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US-Hochschulen

Kein Bannfluch der Befindlichkeiten

Eine vermeintlich exzessive Political Correctness lähmt in den USA Debattenkultur und Forschung, kritisieren deutsche Medien. Doch im Land selbst sehen viele das anders.
Vortrag in einem Seminarraum

Das Entsetzen ist groß. "Hexenjagd auf dem Campus", so meldet die "Neue Zürcher Zeitung" und meint damit nicht die Türkei. Sondern die Vereinigten Staaten. Die Auswüchse der Political Correctness an US-Hochschulen habe gravierende Folgen für die Freiheit der Lehre.

Beispiel Yale University: Deren Ausschuss für interkulturelle Angelegenheiten hat vergangenes Halloween die Studenten gebeten, bei der Wahl ihrer Verkleidung auf die Gefühle anderer zu achten. Sprich: Bitte keine schwarze Farbe ins Gesicht, keine Indianerfedern, keinen Turban. Eine Professorin, die eines der zwölf Yale-Colleges führte, protestierte – und erntete so heftige Reaktionen, dass sie später von der College-Leitung zurücktreten musste.

Beispiel University of Missouri: Präsident Tim Wolfe musste sein Amt im November abgeben. Der Vorwurf: Nachdem unter anderem eine Wand mit Exkrementen in Hakenkreuzform beschmiert worden war, habe er sich nicht "deutlich genug" gegen Rassismus ausgesprochen. Zuletzt hatten sich schwarze Spieler des Uni-Footballteams geweigert, zu Spielen anzutreten, solange Wolfe im Amt bleibe.

Beispiel University of North Carolina: Eine Mitarbeiterin der Verwaltung hat vor wenigen Tagen eine Liste von Äußerungen veröffentlicht, die man auf dem Campus nicht hören wolle, so genannte "microaggressions". So solle man Leute nicht fragen, ob sie Lust auf eine Golfpartie hätten, weil ihnen möglicherweise das Geld dafür fehle. Auch sei es besser, Kollegen nicht nach ihrer Herkunft zu fragen, weil dies sie als Fremde stigmatisiere. Sogar Gespräche über Weihnachten könnten für Nichtchristen verletzend sein. Als konservative Medien die Regeln mit Kritik überzogen, verlegte die Uni die Seite in den passwortgeschützten Bereich – ergänzt um die Anmerkung, dass es sich nicht um eine offizielle Richtlinie handle.

"Die Zeit" spricht bereits von "den neuen Radikalen", von blindwütigen Studenten und Antirassismus als neuer Religion in den USA. Die Dozenten seien eingeschüchtert und trauten sich nicht mehr, durchgängig zu sagen, was sie dächten, zitiert die Wochenzeitung den Psychologieprofessor Jonathan Haidt: "Wir unterrichten Dinge, die ideologisch richtig, aber faktisch komplett falsch sind."

Ende der Meinungsfreiheit?

Ist ausgerechnet im internationalen Mekka der Wissenschaft, als das sich die Vereinigten Staaten immer noch sehen, die Meinungsfreiheit am Ende?

Wer in diesen Tagen mit amerikanischen Hochschullehrern spricht, erlebt eine Überraschung. Sie verstehen die Aufregung nicht. Klar, die Sensibilitäten hätten zugenommen, aber doch nicht erst seit gestern, und der Alarmismus, mit dem vor allem europäische Medien über die Ereignisse in Yale, Missouri und anderswo berichteten, sei dann doch arg übertrieben. "Alles, was da geschrieben wird, stimmt", sagt der Amerikanist Klaus Milich, Professor am Dartmouth College in New Hampshire. "Aber das Gesamtbild, das die einzelnen Teile zusammen ergeben, entspricht nicht unserem Alltag hier." Heather Rowan-Kenyon, die am Boston College Bildungsadministration lehrt, sagt: "Durch die sozialen Medien werden rassistische Vorfälle an den Universitäten offensichtlicher als früher, und die Reaktionen darauf fallen heftiger aus."

"Als weißer Mann kann ich doch einer schwarzen Frau nicht sagen, was sie fühlen darf und was nicht"(Jeff Peck)

Was aber ist dann wirklich los an den Hochschulen Nordamerikas?

