Hintergrund | 11.01.2013 | Drucken | Teilen

Alternative Medizin

"Hauptsache, es geht mir besser"

Die klassische Medizin hat bei vielen einen schlechten Ruf: Sie suchen nach alternativen Behandlungsverfahren, von denen sie sich mehr versprechen, obwohl ihre Wirksamkeit höchst umstritten ist. Die Argumente für ihre Entscheidung sind vielfältig.
von
Bunte Pillen

"Gibt es da auch etwas Homöopathisches?" Eine häufige Frage bei Arzt und Apotheker: Alternative Heilmethoden sind beliebt. Fast zwei Drittel der erwachsenen Deutschen hätten mindestens einmal eine Alternative oder Ergänzung zur klassischen Medizin genutzt, so das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, die kürzlich 1700 Personen dazu befragt hatte. Die Anzahl der Nutzer von Naturheilverfahren hat sich damit in den letzten Jahren auf hohem Niveau stabilisiert.

Was ist Alternativmedizin?


Eine allgemein gültige Definition der Begriffe "Alternativmedizin" oder "Komplementärmedizin" (im englischsprachigen Raum kurz "CAM") gibt es nicht. Synonym werden häufig auch die Begriffe Erfahrungsmedizin, Ganzheitsmedizin, Naturheilkunde oder Traditionelle Medizin gebraucht. Im Allgemeinen versteht man darunter eine Vielzahl verschiedener medizinischer Praktiken, die genutzt werden, um die körperliche und geistige Gesundheit zu erhalten oder zu verbessern, Erkrankungen vorzubeugen, zu diagnostizieren oder zu heilen. Allen Verfahren gemein ist, dass sie sich abgrenzen wollen von der klassischen "Schulmedizin". Doch auch hier sind die Grenzen fließend. Was mancherorts als Alternativmedizin gilt, wie etwa einige Anwendungen der Pflanzenheilkunde, fällt woanders unter die schulmedizinische Behandlung. Zu den alternativen Heilmethoden werden bei uns zum Beispiel gezählt: Akupunktur, anthroposophische Medizin, Pflanzenheilkunde, Homöopathie, manuelle Therapien (Chiropraktik, Osteopathie, Massage), Naturheilkunde (Aromatherapie, Kräutermedizin, Ernährung, Nahrungsergänzung) und die Traditionelle Chinesische Medizin.

Dabei ist die Wirksamkeit vieler dieser Heilverfahren mindestens umstritten, wenn nicht sogar widerlegt. "In einigen Kreisen herrscht Unverständnis darüber, wie man sich trotz der Errungenschaften der Aufklärung so 'dumm' verhalten könne, Methoden in Anspruch zu nehmen, deren Wirksamkeit sich im Rahmen des gängigen wissenschaftlichen Denkens nicht erklären lasse", erklärt Stefan Schmidt von der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg. Der Spruch "Wer heilt, hat Recht" weise denn auch den Weg zurück ins Mittelalter, sagte Edzard Ernst, emeritierter Professor für Alternativmedizin der Universität Exeter kürzlich in einem Interview mit Medscape Deutschland.

Eine Frage, viele Antworten

Warum aber setzen so viele, gar nicht mittelalterlich denkende Menschen ihre Hoffnung auf alternative Therapien? Fallen sie dabei lediglich auf die Werbetricks von fragwürdigen Heilversprechern herein? "Eine einfache Antwort auf die Frage des 'Warum' gibt es nicht", sagt Wolfgang Weidenhammer vom Kompetenzzentrum für Komplementärmedizin und Naturheilkunde an der TU München. "Der Patient, der sich selbst wegen einer banalen Angelegenheit behandelt, wird andere Gründe haben als derjenige mit einer Krebserkrankung."

Trotz des komplexen Bilds kristallisierten sich aus Patientenbefragungen drei Motivationen heraus: Viele legten Wert auf ein persönliches Arzt-Patienten-Verhältnis, in dem es um den Menschen und nicht allein um das kranke Organ gehe, sagt Weidenhammer. In der Komplementärmedizin würde mehr auf dieses Verhältnis geachtet. Zum anderen seien Patienten heutzutage informierter, wollten häufig einfach eine Zweitmeinung einholen und aktiv das Behandlungsspektrum erweitern. Der dritte Grund: Menschen suchen nach Behandlungsformen mit weniger Nebenwirkungen. "Die alternative Medizin gilt hier als 'sanft'. Dabei greifen einige Methoden, wie es etwa die Erfahrung mit der chinesischen Arzneitherapie zeigt, massiv in den Organismus ein", sagt Wolfgang Weidenhammer.

