Mindestens zwölf Tote hat Hurrikan "Irma" bislang auf seinem Weg gefordert und Inseln wie Barbuda und Saint-Martin komplett verwüstet. Die wirtschaftlichen Schäden dürften bereits bei mehreren Milliarden Euro liegen. Und doch scheint das Schlimmste erst noch bevorzustehen: Der Wirbelsturm ging in Kuba mit Stärke 5 an Land, dürfte sich aber anschließend im sehr warmen Wasser des Golfs von Mexiko wieder neu aufladen, um anschließend mit voller Wucht Florida zu treffen. Das Auge des Hurrikans könnte direkt über die Region Tampa Bay wandern. Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 Kilometern pro Stunde ist "Irma" der stärkste Hurrikan, der bislang je im Atlantik aufgezeichnet wurde. Für Georgia könnte er zum bedeutendsten Sturmphänomen seit mehr als einem Jahrhundert werden.

Überdurchschnittlich warmes Wasser im Atlantik treibt Hurrikan "Irma" an
© NASA Earth Observatory, Joshua Stevens and Jesse Allen
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Überdurchschnittlich warmes Wasser im Atlantik treibt Hurrikan "Irma" an. Der Wirbelsturm zieht direkt über die erhitzte See zwischen Kuba und den Bahamas und gewinnt daraus seine zerstörerische Energie. Die dunkelroten Flächen haben Oberflächentemperaturen von rund 31 Grad Celsius – knapp 2 Grad Celsius über dem langjährigen Mittel.

Auf Grund seiner Dimensionen – "Irmas" Ausmaße entsprechen der Größe Frankreichs – bringt der Sturm auf einer riesigen Fläche heftige Dauerniederschläge, und noch in 100 Kilometer Entfernung zum Zentrum können extreme Windgeschwindigkeiten in Hurrikanstärke auftreten. Rick Scott, der Gouverneur von Florida, fordert deshalb die Bewohner des gesamten Bundesstaats auf, sich auf Evakuierungen vorzubereiten. Mehrere zehntausend Menschen mussten schon die Florida Keys verlassen. In Georgia sind sogar mehrere hunderttausend Bewohner von Küstenorten aufgefordert worden, sich in Sicherheit zu bringen. Um die Wucht "Irmas" zu veranschaulichen: Schon bis zum 6. September hat das Monster mehr "Accumulated Cyclone Energy" (ACE) während seiner Aktivität umgesetzt als die ersten acht benannten Stürme der atlantischen Hurrikansaison zusammen. Mit der ACE beschreiben Meteorologen das zerstörerische Potenzial eines Wirbelsturms.

Dabei gelangt der Hurrikan erst noch in die wärmsten Gewässer seiner Zugbahn: Zwischen Kuba und den Bahamas herrschen gegenwärtig durchschnittliche Wassertemperaturen von mehr als 30 Grad Celsius, 1,8 Grad Celsius mehr als im langjährigen Mittel. "Irmas" Stärke hängt unter anderem mit dieser Wärme des Meers zusammen, die zurzeit außergewöhnlich tief in den Ozean hinunterreicht – bis zu 80 Meter, so die Wetterseite "Weather Underground". Der verdunstete Wasserdampf steigt auf und kondensiert schließlich in größeren Höhen, wenn die Temperaturen sinken. Dadurch bilden sich Wolken, gleichzeitig wird Wärmeenergie freigesetzt, die den Sturm antreibt, weil die Luft weiter aufsteigen kann. Über dem Meer entsteht starker Unterdruck, der noch mehr feuchte Luft ansaugt. Es bilden sich spiralförmige Regenbänder aus, die sich zu drehen beginnen. Während des letzten Messflugs ins Zentrum des Hurrikans am Abend des 7. September maßen Meteorologen einen Luftdruck von 920 Hektopascal, einen der niedrigsten Werte, die in atlantischen Hurrikanen seit Beginn der Satellitenbeobachtung im Jahr 1966 aufgezeichnet wurden.

Prognostizierte Zugbahnen von Irma und Jose (mit Windstärken)
© NOAA National Weather Service National Hurricane Center
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 Bild vergrößernPrognostizierte Zugbahnen von Irma und Jose
"Irma" steuert gegenwärtig direkt auf den Süden Floridas zu. Die Halbinsel läge dann mitten im stärksten Windfeld des Wirbelsturms. Jose schlägt dagegen einen Kurs weiter östlich ein. Er trifft Teile der kleinen Antillen, zieht dann jedoch hinaus auf den Atlantik.

Die Spitzengeschwindigkeiten des Winds haben sich diesen Messungen zufolge zwar etwas abgeschwächt, dafür treten sie in Hurrikanstärke mittlerweile über noch größerer Fläche auf – was auch das Meer auf größerer Fläche aufwühlt und so für Sturmfluten bedeutsam wird. Der Regenschatteneffekt von Hispaniola – die Gebirge der Insel behinderten die Zufuhr feuchter Luftmassen aus dem Süden – dürfte sich "Weather Underground" zufolge am Freitag zudem auflösen. Alles in allem fürchten die Meteorologen, dass "Irma" sich nach der kurzen nächtlichen Abschwächung wieder intensiviert.

Was macht Jose?

Ein Hochdruckrücken auf dem Atlantik beeinflusst "Irmas" Bahn außerdem stärker als gedacht, weshalb der Hurrikan nach den neuesten Prognosen weiter westlich nach Norden ziehen soll, genau über Florida. Sonntagmorgen soll er Südflorida erreichen. Besonderes Augenmerk richten Meteorologen und Ingenieure derzeit auf den Deich am Lake Okeechobee, Schauplatz des zweittödlichsten Hurrikans in der US-Geschichte: 1928 sorgten Sturm und Regen dafür, dass die Deiche überspült wurden; 2500 Menschen starben. Der prognostizierte Regen könnte erneut Druck auf die Deiche ausüben, allerdings liegt der Seepegel wegen einer langen Dürre in Florida unter dem Normalstand. Um das Risiko zu minimieren, haben die Behörden bereits begonnen, Wasser aus dem See zu leiten.

Im Gefolge von "Irma" ist auf dem Atlantik bereits "Jose" unterwegs, ebenfalls ein außergewöhnlicher Sturm: Zusammen mit "Katia" vor der mexikanischen Küste sind damit gegenwärtig drei Hurrikane gleichzeitig im Golf von Mexiko und dem Atlantik aktiv. "Jose" hält sich zudem konstant auf einem etwas südlicheren Kurs als "Irma", als diese durch diesen Teil des Ozeans zog. Dadurch zapft er weiterhin warmes Meerwasser an und wird nicht dadurch schwächer, dass er in den von seinem Vorläufer etwas abgekühlten Bereich gelangt. Die Modellrechnungen zeigen jedoch, dass "Jose" bald in "Irmas" Fahrwasser gelangt und trockenere Luft anzapft, so dass er sich aller Voraussicht nach abschwächen müsste. Dennoch gelangt er am Samstag in die Nähe der Kleinen Antillen, die von "Irma" schwer beeinflusst wurden. Weitere Schäden sind also nicht auszuschließen – selbst wenn das Auge des Sturms weiter nördlich durchzieht. In der Folge soll "Jose" nach Nordosten abzweigen und gen Bermuda wandern, während er sich langsam abschwächt.