Die vor rund 50 Jahren eingeführte Impfung gegen Masern ist eine der größten Erfolgsgeschichten der modernen Medizin: Sie senkt die Kindersterblichkeit und Erkrankungsrate – und dies sogar über die Erwartungen hinaus. Denn tatsächlich zeigen Beobachtungen aus Masernepidemiegebieten, dass die gezielte Impfung gegen Masernviren nicht nur tödliche Masernfälle zurückdrängt, sondern die Zahl lebensbedrohlicher Infektionserkrankungen insgesamt. Diesen Effekt haben Biologen mit statistischen Methoden und epidemiologischen Daten untersucht. Ihre Erkenntnis: Der Impfstoff bremst die tödlichen Sekundärerkrankungen, die den Masern oft auf dem Fuß folgen können.

Dieser Effekt sei nicht zu unterschätzen, fassen Bryan Grenfell von der Princeton University und seine Kollegen zusammen. Aufschlussreich sei vor allem die Zahl, Schwere und Dauer von Infektionserkrankungen, die sich in von Masernausbrüchen stark betroffenen Gebieten ereignet haben. Gerade in reicheren Ländern nehmen sehr regelmäßig schwere, tödliche Infektionskrankheiten immer dann zu, wenn auch die Zahl der Masernfälle angestiegen ist – sei es saisonbedingt, sei es wegen eines mangelhaften Impfschutzes gegen die Masernviren oder wegen Impfmüdigkeit, wie sie etwa auch in Deutschland vorkommt.

Die Forscher vermuten als Ursache dieses Zusammenhangs einen typischen Sekundäreffekt, der nach einer eigentlich überwundenen Masernerkrankung eintritt: Denn selbst wenn unser Immunsystem die Viren besiegt hat, bleibt es zunächst gefährlich einseitig gegen die Masernattacke gerichtet und öffnet so ein Einfalltor für andere Krankheitserreger. Dies liegt nach Ansicht von Immunologen an einem gefährlichen Mangel an allen Gedächtniszellen des Immunsystems gegen Erreger neben den Masernviren, die sich in gerade genesenen Patienten noch über Monate hinziehen kann. In dieser Zeit einer generellen "Immunamnesie" sind sie dann besonders anfällig. Der Impfstoff – im Prinzip ja eine ungefährliche, absichtlich herbeigeführte Maserninfektion – hat diese Spätfolge für das Immunsystem dagegen nicht.

Der Effekt der Immunamnesie nach einer Masernvirusinfektion erkläre, warum im vergangenen Jahrhundert vor der Einführung der Masernimpfungen etwa in England, Wales und Dänemark nicht nur mehr Menschen an Masern, sondern kurz nach Epidemien auch immer mehr Personen an anderen Infektionserkrankungen gestorben sind – ein Effekt, der in den Gesundheitsstatistiken deutlich abzulesen ist, so die Forscher. Man weiß natürlich, dass sich in allgemein geschwächten Patienten vor allem in armen Ländern Krankheiten besser ausbreiten können – so grassierten etwa in Ebolagebieten schnell zusätzlich die Masern und andere Erreger. Das spezifische Auslösen der fatalen generellen Abwehrschwächung ist aber wohl recht typisch gerade für die Masernviren: Bei Keuchhusten, der keine ähnliche Spätfolgen für das Abwehrsystem des genesenen Patienten hat, war auch kein statistisch auffälliger Anstieg von Sekundärkrankheiten zu finden. Eine Masernimpfung lohne sich also in jedem Fall, konstatieren die Forscher abschließend: Sie verhindert nicht nur die Erkrankung selbst, sondern stärkt die Widerstandsfähigkeit gegen andere Infektionen – und sorgt so für eine sekundär stärkere Herdenimmunität nicht nur gegen den Erreger, gegen den sich das Masernvakzin eigentlich richtet.