John Astin von der Standford University School of Medicine versuchte vor fast 15 Jahren zu der Frage, warum Patienten auf alternative Heilverfahren vertrauen, zum ersten Mal einen theoretischen Unterbau zu liefern [1]. Er befragte 1035 US-Amerikaner zu ihrem Gesundheitszustand, ihrer Einstellung zur klassischen Medizin, ihren religiösen Überzeugungen und Werteinstellungen. 40 Prozent der Befragten hatten im vorangehenden Jahr alternative Medizin wie etwa Akupunktur, Chiropraktik, Pflanzenheilkunde oder Homöopathie in Anspruch genommen. Dabei tendierten solche Personen stärker zu alternativen Behandlungen, die im Vergleich einen höheren Bildungsstatus angaben, größere Gesundheitsprobleme hatten, über ein "Transformationserlebnis" berichteten, das ihre Weltsicht verändert hatte, und an Angststörungen, Rückenproblemen oder chronischen Schmerzen litten.

Auf das "Warum" ihrer Therapiewahl hin befragt, gaben die Personen an, nach der alternativen Behandlung sei es ihnen besser gegangen, Schmerzen und andere Symptome hätten abgenommen, und die Behandlung funktioniere besser für das persönliche Gesundheitsproblem als Verfahren der klassischen Medizin. Die Befragten nutzten die alternativen Heilverfahren überwiegend nicht aus Enttäuschung über die klassische Medizin, sondern weil sie stimmiger mit den eigenen Überzeugungen, Werten und religiösen Einstellungen waren.

Weltbild und Wirksamkeit

Was dabei im Kopf der Menschen vor sich geht, versucht der Psychologe Stefan Schmidt zu erklären: "Wenn ich mich für eine Therapie entscheide, die für mich stimmig ist und in mein Weltbild passt, kommt der Therapie eine positive Bedeutung zu, die schließlich zu einem positiven Gesamterlebnis führt." Sprich: Es geht mir besser – auch wenn die spezifische Wirksamkeit der Methode laut naturwissenschaftlicher Analyse unklar ist.

Wie mächtig die eigene Gedankenwelt, die Sinnkonstruktion dabei sei, zeigen Untersuchungen wie von J. Bruce Moseley zur Wirksamkeit der Gelenkspülung bei Patienten mit einer Kniearthrose [2]: Die Spülung allein oder in Verbindung mit der Entfernung lockerer Knorpelteilchen reduzierte die Schmerzen der Behandelten über den Beobachtungszeitraum von zwei Jahren deutlich. Genauso verbesserte sich der Zustand aber auch bei den Patienten, die eine "Scheinoperation" erhielten, bei denen also bis auf zwei kleine Hautschnitte nichts am Knie gemacht worden war. "Der beobachtete Effekt war also unspezifisch und nur auf das eigene Erklärungsmodell 'wenn abgenutzte Knorpelteilchen weggespült werden, kann ich das Knie wieder besser bewegen' zurückzuführen", sagt Schmidt.

Ähnlich sehen die Ergebnisse von Studien aus, in denen Migränepatienten homöopathisch behandelt wurden. Tatsächlich berichteten die Betroffenen von einer Besserung ihrer Symptome, weniger Schmerztagen und weniger Medikamentengebrauch – im selben Umfang wie in der Kontrollgruppe, die Placebos erhalten hatte [3,4]. Auch zur Anwendung von Akupunktur, TCM und anderen alternativen Behandlungsverfahren lassen sich vergleichbare Resultate finden, die gern als Beweis für die Wirksamkeit alternativer Heilverfahren angeführt werden. Kritiker allerdings zitieren sie ebenso: als Beleg, dass diese Methoden eben nicht mehr sind als Placebos und womöglich sogar negative Folgen haben, falls sie beispielsweise eine wissenschaftlich erwiesen wirksame Therapie verzögern oder ganz verdrängen. Zumal es auch zahlreiche weitere Studien gibt, die keinerlei Besserung der Untersuchten bei alternativen Verfahren finden.

