Der Tsunami vom 26.12.2004 war mit rund 250 000 Toten in Süd- und Südostasien eine der schlimmsten Naturkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte – und die Ursachenforschung ist noch lange nicht abgeschlossen. Eine der offenen Fragen lautete beispielsweise, warum ein so langes Plattenstück brechen und damit das Erdbeben die verheerende Stärke von 9,2 erreichen konnte. Lisa McNeill von der University of Southampton und ihre Kollegen führen das auf eine bestimmte Fernwirkung des Himalajas zurück, wie sie in "Science" begründen. Und das, obwohl sich das Gebirge tausende Kilometer entfernt vom Erdbebenzentrum befindet.

Doch die zahlreichen Sieben- und Achttausender des Himalajas sind massiv der Erosion ausgesetzt, und Flüsse wie der Ganges und der Brahmaputra transportieren jedes Jahr schätzungsweise zwei Milliarden Tonnen Sediment in den Golf von Bengalen. Nur ein Teil davon lagert sich unmittelbar im Delta ab, der Rest sinkt in die Tiefsee und wird von Meeresströmungen nach Osten transportiert. Dort lagert es sich unter anderem im Bereich des Sunda-Grabens ab, einer Subduktionszone, an der sich die Indo-Australische unter die Sunda-Platte schiebt. Dieser Prozess kommt immer wieder ins Stocken, wenn sich die Gesteinsschichten verhaken. Lösen sie sich mit einem Ruck, bebt die Erde. Das verheerende Ereignis 2004 folgte allerdings nicht dem erwarteten Muster: Sedimentpakete entlang der Subduktionszone sollten eigentlich den Bruch dämpfen und auf tiefere Bereiche beschränken. Der Schlag am zweiten Weihnachtstag hingegen pflanzte sich vom eigentlichen Hypozentrum in der Tiefe nahezu ungedämpft bis zum Meeresboden fort, während sich die Sunda-Platte um mehr als zehn Meter nach Westen über die Indo-Australische Platte verschob. Die gleichzeitige ruckartige Hebung löste die riesigen Flutwellen aus, die wenig später die Küsten der umliegenden Staaten heimsuchten.

Bohrungen von Lisa McNeill und Andre Hüpers von der Universität Bremen weisen darauf hin, warum sich das Beben nicht an die Theorien hielt. Die immensen Sedimentfrachten aus dem Himalaja reichen demnach aus, um tiefere Schichten durch Druck und steigende Temperaturen zu entwässern – immerhin sind die Auflagen teilweise zwei bis drei Kilometer dick. Das Material beginnt bereits zu versteinern, bevor es an der Subduktionszone in die Erdkruste und schließlich in den Mantel transportiert wird. Und dieses ungewöhnlich stark verfestigte Sediment transportiere Erdbebenwellen schließlich aus der Tiefe bis zum Meeresboden und über größere Distanzen, was die Heftigkeit der Ereignisses erklärt, so die Forscher. Sie mahnen deshalb, dass auch andere Subduktionszonen, an denen viel Erosionsmaterial abgelagert wird, derart gefährdet sein könnten – beispielsweise vor der Küste von Iran und Pakistan oder dem Westen Nordamerikas.

In einem Begleitartikel in "Science" zeigen sich andere Wissenschaftler jedoch noch nicht völlig überzeugt von dieser These. Experimente hätten beispielsweise gezeigt, dass entstehender Tonstein zu zerbrechlich ist, um große Spannungen aufzubauen, die sich dann während eines Erdbebens entladen könnten. Beim ähnlich katastrophalen Tohoku-Beben vor der japanischen Küste 2011, das ebenfalls zehntausende Tote gefordert hatte, lagen kaum Sedimente auf der Bruchzone. Die mangelnden Tonschichten hätten nicht dämpfend gewirkt, so die Begründung. Zu viele oder zu wenige Sedimente scheinen sich als katastrophal auszuwirken. Das erleichtert Vorhersagen leider nicht.