Herr Professor Brey, welche Auswirkungen haben Grundschleppnetze auf das Ökosystem am Meeresboden?

Ein Grundschleppnetz ist ökologisch gesehen tatsächlich eine äußerst unglückliche Angelegenheit. Es gibt eine Reihe negativer Auswirkungen: Zunächst einmal ist die Fangmethode nicht selektiv. Ins Netz geht nicht nur die Fischart, die man haben will, sondern zahlreiche weitere Fische und Wirbellose, für die der Fischer gar keine Verwendung hat. Hinzu kommt, dass große Grundschleppnetze heutzutage so schwer sind, dass sie physikalisch stark auf den Meeresboden einwirken.

Das Netz und vor allem die Scherbretter – sie spannen das Netz, so dass es offen bleibt – pflügen den Meeresboden geradezu um und beschädigen dabei die Organismen, die am oder im Meeresboden leben. Besonders die großen, unbeweglichen Tiere wie Muscheln oder Kaltwasserkorallen sind betroffen. Der intensive Einsatz von Grundschleppnetzen verändert dadurch das Ökosystem Meeresboden massiv. Große, langsam wachsende Arten verschwinden, und diejenigen Bodenbewohner, die schnell wachsen und sich rasch vermehren, nehmen deutlich zu.

Thomas Brey
© mit frdl. Gen. von Thomas Brey
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernThomas Brey

Wie machen sich die Folgen dieses Eingriffs in Nord- und Ostsee bemerkbar?

Auch wenn man gern das Gegenteil glauben möchte, stellen Nord- und Ostsee schon lange keine natürlichen Ökosysteme mehr dar. Vielmehr haben wir sie zu Kulturlandschaften umgewandelt. Das ist auf den ersten Blick natürlich schwer zu erkennen, da das Wasser alles bedeckt. Wir wissen, dass die "Bodenlandschaft" von Nord- und Ostsee heutzutage völlig anders aussieht als vor dem Beginn ihrer intensiven Befischung mit motorgetriebenen Schiffen vor 100 Jahren. Ein solider Vergleich ist zwar nicht leicht, da damals kaum systematisch Daten erhoben wurden. Aber eine wissenschaftliche Arbeit, die auf Museumsdaten und historischen Berichten beruht, zeigt, dass die Artenvielfalt damals wesentlich größer war. Außerdem lebten am Meeresboden größere und langlebigere Arten.

Ist es möglich, jemals zu dem Status vor der intensiven Befischung zurückzukehren?

Das ist eine sehr spannende Frage. Zum ursprünglichen Status werden die Meere wahrscheinlich nie zurückkehren können. Zu viele Bereiche des Bodens und seiner Lebensgemeinschaft wurden nachhaltig verändert. Hinzu kommt der Klimawandel, der die Umweltbedingungen, zum Beispiel die Wassertemperatur, nachhaltig verändert. Zu einem gewissen Grad würde sich das Leben am Meeresboden aber natürlich trotzdem regenerieren. Wir haben aktuell das "Glück", an einem unverhofften Langzeitprojekt zu diesem Thema beteiligt zu sein.

Was für ein Langzeitprojekt?

Die Offshore-Windparks in der Nordsee sind vielen Umweltschützern ein Dorn im Auge: Sie machen Lärm und stellen möglicherweise eine Gefahr für Seevögel dar. Für uns Meeresökologen bieten sie aber ungeahnte Möglichkeiten. In den Windparks ist der Fischfang nämlich verboten. Das heißt, wir kommen ungeplant zu einem außergewöhnlichen, dabei aber völlig natürlichen Testgelände: Wir untersuchen die Frage, was passiert, wenn wir den Meeresboden auf einmal vollkommen in Ruhe lassen. Wir können noch nicht sagen, wie dieser Versuch ausgehen wird, aber möglicherweise haben die Offshore-Windparks letztendlich doch eine positive Bilanz. Nicht nur das marine Ökosystem, sondern auch die Nordseefischerei selbst könnte davon profitieren, denn viele Fischbestände erhalten die Chance, sich zu erholen.

