Kommentar | 07.08.2013 | Drucken | Teilen

Sportmedizin

In der Dopingfalle

Deutschland, einig Dopingland. Auch in der alten Bundesrepublik wurde jahrzehntelang systematisch Dopingforschung betrieben. Das ist das Fazit der verdienstvollen Studie "Doping in Deutschland". Sie räumt endgültig auf mit der Lebenslüge des vermeintlich sauberen westdeutschen Sports. Und sie illustriert, wie tief Teile der Sportmedizin ins Dopinggeschäft verstrickt waren.
Doping

Seit Montagabend liegt nun immerhin ein gekürzter Abschlussbericht einer Studie von Wissenschaftlern aus Berlin und Münster vor, die aus zahllosen Akten und Zeitzeugengesprächen die Dopinggeschichte der alten Bundesrepublik rekonstruiert haben. Für all diejenigen, die an einen weitgehend sauberen Sport auf der westlichen Seite des eisernen Vorhangs geglaubt haben, ist der Bericht ernüchternd. Allen Beteuerungen von Sportpolitik, Funktionären und Athleten zum Trotz: Doping gehörte seit Gründung des Deutschen Sportbunds im Jahr 1950 dazu.

Marc Scheloske
  Marc Scheloske

Zunächst wurde – weniger planvoll, mehr sporadisch – viel mit Amphetaminen als Aufputschmittel hantiert. Ab den 1960er Jahren rückten dann jedoch die Anabolika in den Fokus, deren Potenzial zunehmend systematisch und organisiert erforscht wurde. Dabei gab es, wie in der Studie nachgezeichnet wird, auch kritische Stimmen. Doch die Trainer und Sportmediziner, die vor möglichen Gesundheitsschäden warnten, zogen den Kürzeren. Mit dem Argument, "internationale Chancengleichheit" herzustellen, behielten die Dopingbefürworter die Oberhand.

Studie: Systematische Dopingforschung auch im Westen

In Freiburg und anderswo wurden nun also wissenschaftliche Studien durchgeführt, die genau ein Ziel hatten: die Erlangung von Knowhow zum effizienten Dopingeinsatz. Die Arbeit der Berliner Historiker illustriert dabei einmal mehr die Doppelzüngigkeit von Politikern und Sportfunktionären. In Grundsatzerklärungen positionierte man sich offiziell gegen Doping, während man gleichzeitig Studien zur Erforschung von anabolen Steroiden oder Wachstumshormonen zur Leistungssteigerung in Auftrag gab.

Wobei, halt, das stimmt so nicht ganz: Von "Leistungssteigerung" war in dem Zusammenhang fast nie die Rede. Vielmehr wurden die Studien als "Grundlagenforschung" verbrämt, oder man bediente sich anderer euphemistischer Konstruktionen. So wurde etwa in den 1980er Jahren den Athleten ganz gezielt ein verschärftes Trainingspensum zugemutet, das zu körperlichen Überlastungssymptomen führte. Darauf reagierte man aber keineswegs mit einer Reduktion der Trainingsbelastung. Vielmehr dienten die Symptome als Rechtfertigung für die Verabreichung von einschlägigen Medikamenten bis hin zu Testosteron. Das alles lief unter halbwegs unverdächtigen Etiketten wie "Substitution" oder "Regeneration". In Wahrheit handelte es sich freilich um handfeste Dopingforschung, die auch Gesundheitsschäden in Kauf nahm. Selbst vor Studien an Jugendlichen und Kindern schreckte man nicht zurück.

Ethik und Verantwortung der Sportmedizin

Solche Beispiele werfen wieder einmal die Frage nach den ethischen Prinzipien der Sportmedizin auf. Die Studie zeigt: Manche Sportärzte sehen sich weniger der Athletengesundheit, sondern mehr der Leistungsoptimierung verpflichtet. Ihrem Selbstverständnis nach begreifen sich solche Mediziner offenbar vor allem als Helfer auf dem Weg zu sportlicher Höchstleistung.

Es ist klar, dass eine solche Haltung kaum mehr mit dem ärztlichen Ethos zu vereinbaren ist. Die Maxime "Wer heilt, hat Recht" gilt in sportmedizinischen Behandlungszimmern anscheinend recht wenig. Stattdessen glänzen die Ärzte mit weniger Skrupeln: "Wer erfolgreiche Athleten produziert, hat Recht!"

Sicher, diese Athleten müssen dabei immer noch mitspielen. Es sind – das ist immerhin ein Trost – in der BRD wohl keine Fälle bekannt, in denen Athleten zum Doping gezwungen wurden. Die Sportler hätten also theoretisch ablehnen können. Doch erwarten wir hier von jungen, talentierten Sportlern nicht fast zu viel?

Denn dass Leistungssportler ganz bewusst auch gesundheitliche Risiken eingehen, ist bekannt. Spitzensportler sind erfolgssüchtig. Für eine olympische Goldmedaille würde – das zeigen mehrere Studien – jeder zweite Topathlet mit seinem Leben bezahlen. 52 Prozent der befragten Athleten gaben etwa in der Goldman-Studie von 1984 zur Antwort, dass sie es in Kauf nehmen würden, innerhalb von fünf Jahren zu sterben, wenn ihnen Doping den Olympiasieg sichern würde. Für Nichtsportler klingt das befremdlich – es ist die Gedankenwelt von Sportjunkies.

Die Frage ist, ob unter solchen Umständen nicht vor allem die betreuenden Ärzte und die Sportmedizin insgesamt in der Verantwortung stehen. Denn machen wir uns nichts vor: Wer dopt, der nimmt gesundheitliche Schäden in Kauf. Wenn dies unter ärztlicher Aufsicht oder gar gezielter Anleitung von Medizinern passiert, dann ist das mit ärztlichen Standesregeln nicht zu vereinbaren.

Im Kampf gegen Doping wäre viel gewonnen, wenn solche Ärzte mit dem Entzug der Approbation rechnen müssten.

© Spektrum.de
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