"Das Urgeräusch meiner Kindheit: permanente Kirchturmglockenschläge, einmal um Viertel nach, zweimal um halb, dreimal um Viertel vor, viermal – plus tiefer Uhrzeitzahl – zur vollen Stunde, sowie das ausufernde Gebimmel um zwölf Uhr mittags und sechs Uhr abends, sonntags zehn vor zehn, um zum Gottesdienstbesuch zu ermahnen, und dann noch mal gegen fünf vor elf zum Vaterunser; außerdem bei Taufen, Hochzeiten und Todesfällen – es bimmelte also das ganze Leben durch." Wenn sich Benjamin von Stuckrad-Barre in seinem autobiografischen Roman "Panikherz" an seine Kindheit erinnert, dann hallt besonders der Ort nach. Denn der Schriftsteller ist in einem Umfeld aufgewachsen, das seit nunmehr fast genau 500 Jahren Söhnen und Töchtern eine Prägung fürs Leben mitgibt: dem Pfarrhaus.

Wie von Stuckrad-Barre erging es erstaunlich vielen einflussreichen Dichtern und Denkern. Und das ist wohl kein Zufall. Als Martin Luther den reformierten Geistlichen die Familiengründung erlaubte, schuf er etwas, was in der westlichen Welt praktisch keine Vorläufer hatte und bald zur Talentschmiede der europäischen Geistesgeschichte wurde. Aus Pfarrhäusern gingen berühmte Literaten ebenso hervor wie Revolutionäre, Atheisten und Reformer, Wissenschaftler und eine Bundeskanzlerin.

Aus Protest verheiratet

Die Wurzeln des Pfarrhauses selbst liegen in einer Zeit lange vor der Reformation. Seit jeher gab es mal mehr, mal weniger offene Kritik an der verordneten Ehelosigkeit für Kleriker. Zumal nicht wenige Priester ein Konkubinat pflegten, also ganz offen mit Frauen zusammenlebten und auch Kinder zeugten. Der berühmte Gelehrte Erasmus von Rotterdam etwa kam 1466 als Sohn eines Priesters und dessen Haushälterin zur Welt. Martin Luther schließlich forderte in seiner 1520 entstandenen Schrift "An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung" die Abschaffung des Zölibats. Für den Reformator gab es schlicht keinen Unterschied zwischen einem einfachen gläubigen Menschen und einem Priester. Theoretisch könne jeder Getaufte das Pfarramt übernehmen, sofern er sich dazu berufen fühlte und natürlich das Anforderungsprofil erfüllte. Deshalb sollte jede Stadt aus der Gemeinde "eynen gelereten frumenn burger" erwählen, "dem selbenn das pfar ampt" übertragen "und yhn vonn der gemeyn erneret, yhm frey wilkoer liesz, ehelich zu werdenn odder nit". So sollte das geistliche Amt wieder stärker an die Lebenswirklichkeit der Gläubigen herangeführt werden.

Doch nicht etwa Luther lässt seiner Forderung Taten folgen; das übernehmen zunächst seine Mitstreiter. Einige von ihnen, etwa der Pfarrer Jakob Seidler im erzgebirgischen Glashütte, machen es sich besonders leicht und erklären einfach ihre Konkubinen zu Ehefrauen. Mit ihrer Familiengründung scheitern sie aber schließlich am Widerstand ihrer Landesherren, die auf dem Widerruf der Ehe beharren. Luthers Jugendfreund Bartholomäus Bernhardi schließlich gilt als Begründer des ersten echten Pfarrhauses. Nach einer kurzen Zeit als Rektor der Universität Wittenberg heiratet er trotz Priestergelübde Gertraude Pannier am 24. August 1521 in Kemberg, südlich von Wittenberg gelegen, wo er inzwischen als Propst tätig ist. Aus der Ehe gehen sieben Kinder hervor.