Milich versucht das, was sich in den vergangenen Jahren verändert hat, an einem Beispiel zu erklären. Früher habe man Geschichtsbücher geschrieben aus der Sicht der Mächtigen, der Siegreichen. "In den 1980er Jahren hat dann verstärkt eine Diskussion darüber begonnen, wer in der Geschichtsschreibung warum wie repräsentiert wird. Was ist mit den Minderheiten? Werden sie angemessen berücksichtigt?" Diese anfangs akademische Debatte sei mit der Zeit zu einer gesellschaftlichen geworden, und natürlich werde die an den Universitäten mit besonderer Heftigkeit geführt. "Und dann geht es nicht nur darum, was gesagt wird, sondern auch, wie es gesagt wird, und auch um das, was nicht gesagt wird."

Mit der Folge, dass schwarze Studenten und andere Minderheiten auf dem Campus früher und mutiger aufbegehren, wenn sie sich in ihrem Selbstverständnis verletzt fühlen. Das müsse man wissen, wenn man über das Konzept der microaggressions spreche, sagt Rowan-Kenyon: "Natürlich sind die betroffenen Studenten empfindlich. Und Sätze, die für die Mehrheit ganz normal klingen, sind für sie mitunter Warnzeichen von latentem Rassismus."

Es knirscht im Ringen um eine Lösung

Manche Kritiker entgegnen, oft gehe es gar nicht um ehrliche Befindlichkeiten, sondern die Studenten von heute seien nur schlau genug, im Zweifel auch mal die "race card" zu spielen, wenn es ihnen einen strategischen Vorteil bringe. Jeffrey Peck hält das jedoch für eine unfaire Verallgemeinerung. Peck war bis vor Kurzem Vize Provost for Global Strategies am Baruch College der City University of New York, die landesweit zu den Hochschulen mit der vielfältigsten Studentenschaft zählt. Er sagt: "Als weißer Mann kann ich doch einer schwarzen Frau nicht sagen, was sie fühlen darf und was nicht."

Yale University in New Haven, Connecticut
Yale University in New Haven, Connecticut | Als eine Professorin der amerikanischen Eliteuniversität gegen Regeln protestierte, die stereotype Halloween-Verkleidungen verhindern sollten, wurde sie zum Rücktritt gezwungen.

Genau dies ist das Dilemma, in dem die akademische Welt der Vereinigten Staaten zurzeit steckt: Während im Land Schwarze von Polizisten erschossen und Polizisten von Heckenschützen ermordet werden, während die "Black-Lives-Matter"-Bewegung an Heftigkeit gewinnt und der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump politische Korrektheit zur Wurzel allen Übels erklärt, wollen die Hochschulen Orte der Vorurteilsfreiheit und der gesellschaftlichen Inklusion sein. Und arbeiten sich dabei ab an den Grenzen von berechtigtem Widerstand, alltäglicher Stereotypisierung und der Toleranz, die intellektueller Streit braucht, um sich produktiv entfalten zu können.

"Natürlich ist das übertrieben, was in Yale passiert ist", sagt Jeff Peck. "Aber was wir da erleben, ist nicht das Ergebnis simpler, unüberlegter Intoleranz, sondern das Ringen um eine Lösung, die beiden Anforderungen am Ende gerecht wird."

Ein Ringen, das Opfer fordert. Etwa wenn selbst Wissenschaftler mit jahrzehntelanger Lehrerfahrung von sich sagen, sie blieben derzeit lieber "in the middle of the road". Oder wenn Studenten fordern, sie wollten gewarnt werden, bevor Klassiker wie "Der Fänger im Roggen" oder "Der große Gatsby" in ihren Kursen behandelt werden – weil darin geflucht wird oder Gewalt und Sexualität beschrieben werden. Solche Stellen könnten empfindsame Leser "triggern", sie verstören oder Traumata wachrufen. Erste Hochschulen haben für den Umgang mit solchen Werken entsprechende Richtlinien erlassen. Das Oberlin College in Ohio empfahl seinen Professoren beispielsweise 2014, Themen zu meiden, die "potenziell Traumata verursachen könnten".

"Die Debatte hat ein Ausmaß angenommen, das einfach nicht mehr angemessen ist"(Philip Altbach)

Zur Wahrheit gehört indes auch, dass derartige Fälle an den mehr als 5000 Colleges und Universitäten der USA die Ausnahme darstellen. Und dass sogar das Oberlin College seine Onlinerichtlinie nach Protesten von Professoren wieder zurückzog. Dennoch, sagt der Hochschulforscher Philip Altbach vom Boston College, "die Debatte hat ein Ausmaß angenommen, das einfach nicht mehr angemessen ist". Für Altbach zählt es zu den unverzichtbaren Studienerfahrungen, auch mit Gedanken konfrontiert zu werden, die einem mitunter unangenehm sind, gegen die man emotional oder intellektuell aufbegehren möchte. "That's life!"