Tiefseeboden vor und nach Einsatz eines Grundschleppnetz
© Fotos: CSIRO Marine Research. In Gewin V.: Troubled Waters: The Future of Global Fisheries. PLoS Biol 2, e113, 2004, fig. 3
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernTiefseeboden vor und nach Einsatz eines Grundschleppnetzes
Links: Hartboden eines Tiefseeberges vor Einsatz eines Grundschleppnetzes; rechts: hinterher.

Was halten Sie von dem Vorschlag, den Einsatz von Grundschleppnetzen unterhalb von 600 Metern Tiefe EU-weit zu verbieten?

Prinzipiell ist jedes Grundschleppnetz, das nicht ausgebracht wird, ein gutes Grundschleppnetz. Unsere Ozeane sind an den meisten Stellen tiefer als 600 Meter. Durch ein entsprechendes Gesetz wäre also der Großteil der Meeresböden vor den Fangflotten der EU-Mitgliedsstaaten sicher. Deshalb wäre es ein guter Anfang. Außerdem sind die Ökosysteme der Tiefsee besonders schützenswert, denn sie reagieren auf Veränderungen wesentlich empfindlicher als solche in flacheren Gewässern. Das hat einen einfachen Grund: je tiefer die Wasserschicht, desto kälter der Lebensraum.

Die wechselwarmen Lebewesen der Tiefsee haben sich entsprechend angepasst: Sie wachsen und pflanzen sich viel langsamer fort als Organismen in höheren Wasserschichten. Deshalb können sie sich bei Störungen auch nur schwer wieder erholen. Ein Ökosystem auf dem Meeresboden in 800 Meter Tiefe wird durch ein Grundschleppnetz also viel eher unwiederbringlich zerstört als eines in 200 Meter. Deshalb ist der Schutz der Tiefsee besonders wichtig. Dennoch stellt der Vorschlag auch einen klaren Kompromiss zu Gunsten der Fischereiindustrie dar. Denn die rentabelsten Fanggründe liegen ohnehin nicht in der Tiefsee, sondern in den flacheren Gewässern der Kontinentalschelfe. Denn dort ist der technische Aufwand wesentlich geringer.

Die Umweltschutzorganisation WWF geht noch weiter und fordert seit Jahren, Grundschleppnetze generell zu verbieten. Stimmen Sie dem zu?

Jemand hat mir einmal gesagt, dass Grundschleppnetze einzusetzen damit vergleichbar ist, einen Wald abzubrennen, um ein Reh zu fangen. Die Technik ist so einfach wie verheerend. Das gilt für die Tiefsee wie für die Kontinentalschelfe. Deshalb lautet die einfache Antwort: In ökologischer Hinsicht sollte man Grundschleppnetze, die von motorgetriebenen Schiffen geschleppt werden, tatsächlich verbieten, ihre Nutzung aber zumindest stark einschränken.

Welche Fangmethoden sind Ihrer Meinung nach eher sinnvoll und nachhaltig?

Entscheidend ist die Selektivität. Demnach sind Fangtechniken geeignet, mit denen man gezielt denjenigen Bestand befischen kann, den man haben möchte. Das leisten bestimmte Formen von Langleinen-, Stellnetz- und Kiemennetzfischereien. Außerdem schädigen die genannten Techniken den Meeresboden nicht. Aber auch sie haben durchaus Nachteile und führen zu Beifang.

Meine Hoffnungen ruhen auf dem Erfindungsreichtum des Menschen: Der permanente technische Wandel wird in Zukunft hoffentlich noch gezieltere und schonendere Techniken zum Fischfang hervorbringen. Die Aquakultur ist natürlich eine weitere Alternative mit all ihren guten und schlechten Seiten.

Im Januar 2014 ist die Reform der Gemeinsamen Fischereipolitik der EU in Kraft getreten. Zum ersten Mal bezieht die EU darin klar Stellung für eine nachhaltige Fischereipolitik. Geht Ihnen diese Veränderung weit genug?