"und … yhm frey wilkoer liesz, ehelich zu werdenn odder nit" (Martin Luther)

Diese frühen Klerikerhochzeiten werden als revolutionäres Statement öffentlich inszeniert. Nicht selten folgt die Exkommunikation durch den zuständigen Bischof. Auch Bernhardis Vorgesetzter, Erzbischof Albrecht von Magdeburg und Mainz, will seinen Untergebenen vor ein Kirchengericht stellen, doch diesmal hält der Landesherr Friedrich der Weise seine schützende Hand über den Protestanten. Erst vier Jahre später vermählt sich auch Luther. Am 27. Juni 1525 heiratet er die ehemalige Nonne Katharina von Bora. Zwar gilt diese Familie – zusammen hatten die beiden sechs Kinder – als Inbegriff des evangelischen Pfarrhauses, doch genau genommen haben sie nie in einem solchen gelebt. Luther war zu dieser Zeit Professor und Prediger. Das Amt des Stadtpfarrers von Wittenberg hatte seit 1523 sein Freund Johannes Bugenhagen inne, der bereits ein Jahr zuvor geheiratet hatte. "Die Zuschreibung des Vorbilds der evangelischen Pfarrersfamilie an Luther und Katharina ist der Monumentalisierung Luthers durch spätere Generationen und nicht der historischen Realität geschuldet", erklärt der Theologe und Kirchenhistoriker Christopher Spehr.

Die Gefährtin

Bereits in den Anfangsjahren wird der Grundstein für eine prägende Eigenschaft des Pfarrhauses gelegt: das offene Haus. "Wir wohnten in einer Dienstwohnung direkt neben der Kirche", schreibt Pastorensohn von Stuckrad-Barre, "ein riesiges Haus, die Großfamilie also vorgesehen – und dauernd standen jammernde Christen im Treppenhaus." Seelsorge für die Gemeindemitglieder und die Versorgung von Armen und Obdachlosen gehörten und gehören zur moralischen Pflicht des Pfarrers. Wer gesundheitliche, familiäre oder berufliche Probleme hat, wer mit dem Glauben hadert, wer einsam ist, wer als Hinterbliebener trauert, der findet den Weg ins Pfarrhaus. Niemand soll an der Tür abgewiesen werden. Besucher geben sich die Klinke in die Hand, Kirchenbedienstete gehen ein und aus. Die heimische Küche wird zum Sprechzimmer.

Vor allem die Ehefrauen übernahmen hier von Anfang an einen wichtigen Part. Zunächst sollten sie ihren Männern als Hausfrau und Mutter den Rücken freihalten. Durch Gartenarbeit und Landwirtschaft trugen sie lange Zeit in erheblichem Maß zum Lebensunterhalt der Familie bei. Ein eigener Beruf war für Pfarrersfrauen bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht vorgesehen – die Berufung des Mannes galt auch für sie. Sie war Ansprechpartnerin, wenn der Pfarrer unterwegs war, versorgte Bittsteller, übernahm mitunter die christliche Bildung für Frauen und Kinder, betreute den Kirchenchor und erfüllte viele weitere Aufgaben in der Gemeinde. Kurz: Ohne Ehefrau war der Job nicht zu meistern. So erinnert sich etwa Ernst von Dryander, Pastor der Berliner Dreifaltigkeitskirche um die Wende zum 20. Jahrhundert, an seine Frau als "Seele des Hauses, eine Pfarrfrau nach dem Herzen Gottes". Sie stand ihm mit Rat und Tat zur Seite und "nahm, wenn die Klingel nicht stillstand, mir unzählige Besuche ab. Sie wußte mit den schlichtesten Leuten ebenso geschickt zu verkehren wie mit den vornehmsten." Eigene Bildung war dafür unabdingbar und wurde sogar in speziellen Kursen und Ratgebern wie "Die Kluge und hauswirthliche Pfarrfrau" von 1757 vermittelt. Zudem wussten viele angehende Pfarrersfrauen bereits, worauf sie sich einließen, da sie selbst einem Pfarrhaus entstammten.

Als "role model" für die selbstbewusste Pfarrersfrau etablierte sich bereits in den Anfangsjahren des Protestantismus neben Luthers Frau Katharina Bora die Straßburgerin Katharina Schütz. Die gebildete Schreinertochter heiratete im Dezember 1523 den Pastor des Straßburger Münsters Matthäus Zell. Bald schaltete sie sich in theologische Diskussionen ein, begleitete ihren Mann zu den Treffen mit anderen Reformatoren, veröffentlichte eigene Gesangbücher, sprach den Anhängern der neuen Konfession schriftlich Mut zu. Wie sie verfolgten Protestanten auf der Flucht ein Obdach gab, beschreibt sie selbst in einem Brief aus dem Jahr 1524: Weit über 100 Bürger aus Kentzingen im Breisgau hätten eines Nachts vor ihrer Tür gestanden, von denen sie an die 80 sofort untergebracht und dann "vier wochen lang nie minder dann Fünfftzig oder Sechszig speiset".