Erschreckende Unbedarftheit

Was seine Kollegin Heather Rowan-Kenyon gar nicht bestreitet, doch gerade in den so genannten trigger warnings sieht sie eine Möglichkeit, mit ihren Studenten die nötige Offenheit einzuüben. In ihren Klassen säßen Studenten, die später Wohnheime verwalten oder für die Hochschulzulassung zuständig sein werden. Da liege es nahe, dass sie den Amoklauf an der Virginia Tech 2007 thematisiere, bei dem 32 Menschen getötet wurden. Sie frage dann, was die Hochschulen daraus unter Sicherheitsaspekten lernen könnten. "Und da halte ich es für richtig, meine Studenten vorher zu warnen." Sind Ängste da, diskutiere man drüber. Sie habe nur ein einziges Mal erlebt, dass jemand daraufhin nicht zur nächsten Stunde gekommen sei, und dabei habe es sich um eine Studentin gehandelt, die eines der Opfer persönlich gekannt habe.

Wer US-Wissenschaftler sprechen möchte, die sich ernsthaft Sorgen machen um die Meinungsfreiheit an ihren Hochschulen, muss lange suchen. Kein einziges Forschungsthema werde der Political Correctness wegen gemieden, sagen fast alle. Schneller Bestätigung findet, wer fürchtet, die heutige Studentengeneration sei weniger mutig, abseitige Argumente zu äußern. "Früher gab es immer welche, die auch mal eine unpopuläre Meinung vertreten haben, und sei es nur um der Freude am Streit willen", sagt Heather Rowan-Kenyon. "Das ist seltener geworden."

In der "Zeit" macht der Psychologe Jonathan Haidt für die mangelnde Konfliktbereitschaft der Studenten ihre Eltern verantwortlich. Die Medien hätten den Amerikanern eingetrichtert, dass ihre Kinder dauernd in Gefahr seien, darum hätten sie die Erziehung in lauter geschützte Räume verlagert. "Amerikaner machen ihre Kinder zu zerbrechlichen Wesen. Deshalb rufen die Studenten dauernd nach dem Präsidenten oder der Verwaltung." Ein Phänomen, das angesichts andauernder, rassistisch motivierter Gewalt in diesen Tagen nicht kleiner werden dürfte.

Und dennoch ein Erklärungsmuster, das Jeff Peck zu einfach findet, unterschätze es doch die Ernsthaftigkeit der Debatte. Überhaupt, plädiert er, wäre es zur Abwechslung interessant, wenn die Europäer den Streit um microaggressions und trigger warnings einmal aus anderer Perspektive betrachteten. "Und zwar nach dem Motto: Was können wir eigentlich davon lernen?" Peck ist vergangenes Jahr auf Einladung der Mercator-Stiftung nach Deutschland gekommen, er soll analysieren, wie deutsche Hochschulen mit ihren internationalen Studenten und mit Minderheiten in ihren Studienprogrammen umgehen. "Diversitätsstrategien" nennt man das neudeutsch, und gelegentlich ist Peck erschrocken über die Unbedarftheit deutscher Unileitungen. "Die zunehmende Vielfalt der Studienanfänger wird in Deutschland mancherorts immer noch als Gefahr für die Qualität gesehen, nicht als unbedingte Voraussetzung für intellektuelle Klasse." Dabei muss man noch nicht einmal nur auf den Migrantenstatus schauen: In kaum einem Land der Welt ist der Hochschulzugang für Kinder aus Nichtakademikerhaushalten so schwierig wie in Deutschland; dies hat gerade erst wieder der Nationale Bildungsbericht ergeben.

Und so schauen die Europäer mit einer Mischung aus Erstaunen und wohligem Schauer zu, wie die US-Hochschulen um die richtige Perspektive zwischen Mainstream und Minderheiten auf dem Campus ringen. Ein skurriler Streit, finden viele hierzulande angesichts der berichteten Exzesse – und versichern sich gegenseitig, dass so etwas in Deutschland nicht passieren könne. Womit sie wahrscheinlich sogar Recht haben. "Und genau das", sagt Jeff Peck, "ist ihr eigentliches Problem".

32/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 32/2016

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