Evidenz kontra Placebo oder Gesamtwirksamkeit?

An dieser Stelle zeigt sich der Unterschied zwischen der wissenschaftlichen Herangehensweise an den Nutzen und/oder Schaden von Alternativmedizin und dem, was ihre Anwender bewegt, sie zu verwenden: Sie erleben einen Effekt – was dahintersteckt, interessiert, wenn überhaupt, erst an zweiter Stelle: "Wenn ich ein Schmerzmittel einnehme, ist es mir weniger wichtig, was der Effekt des Wirkstoffs und was derjenige des Placebos ist. Hauptsache, es geht mir besser", sagt Stefan Schmidt. Inzwischen wisse man, dass Placebo und Wirkstoff zusammenarbeiten und eine scharfe Trennung der beiden, so wie stets gefordert, keinen Sinn mache, da sich beide Größen nachweislich gegenseitig beeinflussten. "Placebo sollte als Behandlungsoption aufgefasst werden und nicht als Störgröße", meint der Psychologe weiter. Davon, Behandlungsmöglichkeiten generell wegzulassen, weil der spezifische Wirknachweis fehle, hält der Freiburger Forscher deshalb nichts.

Auch die Bundesärztekammer hat sich des Placeboeffekts angenommen. So ist in einer Abhandlung darüber zu lesen: "… der Nutzen einer Behandlung setzt sich für den Patienten aus dem Verum-(Wirkstoff) und dem Placeboanteil zusammen; je nach Krankheit und Behandlung können die Anteile unterschiedlich groß sein" [5]. Edzard Ernst sieht das deutlich kritischer: "Um bei meinem Patienten einen Placeboeffekt hervorzurufen, brauche ich kein Placebo. Wenn ich ihm eine wirksame Therapie gebe und dies mit Empathie und Verständnis tue – so wie ein guter Arzt das eben macht –, dann profitiert mein Patient sowohl von einem Placeboeffekt wie auch von dem spezifischen Effekt meiner Therapie. Mit anderen Worten: Die alleinige Gabe eines Placebos, beispielsweise in Form eines Homöopathikums, enthält meinem Patienten etwas vor, das ihm eigentlich zusteht."

Ganz unabhängig von der persönlichen Entscheidung, auf alternative Behandlungsverfahren zu setzen, ist die offene Diskussion um deren Anwendung ebenso wirtschaftsgetrieben. Denn natürlich geht es auch um Geld. Um viel Geld: Für schätzungsweise sechs Milliarden Euro wanderten in Europa allein im Jahr 2010 pflanzliche Arzneimittel über den Ladentisch. Homöopathische Produkte machen inzwischen rund 0,7 Prozent des europäischen Pharmamarkts aus, was im Jahr 2010 rund einer Milliarde Euro entsprach. "In einer Zeit, in der die finanziellen Ressourcen knapper werden, kämpfen die klassische und die alternative Medizin um ihre Anteile", erklärt Stefan Schmidt. Und dieser Kampf tobt vor allem um eine Zielgruppe, so Edzard Ernst: "Alle Daten zeigen einhellig, dass vor allem diejenigen Menschen sich der Alternativmedizin zuwenden, die genug Geld in der Tasche haben."

Wolfgang Weidenhammer, der Koordinator des gerade abgeschlossenen EU-Projekts "CAMbrella" (Complementary and Alternative Medicine), sieht angesichts des Interesses und des verbreiteten Einsatzes alternativer Heilverfahren dringenden Forschungsbedarf: "Die Menschen brauchen vertrauenswürdige Informationen über deren Wirksamkeit, Sicherheit und Kosten." In Europa sei die Erforschung der Komplementär- und Alternativmedizin stark vernachlässigt worden, entsprechende Programme und Initiativen seien einzurichten, so Empfehlungen von CAMbrella. Wo liegen die Chancen, wo die Risiken? Für Weidenhammer ist dabei zentral: "Die Bedürfnisse der Patienten sollten bei dieser Forschung die Schlüsselpriorität haben."

© Spektrum.de
Bunte Pillen

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