Doch trotz dieser emanzipatorisch anmutenden Ausnahme, auch in der Pfarrerswohnung war in diesem und den darauf folgenden Jahrhunderten die Hierarchie klar: Herr im Haus war – neben dem Allmächtigen – der Familienvater.

Die heile Welt im Glashaus

Stellen wir uns ein Pfarrhaus vor, dann sehen wir das ländliche Idyll alter Gemäuer direkt neben der Kirche, mit großem Garten, durch den in Leinen gehüllte Kinder springen. Die Sonne neigt sich dem Horizont zu, links blüht der Lavendel, rechts sitzen Frauen am Holztisch beim Tee, und in der Mitte lächelt der Hausherr zwischen Büchern über die – selbstverständlich gezügelte – Wildheit des Nachwuchses. Vor allem die Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts hat dieses klischeehaft heimelige Bild geschaffen. Bei einigen mag es sogar der Realität entsprochen haben. Für alle anderen galt: Auch wenn der Haussegen schiefhing, sollte das Leben so harmonisch wie möglich erscheinen. Denn der Pfarrer als christliche und moralische Instanz steht seit jeher unter besonderer Beobachtung, und mit ihm seine Angehörigen. Schließlich soll derjenige, der predigt, christliche Werte im Alltag zu leben, mit gutem Beispiel vorangehen, als sittlicher Primus inter Pares sozusagen, als Erster unter Gleichen.

"… vernünftig, tugendhaft und damit glücklich" (Wolfgang Steck)

Seit dem 16. Jahrhundert finden sich entsprechende Bestimmungen in den Kirchenordnungen, wodurch an den Pfarrer und seine Familie gleichsam per Gesetz höhere Ansprüche gestellt wurden als an den Rest seiner Gemeinde. Seit der Zeit der Aufklärung ab dem 18. Jahrhundert nutzten die Pfarrer diese Aufmerksamkeit, inszenierten ihr Leben als Lehrstück und nahmen auch ihre Familie mit auf die Bühne. "Sie machten ihr Haus zum Glashaus. Sie stilisierten sich selbst zum Vorbild", schreibt der Theologe Wolfgang Steck dazu. "Und sie erwarteten von den anderen, daß sie so werden, wie sie selber sind, vernünftig, tugendhaft und damit glücklich."

Die Reflexion der eigenen Rolle wurde dadurch begünstigt, dass sich die Ausbildung der Pfarrer nach und nach verbesserte. Während zu Beginn des Protestantismus vor allem ehemalige katholische Geistliche sowie Laienprediger im Einsatz waren, die sich eher durch Loyalität zur neuen Bewegung als durch besonders sittlichen Lebensstil auszeichneten, wirkten ab dem 18. Jahrhundert zunehmend universitär gebildete Kleriker. Zudem änderte sich die Lebenssituation: Knechte und Mägde übernahmen die Arbeit in den landwirtschaftlichen Kleinbetrieben der Pfarrer, Land wurde verpachtet, bescheidene Einkommensquellen wurden erschlossen. Im Pfarrhaus konnte man sich verstärkt den Büchern zuwenden.

Bibliothek und Hausmusik

Bildung und die Selbstermächtigung, sie sich anzueignen, zählten zu den Grundpfeilern des Protestantismus. Luther hatte die Bibel übersetzt, um sie jedermann zugänglich zu machen. "Wahrlich, wahrlich, die nehmen dem Frühling das Jahr weg, die die Schulen verfallen lassen", hatte sein Mitstreiter Philipp Melanchthon geurteilt und damit auf die Dringlichkeit einer guten Ausbildung für Kinder hingewiesen. Diesem Ideal verschrieben sich auch die protestantischen Pfarrer. Vor allem ab der zweiten Hälfte des 17. und bis ins 18. Jahrhundert hinein veröffentlichten sie umfangreiche Ratgeber, die so genannte Hausväterliteratur. Die oft mehrbändigen Werke enthalten sowohl Richtlinien zu Haushaltsführung, Landwirtschaft und ökonomischer Verwaltung als auch Kochrezepte, Erziehungsgrundlagen und Ratschläge zum Verhalten gegenüber dem Gesinde. Die Pfarrer gaben hier Wissen weiter, das sie selbst gut hatten gebrauchen können, als sie ihr Amt antraten.

