Auf seinem Zug um die Welt begegnete Homo sapiens schon bald dem Neandertaler, nachdem er Afrika verlassen hatte – zum Beispiel vor mehr als 50 000 Jahren in Israel. Aus diesen Aufeinandertreffen gingen bisweilen sogar Kinder hervor, die wiederum selbst fruchtbare Nachkommen hatten: Deshalb besteht unser Erbgut heute zu etwa ein bis zwei Prozent auch aus typischen Neandertaler-DNA-Sequenzen. Ausnahmen sind hier nur Menschen mit ausschließlich afrikanischem Ursprung, deren Vorfahren keinen Kontakt zu den rein außerafrikanischen Neandertalern hatten. Allerdings fallen Unterschiede zwischen Europäern und Ostasiaten auf: Chinesen, Japaner und Koreaner weisen 20 Prozent mehr Neandertaler-DNA auf als Deutsche oder Franzosen. Joshua Akey und Benjamin Vernot von der University of Washington haben nun untersucht, warum das der Fall ist, und ihre Studie im "American Journal of Human Genetics" veröffentlicht.

Zwei Hypothesen wurden für die regionalen Differenzen bislang aufgestellt. Zum einen könnten eingekreuzte Neandertalergene der Gesundheit moderner Menschen geschadet und entsprechend reichhaltig ausgestattete direkte Nachkommen weniger eigene Kinder gehabt haben. Folglich wären die nachteiligen Gene nach und nach aus der Population verschwunden. Bei den Europäern, so die Idee, wäre dies schneller geschehen als bei den Ostasiaten, weil die nach Osten abgewanderten späteren Ostasiaten eine deutlich kleinere Population waren. Je kleiner eine Fortpflanzungsgruppe, desto länger dauert es aber, bis die natürliche Selektion nachteilige Gene eliminiert. Diese Erklärung haben Akey und Vernot nun jedoch ausgeschlossen, indem sie die so genannten neutralen Regionen des europäischen Erbguts mituntersuchten. Da diese Abschnitte keinen bislang nachgewiesenen Nutzen, aber eben auch keinen Nachteil haben, sollten sie im Lauf der Zeit langsamer aus dem Genom verschwinden als schädliches Neandertalererbgut. Doch dafür fanden die beiden Biologen keinen Beleg.

Stattdessen unterstützen sie eine alternative Erklärung. Die frühe Homo-sapiens-Population in Vorderasien spaltete sich nach den Kontakten zu Neandertalern auf. Ein Teil zog Richtung Europa, der andere Teil gen Asien, wo sich diese Menschen noch ein zweites Mal mit Neandertalern vermischten – ein zweiter Schwung an entsprechender DNA gelangte ins Homo-sapiens-Erbgut. Das legt auch eine Modellierung der beiden Forscher nahe, die genetische Unterschiede zwischen Europäern und Ostasiaten nur dann sinnvoll auflöste, wenn diese ein zweites Mal ein Stelldichein mit dem Neandertaler hatten. Das würde allerdings auch bedeuten, dass unsere Verwandten in Ostasien später ausstarben als bisher vermutet. Bislang gilt als gesichert, dass Homo neanderthalensis vor etwa 30 000 bis 40 000 Jahren endgültig verschwand – und damit vor der geografischen Trennung verschiedener Gruppen des modernen Menschen in Europäer und Asiaten. Wenn die neue Theorie stimmt, müssten an bisher unbekanntem Ort Neandertaler länger überlebt haben, um sich mit der nach Osten wandernden Teilgruppe der modernen Menschen zu mischen.