Hurrikan "Mitch" war einer der stärksten und tödlichsten Wirbelstürme der letzten Jahrzehnte. Im Oktober 1998 traf er Zentralamerika, und in seinem Gefolge starben mindestens 11 000 Menschen in Honduras, Guatemala und Nicaragua – die meisten wurden Opfer von Landrutschen, die durch extreme Regenfälle ausgelöst worden waren. Innerhalb von nur zehn Tagen prasselten bis zu (offiziell allerdings nicht bestätigte) 1900 Millimeter Niederschlag vom Himmel. Das ist fast doppelt so viel, wie Nicaraguas Hauptstadt Managua sonst in einem Jahr erhält. Doch woher stammen diese Wassermassen, die sich durch Verdunstung im Kerngebiet des Hurrikans allein nicht erklären lassen?

Die russische Geophysikerin Anastassia Makarieva vom Petersburg Nuclear Physics Institute und ihre Kollegen legen dafür in "Atmospheric Research" eine neue Theorie vor. Durchschnittlich produziert ein Hurrikan zwei Millimeter Niederschlag pro Stunde, und das kann tagelang anhalten. Das entspricht jedoch mehr Wasser, als gleichzeitig pro Zeiteinheit aus dem Meer verdunsten könne, so die Forscher – auch wenn der Sturm den Großteil seiner Energie aus diesem Prozess gewinnt. Zudem hätten Studien sich bisher vor allem auf einen Radius von 400 Kilometer um das Zentrum des Hurrikans konzentriert. Maximal 20 Prozent der Niederschläge lassen sich damit erklären, kalkulieren Makarieva und Co.

Die Wissenschaftler haben daher die atmosphärischen Entwicklungen in einem Umkreis von 3000 Kilometern um das Auge betrachtet, etwa Druckgradient, Temperatur und relative Luftfeuchte im gesamten Gebiet. Aus ihren Berechnungen schließen sie, dass Verdunstung selbst auf einer so großen Fläche nicht ausreicht, um die Regenlücke zu schließen. Deshalb analysierten sie im nächsten Schritt alle verfügbaren Luftfeuchtigkeits- und Regendaten von Wirbelstürmen im Nordatlantik zwischen 1998 und 2015 – mit einem erstaunlichen Resultat: Die Wetterungetüme hinterlassen in ihrem Gefolge eine "ausgetrocknete" Atmosphäre. Die Regenwahrscheinlichkeit lag nach Durchzug eines Hurrikans um 40 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt. Nach dem Dauerregen folgte also mit höherer Wahrscheinlichkeit eine trockene Wetterphase.

Makarieva und ihr Team schließen daraus, dass die Wirbelstürme quasi zusätzlich die Feuchtigkeit aus der Atmosphäre in einem großen Umkreis saugen. Das Unwetterpotenzial eines Hurrikans wäre demnach direkt proportional zur Geschwindigkeit des Sturms verglichen mit dem ihn umgebenden Luftstrom. Zudem bezögen die Hurrikane einen Teil ihrer Energie nicht aus der Verdunstung aus dem Meer, sondern durch Kondensation von schon in der Atmosphäre vorhandenem Wasserdampf.

Damit könne auch erklärt werden, warum es vor der brasilianischen Küste fast nie zu Hurrikanen kommt: Dauerhafte landwärts gerichtete Seewinde transportieren die Feuchtigkeit ab und sorgen so dafür, dass potenzielle Wirbelstürme sie nicht aufsaugen können, meinen Makarieva und Co. Kevin Trenberth vom US National Center for Atmospheric Research äußerte sich gegenüber "Physics World" jedoch skeptisch zur Studie: "In meinen Augen betrachten sie Hurrikane nur zweidimensional und zu idealistisch in ihrer Symmetrie. Sie übersehen dabei die Spiralarme, die Feuchtigkeit aus einer Fläche ins Sturmzentrum führen, die viermal so groß ist wie der Radius des Regengebiets. Mit ihrer These können sie nicht erklären, warum auch stationäre oder sehr langsame Hurrikane so starke Niederschläge bringen können."