Die 60-jährige Engländerin KH ist erfolgreiche Managementberaterin. Ihr Leben meistert sie mit Bravour. Nur eines muss sie zwingend vermeiden: Telefonkonferenzen. Denn selbst wenn sie mit nahen Verwandten telefoniert, hat sie keine Ahnung, wer am anderen Ende der Leitung ist. Die haben sich längst darauf eingestellt und melden sich mit "Hallo, hier spricht deine Tochter" oder "Hier spricht dein Mann". Doch eine Telefonkonferenz mit mehreren Geschäftsleuten würde sie vor eine unlösbare Aufgabe stellen: Die Engländerin KH ist die weltweit einzige sicher diagnostizierte Phonagnostikerin. Sie kann seit ihrer Geburt keine Stimmen unterscheiden.

An dieser Störung, benannt nach dem griechischen Wort für "Stimme" (phonema) und -agnosis, das "Nicht-Erkennen", forscht Katharina von Kriegstein vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. "Stimmen zu erkennen ist gewissermaßen eine Frage des Talents: Manche Leute können das sehr gut, andere können es überhaupt nicht. Dann sprechen wir von einem selektiven Defizit", sagt die Medizinerin. Gemeinsam mit zwei Mitarbeitern hat sie sich vorgenommen, das Phänomen in Deutschland zu untersuchen. Eine schwierige Sache, denn der Forscherin fehlen die Forschungsobjekte: Probanden, deren Gehirntätigkeit sie im Kernspintomographen untersuchen könnte.

Wer spricht?
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Menschen mit Phonagnosie können Personen nicht anhand ihrer Stimme unterscheiden. In einem wissenschaftlichen Onlinetest kann jeder prüfen, wie es um sein Können bestellt ist – auffällige Teilnehmer werden zu weiteren Untersuchungen eingeladen.
Einzig KH wurde bisher diagnostiziert, genauer gesagt, sie diagnostizierte sich selbst. Die Engländerin zog Parallelen zu ihrem eigenen Defizit, nachdem sie einen Artikel über Prosopagnostiker gelesen hatte. Dabei handelt es sich um Menschen, die keine Gesichter unterscheiden können. "KH hat sich gesagt: 'Gesichter kann ich wunderbar erkennen, nur mit den Stimmen habe ich Probleme.' Daraufhin hat sie Wissenschaftler vom University College London kontaktiert", erzählt von Kriegstein. Dort mussten passende Tests erst entwickelt werden, denn schließlich war außer KH kein ähnlicher Fall angeborener Phonagnosie bekannt.

Nur Sean Connery erkannt

Von 96 Stimmen erkannte KH einzig die von Sean Connery. Aber wieso es mit der Stimmerkennung nicht klappt, wissen weder sie noch die Forscher. Standarduntersuchungen zeigten: Es liegen bei ihr keine bekannten neurologischen Erkrankungen vor, sie hat keine Gehirnschäden und kann ganz normal hören. Auch Emotionen wie Ärger, Wut und Traurigkeit kann sie an der Stimme erkennen, ebenso wie das Geschlecht des Sprechers. Nur wer spricht, das weiß sie nicht.

Ein derartiger Fall ist in Deutschland nicht bekannt. "Anhand von gesunden Probanden haben wir eine gewisse Vorstellung davon, wie Stimmerkennung im Gehirn abläuft", sagt von Kriegstein. Wenn Testpersonen bei Untersuchungen mit der funktionellen Magnetresonanztomografie Stimmen erkennen sollen, werden in der Regel drei Hirnregionen aktiv, die die Aufgabe der Stimmerkennung und -verarbeitung übernehmen. "Aber vor allem eine Region im rechten Temporallappen spricht wirklich auf Stimmidentifizierung an", so die Leipziger Forscherin.

Es könnte durchaus sein, dass Phonagnostiker hier ihre Defizite haben. Doch noch fischen die Wissenschaftler im Trüben. "Vielleicht funktionieren bestimmte Zellen nicht richtig oder die Region ist nicht richtig entwickelt. Möglicherweise wird sie auch für etwas anderes benutzt. Das sind aber alles Spekulationen."