Die EU-Fischereipolitik war über Jahrzehnte eine Katastrophe, weil sie der Fischereilobby immer nachgegeben hat. Das hat sich gewandelt, der Schritt in die richtige Richtung ist klar erkennbar. Denn der Wille zur Nachhaltigkeit ist auf jeden Fall da. Aber wie so oft mahlen die Mühlen der EU leider ziemlich langsam.

Die EU legt jährlich neue Fangquoten für Speisefische fest. Halten Sie die aktuellen Fangquoten und ihre Berechnungsgrundlage für sinnvoll?

Fangquoten werden nicht nur ökologisch und fischereibiologisch, sondern vor allem politisch bestimmt. Sie bestehen aus einem Kompromiss zwischen Wissenschaftlern, die auf Nachhaltigkeit bedacht sind, und den Forderungen der Fischereiverbände, die mit den Fängen Arbeitsplätze schaffen. Am Ende sind die Quoten oft genug zu hoch. Das heißt, es wird regelmäßig mehr gefangen als Jungfische nachwachsen. Das ist ein sehr schwieriges Dilemma.

Frischer Fisch auf einer Platte drapiert
© fotolia / ChiccoDodiFC
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernSeafood
Unsere Fischgerichte bezahlen wir teuer – mit dem Verlust ganzer Ökosysteme. Wie lange geht das noch gut?

Sehen Sie einen Ausweg?

Die Fischerei in internationalen Gewässern wird nicht ausreichend reguliert und kontrolliert, und in nationalen Gewässern oft genug auch nicht. Das eigentliche Problem ist, dass ein Fischbestand keinen "Eigentümer" hat. Damit unterliegen alle Nutzer demselben Dilemma. Jeder Kapitän weiß: "Wenn ich nicht so viel fange wie möglich (oder erlaubt), wird es ein anderer tun und das Geld verdienen." Unter diesen Zwängen ist eine nachhaltige Bewirtschaftung kaum möglich. Man müsste dazu kommen, Nutzungsrechte an begrenzte Gruppen zu vergeben, die ein Eigeninteresse am Erhalt des Fischbestandes haben.

Island hat so etwas erfolgreich vorgemacht, indem es seine exklusive Fischereizone eigenmächtig auf 200 Seemeilen ausgedehnt und damit die alleinige Kontrolle über die dortige reiche Fischerei – gegen große internationale Widerstände – durchgesetzt hat. Für Island ist es jetzt viel einfacher, im nationalen Rahmen ein vernünftiges Management der Befischung durchzuhalten. Nur aus einem gemeinschaftlichen Verantwortungsgefühl – auch für kommende Generationen – erwächst der bewusste nachhaltige Umgang mit der Ressource. Aber dieses Prinzip in internationalen Gewässern umzusetzen ist natürlich äußerst schwierig. Einige wenige Vorzeigebeispiele internationaler Zusammenarbeit für nachhaltigen Fischfang wie die Kommission zum Schutz der lebenden Ressourcen der Antarktis (CCAMLR) machen jedoch Mut für die Zukunft.

Welchen Rat geben Sie dem Verbraucher?

Esst Fische aus Aquakultur oder solche, die nachhaltig gefangen werden und dafür auch zertifiziert sind, wie beispielsweise mit dem Siegel des Marine Stewardship Council! Allerdings entspricht es auch der Realität, dass der deutsche Markt im Vergleich zum asiatischen heutzutage vollkommen irrelevant geworden ist. In den letzten 25 Jahren gab es in der Fischereiindustrie einen massiven Umbruch. Die immens gestiegene Nachfrage der asiatischen Märkte ist bis in alle Ecken der Meere spürbar. Fisch und Meeresfrüchte aus aller Welt werden nach Asien exportiert. Dadurch entstehen für Fischer natürlich neue Anreize, fischereiliche Regulierungen auszureizen oder gar zu umgehen. Besonders dramatisch kann diese Entwicklung in Ländern verlaufen, in denen wenig reguliert wird und die Bevölkerung auf die Einnahmen aus der Fischerei stark angewiesen ist.

Herr Brey, wir danken Ihnen für das Gespräch!