Vor allem aber richtete sich der hohe Bildungsanspruch der Väter an die Söhne des Hauses. In diesem Sinn wurden diese von klein auf erzogen, und oft nahm der Hausherr den schulischen Unterricht selbst in die Hand. Zum Alltag der Pfarrerskinder gehörten die Bildhaftigkeit der Bibel, das Ausdrucksvermögen des Vaters und die heimische Bibliothek, die weit mehr bereithielt als theologische Traktate. Allein schon für den Altsprachenunterricht studierten die Kinder griechische und römische Autoren. Darüber hinaus waren die Privatgelehrten im Pfarrhaus durchaus offen für andere Disziplinen, etwa Naturforschungen. Diesen Bildungskosmos bereicherte der Hausherr oftmals selbst bis ins hohe Alter mit privaten Studien.

Die Kirche im Hintergrund
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(Ausschnitt)
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Die Liste der Dichter und Denker, die einem Pfarrhaus entstammen, ist lang. In diesem Gebäude in Röcken, Kreis Merseburg, wurde Friedrich Nietzsche geboren. Sein Vater war der lutherische Pfarrer Carl Ludwig Nietzsche, laut seinem Sohn "das vollendete Bild eines Landgeistlichen".

Und so brachte das Pfarrhaus eine erstaunliche Zahl an Protagonisten deutschsprachiger Kultur hervor: Die Schriftsteller Matthias Claudius, Jakob Michael Reinhold Lenz, Gotthold Ephraim Lessing und Jean Paul, der Pädagoge Friedrich Schleiermacher, der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, der Architekt Karl Friedrich Schinkel entstammen ebenso einem Pfarrershaushalt wie der berühmte Turnvater Friedrich Ludwig Jahn. Und das sind nur Beispiele einer langen Liste von Namen, die auch im 19. Jahrhundert nicht abreißt. In diesem Umfeld gewonnene Eindrücke und Erfahrungen mögen beispielsweise einen Heinrich Schliemann beeinflusst haben, der sich als Archäologe auf die Suche nach den Stätten der homerischen Epen machte.

Außerdem wirkte die Allgegenwart der Musik auf das Empfinden des Nachwuchses. "Ein Pfarrhaus ohne Klavier ist so wenig vorstellbar wie eine Kirche ohne Orgel", schreibt Christine Eichel in ihrem Buch "Das deutsche Pfarrhaus. Hort des Geistes und der Macht". Ein Instrument zu lernen und an Hausmusikabenden teilzunehmen, ist hier – meist bis heute – selbstverständlicher Bestandteil der Erziehung, was nicht immer auf Begeisterung stieß, folgt man einmal mehr Benjamin von Stuckrad-Barre: "Bei uns zu Hause lief immer nur Klassik, niemals Popmusik, ständig diese fordernde, runterziehende Klassik, dazu ernste Gespräche."

Lessing, Hölderlin, Nietzsche

Überhaupt unterschied ihre Bildung die Pfarrerskinder von den Altersgenossen. Was ihren sozialen Status als Akademikernachwuchs unterstreichen sollte, führte mitunter zu Isolation. Der Dichter Jean Paul etwa erinnert sich: "Leider schloß ich mir selber durch eine unzeitige Klage bei meinem Vater, daß ein langer Bauernsohn […] mich mit einem Einlegmesser ein wenig auf die Fingerknöchel geschlagen, auf immer die Schulstube zu. Er, in seinem ehrgeizigen Zorne, gab nun mir und meinen Brüdern allein den Unterricht; und mir gegenüber mußt' ich jeden Winter die Schulkinder in einen Hafen einlaufen sehen, der mir versperrt war."

Das Bildungsumfeld – zumal zur Zeit der Aufklärung, als kulturelle Vordenker mit einem Mal kollektiv beginnen, den Glauben zu hinterfragen – sowie ihr gesellschaftlicher Sonderstatus lassen immer mehr Sprösslinge an den Idealen ihrer Herkunft zweifeln. Die strengen moralischen Vorgaben und das Leben auf dem Präsentierteller fordern ihren Tribut. Gott als oberste und unantastbare Instanz im Elternhaus und damit auch als wichtigstes Druckmittel der Eltern wirkte nicht selten zermürbend und verstörend. Durch den Kontakt mit Gleichdenkenden und aufklärerischen Schriften während des Studiums distanzieren sich im 18. Jahrhundert immer mehr Pfarrerskinder öffentlich von ihrer Herkunft.

