren, Fallen und zum Teil mit Giftködern bekämpft wurde, sollen heutzutage allein in den elf westlichen Bundesstaaten der USA rund eine Million Kojoten leben.

Kojote im Death Valley
© Manfred Werner / Kojote im Death Valley / CC BY-SA 3.0 CC BY-SA
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernKojote
Kojoten haben sich nach der weit gehenden Ausrottung der Wölfe im Westen Nordamerikas stark ausgebreitet. Ähnlich wie Paviane sind diese Tiere anpassungsfähige Opportunisten, die sich für die verschiedensten Nahrungsquellen interessieren und nichts gegen menschliche Nachbarn einzuwenden haben. Zudem können sie Verluste in ihren Beständen sehr schnell wieder ausgleichen: In solchen Situationen steigern sie einfach die Größe ihrer Würfe und wandern rasch wieder in unbesetzte Gebiete ein.

Um eine weitere Zunahme zu verhindern, ist die Jagd nach Einschätzung von William Ripple und seinen Kollegen aber nicht der richtige Weg. Viel effektiver sei es, dafür zu sorgen, dass die Tiere nicht mehr so viele Abfälle und andere Nahrung aus Menschenhand abstauben können. Oder eben die Wölfe zurückzuholen. Die scheinen die Kojoten-Bestände nämlich effektiver eindämmen zu können als der Mensch. Im Yellowstone-Nationalpark zum Beispiel wurden die Wölfe Mitte der 1990er Jahre wieder angesiedelt. Anschließend ging dort die Zahl der Kojoten um 39 Prozent zurück: ein Erfolg, den Kojoten-Bekämpfungsprogramme nur mit sehr viel Aufwand und Geld erzielen können – wenn überhaupt.

Es gibt noch andere Argumente, die Kritiker gegen solche Tötungsaktionen vorbringen. Denn die Rolle der Kojoten in den Ökosystemen ist gar nicht so leicht zu beurteilen. Einerseits sind sie ausgewiesene Feinde und Konkurrenten etlicher bedrohter Säugetiere, Vögel und Reptilien. Zu ihrer Jagdbeute gehört zum Beispiel der stark gefährdete Schwarzfuß-Iltis, und für am Boden brütende Vogelarten können hungrige Kojoten ebenfalls zur echten Gefahr werden.

Räuber als Naturschützer

Andererseits halten diese mittelgroßen Raubtiere aber auch die Bestände von Füchsen und verwilderten Katzen in Schach und können dadurch sogar zu Verbündeten der Naturschützer werden. Ein Beispiel für diesen eher unerwarteten Zusammenhang sehen Craig Benkman und seine Kollegen von der University of Wyoming in den Steppengebieten im Westen Nordamerikas. Dort lebt das Beifuß-Huhn, das sich fast ausschließlich von Beifuß-Blättern ernährt und unter diesen Pflanzen brütet. In den vergangenen 100 Jahren hat dieser gefiederte Spezialist durch die Landwirtschaft und verschiedene andere ungünstige Einflüsse einen guten Teil seiner Lebensräume verloren, die Bestände sind stark geschrumpft. Und trotz intensiver Schutzbemühungen ließ sich dieser Prozess nicht aufhalten.

Lange haben Naturschützer gerätselt, woran das liegen könnte. Einige hatten gefräßige Nesträuber in Verdacht, und der Kojote stand dabei ganz oben auf der Liste der potenziellen Täter. Allerdings werden diese Raubtiere in allen sechs US-Staaten bekämpft, in denen die Vögel vorkommen. Insgesamt lassen die Behörden in Colorado, Idaho, Montana, Nevada, Utah und Wyoming in einem durchschnittlichen Jahr mehr als 33 000 Kojoten töten. Das geschieht zwar vor allem im Sinne der Landwirte und ihrer Nutztiere. Doch können nicht auch die Beifuß-Hühner davon profitieren? Das Team um Craig Benkman hat daran massive Zweifel. Zum einen gibt es wenig Hinweise darauf, dass Kojoten die Bestände der Vögel tatsächlich massiv dezimieren können. Im Gegenteil, durch indirekte Effekte scheinen sie das Vorkommen von Beifuß-Hühnern sogar zu fördern. Denn sie halten die Füchse, Silberdachse und Raben in Schach, die nachweislich sehr gerne Eier und Küken fressen. Zum anderen erbeuten die Kojoten zahlreiche Hasen.

Wenn es Jäger also tatsächlich schaffen, die Kojoten in einem Gebiet massiv zu dezimieren, dürften die Hasenbestände wachsen. Das aber würde einerseits bedeuten, dass die Hühner mehr gefräßige Konkurrenz bekommen, die Appetit auf Beifuß und anderen Kräuter hat. Andererseits ernähren größere Hasenpopulationen auch mehr Steinadler. Und die gehören zu den wichtigsten Feinden der erwachsenen Beifuß-Hühner. Für diese Vögel ist die Bekämpfung der Kojoten also wohl kontraproduktiv, schließen die Forscher. Ein Ende der Bekämpfung könne die langfristigen Aussichten für die Hühnerbestände eher verbessern. Einen ähnlichen Tenor haben auch zahlreiche andere Studien, die sich mit dem Aufstieg der mittelgroßen Räuber beschäftigen. Ob es um die Paviane in Afrika geht, die Kojoten in Nordamerika oder um europäische Füchse, die nach dem Verschwinden der Wölfe und Luchse auf dem Vormarsch sind: Wenn der Mensch die großen Raubtiere erst einmal ausgerottet hat, kann er in den meisten Fällen nicht einfach selbst ihre Jägerrolle übernehmen. Entweder er schafft es nicht, die Bestände der dann aufsteigenden Arten effektiv zu kontrollieren. Oder es gelingt ihm, und er schafft damit unbeabsichtigt schon wieder neue Probleme. Wolf und Co. sind offenbar unersetzlich.