Coronaviren sind harmlos, Coronaviren sind gefährlich – je nach Standpunkt. Aus Sicht von Seuchenforschern ist diese Virusfamilie ganz weit oben auf der Liste möglicher neuer Pandemien und hat bereits 2003 mit SARS einen brandgefährlichen Erreger hervorgebracht. Auch das aktuelle MERS-Coronavirus beobachten Fachleute sehr genau. Andere Coronaviren wiederum sind uns allen gut bekannt und verursachen die sprichwörtlich harmlose Erkältung, die wir alle mal kriegen – und wieder loswerden. Eine internationale Arbeitsgruppe um Christian Drosten von der Universität Bonn hat nun eine interessante Verbindung zwischen diesen beiden unterschiedlichen Gruppen gefunden. Eines der vier beim Menschen vorkommenden Viren, HCoV-229E, stammt wohl vom Dromedar, genau wie der aktuell grassierende MERS-Erreger. Die Unterschiede zwischen HCoV-229E und seinem Dromedarverwandten geben Einblick in die genetischen Prozesse, durch durch die Erreger bei Tieren wie MERS beim Menschen Pandemien auslösen können.

Drosten und seine Arbeitsgruppe untersuchten das Blut von gut 1000 Dromedaren auf Coronaviren und fanden bei 5,6 Prozent der Tiere Verwandte von HCoV-229E. Wie sich zeigte, sind diese tierischen Viren im Prinzip in der Lage, menschliche Zellen zu infizieren, allerdings nicht besonders gut. Außerdem stellten die Fachleute fest, dass eine Unterpopulation des Dromedarvirus ein gekürztes Gen enthält, das auch im menschlichen Erreger schadhaft ist – noch ist allerdings nicht klar, ob das veränderte Gen eine spezielle Rolle spielt oder schlicht durch Zufall in allen menschlichen Viren dieses Typs auftaucht. Die Parallelen zum MERS-Coronavirus, das Menschen töten kann, sind allerdings eine klare Warnung, dass auch dieser Erreger den Sprung zum Menschen schaffen kann – und dass MERS sich in der globalisierten Welt wie zu Hause fühlt. Schon 2015 verursachte der bisher noch nicht an Menschen angepasste Erreger in Südkorea eine Epidemie, die 36 Todesopfer forderte und zeitweise die Hauptstadt Seoul lahmlegte.