Der Preis dafür war der Verlust des familiären Rückhalts, auch in finanzieller Hinsicht. Bei vielen ging die Studienzeit nahtlos in eine prekäre Lebenssituation über, etwa als Hauslehrer. Zur Krise trug auch ihre gesellschaftliche Sonderstellung bei. "Einerseits kommen sie aus einem akademischen Elternhaus, andererseits sind sie weit davon entfernt, sich als eine Elite begreifen zu können", fasst Christine Eichel das Dilemma zusammen. "Auf die behütete Kindheit im Pfarrhaus folgt der Realitätsschock. Jäh entsteht die Erkenntnis, dass weder die christlichen noch die im weiteren Sinne ethischen Werte der Eltern in der Wirklichkeit überlebenstauglich machen."

Nicht wenige ziehen daraus eine schöpferische Kraft, deren Ergebnisse uns bis heute als große Literatur geblieben sind, bringt doch ihre missliche Lage einen elementaren Weltschmerz hervor. Die bekanntesten Namen sind wohl "Lessing, Hölderlin, Nietzsche, die vom Pfarrhaus her ihre Stollen tief in die Nacht vorangetrieben haben. Hier rührt man an Grundlagen des Daseins", wie es der französische Germanist Robert Minder ausdrückt. Carl Gustav Jung, ebenfalls Pfarrerssohn, nähert sich dem Glauben aus einer neuen, psychologischen Perspektive, für die er erst das Pfarrhaus verlassen musste.

So unabdingbar und konfliktträchtig der Ausbruch aus dem heimischen Pfarrhaus wirkt, nicht immer muss er in Scheitern, Neurosen oder künstlerischem Aufbegehren münden. Vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fällt auf, dass man vielen Pfarrerskindern in aktiven politischen Rollen begegnet. Offenheit, Diskussionsfreude, eine klare Haltung zu verschiedenen Themen, das ihnen vorgelebte Selbst- und Pflichtbewusstsein mögen Auslöser für eine solche Karriere gewesen sein. Bundeskanzleramt oder Hochsicherheitsgefängnis sind mögliche Endpunkte, wie die Geschichte zeigt. Gudrun Ensslin, beladen mit der Schuld des Vaters, der in der NS-Zeit eher Mitläufer als Widerstandskämpfer war, wollte auf radikalste Weise gegen die Ungerechtigkeiten der Welt kämpfen, schloss sich deshalb der RAF an und beging schließlich Suizid in der JVA Stuttgart. Angela Merkel, deren Vater als evangelischer Pfarrer 1954 von Hamburg in die DDR übersiedelte, lernte auf Grund ihrer Sonderstellung als Pfarrerstochter bereits in jungen Jahren, sich zu behaupten. Weitere Beispiele für politisch aktive Pfarrerskinder finden sich etwa in der Antiatomkraftbewegung oder auch während der friedlichen Revolution 1989, bei der nicht wenige Protagonisten einen kirchlichen Hintergrund hatten.

Auch für eine Bastion wie das Pfarrhaus bleiben Veränderungen nicht aus. Die Individualisierung hat Einzug gehalten im Pfarrhaus. Partnerinnen und Partner der Geistlichen – seit 1958 dürfen Frauen Pastorinnen werden – gehen inzwischen meist eigenen Berufen nach und stehen längst nicht mehr rund um die Uhr unterstützend zur Verfügung. Es sinkt die Zahl der Protestanten, und für viele Gemeindemitglieder ist die Religionszugehörigkeit vor allem steuerlich relevant. Doch für die, die im Pfarrhaus aufwachsen, wird, wie der Theologe Wolfgang Steck zusammenfasst, sicher eines immer gelten: "Kein Pfarrerskind verlässt das Haus, ohne symbolisch immer wieder dorthin zurückzukehren. Das Pfarrhaus ist für seine Bewohner ein unverlierbarer Kosmos an Erfahrung und Erleben. Es ist mehr als ein Vorbild. Es ist Sinnbild unverwechselbarer Lebensidentität."