Lücke im Gesamtsystem

Anders sähe es aus, wenn man die Gehirne von 20 phonagnostischen und ebenso vielen nichtphonagnostischen Personen vergleichen würde. Die gewonnenen Informationen könnten nicht nur die Ursachen der Phonagnosie aufdecken. Sie könnten so etwas wie ein Paukenschlag in der Gehirnforschung werden, hofft von Kriegstein. Denn oft ist es schwierig, einzelne Leistungen aus dem Gesamtsystem "Sprachwahrnehmung" zu isolieren und Hirnarealen zuzuordnen. Mit einem Phonagnostiker wäre das möglich: Der fehlende Puzzlestein, die entscheidende Lücke im System, könnte eine Eintrittspforte zur Erkennung von Gehirnmechanismen sein.

Bis 2009 dachte man noch, dass ausschließlich Schlaganfallpatienten oder Menschen mit Hirnläsionen diese neurologische Besonderheit zeigen. Mit dem Fall KH bekam die "Stimmentaubheit" eine neue Dimension. 2,5 Prozent der Bevölkerung könnten von Geburt an phonagnostisch sein, schätzen Experten. Aber auch das ist nur eine Vermutung. Die meisten Phonagnostiker wüssten nicht einmal selbst von ihrem Problem, meint von Kriegstein. Sie würden dieses Defizit unbewusst durch Verhaltensstrategien kompensieren. KH zum Beispiel nahm in ihrem Beruf nur angemeldete Telefonanrufe entgegen. Stoßen solche Menschen dann auf sachliche Schilderungen der Störung in den Medien, sei das oft wie eine Erleuchtung, erzählt die Leipziger Forscherin.

www.phonagnosie.de

Denselben Effekt erhoffen sich die Wissenschaftler nun auch im Fall der angeborenen Phonagnosie. Wichtigstes Instrument ist dabei ein Onlinetest auf www.phonagnosie.de, den jeder selbstständig am Computer machen kann. Erarbeitet und gestaltet haben ihn zwei angehende Sprachwissenschaftler der MPI-Forschungsgruppe, Florian Hintz und Claudia Roswandowitz. Inhaltlich baut er auf dem für KH in England entwickelten Test auf.

20 Minuten lang sprechen jeweils drei weibliche und männliche Stimmen kurze Sätze wie "der Bäcker malt das Korn" oder "der Schriftsteller präsentiert ein Buch". "In der letzten Testphase des männlichen Blocks bekommen die Teilnehmer dann nur noch Zwei-Wort-Sätze wie 'er weint, er reimt, er baut, er kämmt' zu hören", erläutert Hintz.

Bei seinem eigenen Testdurchlauf gelang es ihm 28 von 30 männlichen Stimmen und nur 15 von 30 Frauenstimmen richtig zuzuordnen. Ruhe und Konzentration seien absolut wichtig, fügt seine Kollegin Claudia Roswandowitz hinzu. Auch sie würde den Test nicht zu 100 Prozent schaffen, doch die hohe Schwierigkeitsstufe ist Absicht: "So ist die Auswahl genauer. Wenn jeder den Test schaffen kann, könnte es auch für Phonagnostiker einfacher sein. Wir wissen ja nicht, welche Mechanismen und Tricks sie sich im Laufe ihres Lebens beigebracht haben".

Post vom MPI

Bei scheinbar dürftigen Ergebnissen müsse sich also niemand gleich Gedanken machen. Schuld könnten einfach schlechte Kopfhörer oder eine unruhige Umgebung sein. Wer allerdings sehr schlecht abschneidet, bekommt per E-Mail einen Fragebogen zugeschickt. Deuten die Anzeichen dann immer noch auf Phonagnosie, kommt die Einladung ins Leipziger Max-Planck-Institut. Dort warten weitere Fragebögen und Tests auf ihn. Der Proband muss Gesichter erkennen, bekannte Stimmen den richtigen Personen zuordnen – all das, was auch schon die Engländerin KH vor zwei Jahren machen musste. Am Ende steht im Einzelfall die Königsdisziplin der Neurowissenschaftler an: die Untersuchung im Hirnscanner.

Wie sich zeigt, stößt der Test auf großes Interesse. 170 Internetnutzer haben ihn nach drei Wochen schon gemacht. Vier von ihnen könnten "interessant" sein, sagt Katharina von Kriegstein. Zwei haben bereits den Fragebogen zurückgeschickt und die Vermutung der Wissenschaftler bestätigt: Es könnten Phonagnostiker sein. Die bisher weltweit einzige diagnostizierte Phonagnostikerin KH könnte also bald Gesellschaft bekommen.