Rund um das Reizwort Rente rankt sich seit Jahren eine heftig geführte Diskussion: Wie gehen wir damit um, dass wir immer älter werden? Schließlich stehen immer weniger junge Menschen im Arbeitsleben einer wachsenden Zahl nicht mehr Berufstätiger gegenüber, die versorgt werden wollen – und das trotz teils jahrzehntelanger eigener Vorsorge nicht allein stemmen können. Dazu kommt die von allen Seiten forcierte Forderung, sich um die eigene Alterssicherung zu kümmern, um eine drohende Altersarmut abzuwenden – wo bitte, das fragen sich selbst Durchschnittsverdiener, steht die dafür nötige Herde von Goldeseln? Oder besser gleich Eier legender Wollmilchsäue, die verlässlichere Lösungsalternativen gebären könnten.

Doch lässt sich ein 65-Jähriger von heute noch mit den 65-Jährigen vor hundert Jahren vergleichen? Schließlich sind die "Alten" von gestern dank medizinischen Fortschrittes, Lebensstil und -standard weitaus "jünger" und leistungsfähiger als zu früheren Zeiten. Kein Wunder, dass bei den Abhhilfemaßnahmen gegen eine finanzielle Überlastung Jüngerer eine längere Arbeitszeit diskutiert wird. Woran sich gleich die Frage anschließt, ob die herkömmlichen Methoden in der Bevölkerungsstatistik überhaupt noch zeitgemäß sind.

Was ist alt?

Noch immer wird die Alterung einer Population gern daran gemessen, wie hoch der Bevölkerungsanteil der über 60-Jährigen liegt. Und daraus abgeleitet gilt als Geschwindigkeit der Alterung, wie stark dieser Anteil mit den Jahren zunimmt. Das aber spiegele nur eine Seite der Realität wider, geben Wolfgang Lutz und seine Kollegen vom Weltbevölkerungsprogramm des Internationalen Institutes für Angewandte Systemanalyse im österreichischen Laxenburg zu bedenken. Es fehle eben der Aspekt, dass ein 60-Jähriger von heute im Schnitt noch etliche Jahre mehr zu leben hat als ein Gleichaltriger zu Beginn des 20. Jahrhunderts – und man wohl sagen könnte, dass er anders als damals heute noch nicht unbedingt zum "alten Eisen" gehört.

Lutz und seine Mitarbeiter schlagen daher ein neues Konzept zur Alterungsbetrachtung vor. Statt sich auf ein konkretes Lebensdatum zu verlassen, an dem das Altsein beginnt, sei es sinnvoller, die erwartete Zahl noch verbleibender Lebensjahre als Grundlage zu nehmen. Die Demografen denken dabei an eine Grenze bei 15 – "alt" wäre also, wer nach Stand der Sterbetafel noch maximal 15 Lebensjahre vor sich hat. Und das Maß für die Alterung einer Bevölkerung ergäbe sich damit als jener Bevölkerungsanteil, der in diese Gruppe fällt.

Auch beim Median würde sich damit einiges ändern. Derzeit teilt diese auch Zentralwert genannte Größe die Bevölkerung exakt in zwei Hälften und sagt dabei einiges über die Altersstruktur aus: Ein niedriger Median deutet auf einen großen Anteil junger Menschen hin, ein hoher auf einen Älterenüberschuss. Lutz und seine Kollegen machen ihn nun jedoch an der Lebenserwartung fest: Ihr standardisierter Median liegt bei jenem Alter, das eine Person im Jahr 2000 hatte, deren Lebenserwartung mit der eines Vergleichsindividuums übereinstimmt, das im betrachteten Jahr gerade medianen Alters ist. Klingt kompliziert und hat verblüffende Folgen.

Methusalemregion Japan

Denn mit diesen neuen Verfahren kommen Lutz und seine Kollegen für die Bevölkerungsentwicklung des aktuellen Jahrhunderts auf etwas andere Ergebnisse. Bisherige wie neue Rechenverfahren zeigen eine zunehmende Alterung in den nächsten hundert Jahren. Das Ausmaß allerdings fällt recht unterschiedlich aus: Der auf herkömmliche Weise errechnete Median der Weltbevölkerung steigt von 26,6 Jahren im Jahr 2000 über 37,3 Jahre ein halbes Jahrhundert später bis auf 45,6 Jahre zur nächsten Jahrhundertwende. Der standardisierte Median hingegen erreicht über 31,1 Jahre 2050 nur 32,9 Jahre bis 2100 – nur geringfügig weniger, als im Jahr 2005 für China errechnet wurde.

Ähnliches gilt für den Anteil der "alten" Bevölkerung: Die Zahl der über 60-Jährigen wird von zehn Prozent im Jahr 2000 auf 21,8 Prozent für 2050 bis 32,2 Prozent zur Jahrhundertwende wachsen. Geht man im Sinne Lutz' und Kollegen nach der maximal noch 15 Jahre betragenden Lebensspanne, nimmt der Prozentsatz der "Alten" deutlich langsamer zu: von 7,4 Prozent im Jahr 2000 über 12 Prozent fünfzig Jahre später bis hin zu 15,6 Prozent zum Ende des Jahrhunderts. Die Alterung der Bevölkerung in ihrem Sinne verläuft also erheblich langsamer.

Am ältesten werden die Menschen übrigens in der Region Japan und Ozeanien – und diesen Status wird ihnen auch in den kommenden hundert Jahren wohl niemand streitig machen: Wahrscheinlich wird der herkömmliche Median die Altersgrenze 60 Jahre im Laufe des Jahrhunderts überschreiten. Knapp dahinter folgt Europa, während Nordamerika dank Bevölkerungszustroms eine langsamere Alterung erlebt. Wahrscheinlich wird China es sogar um 2030 bis 2040 noch überholen. Insgesamt wird sich die Alterung in den kommenden Jahren zunächst noch weiter beschleunigen, bevor sie sich dann ab 2035 verlangsamt.

Wie sicher ist der Blick in die Zukunft?

Solche Vorhersagen sind natürlich mit einer großen Unsicherheit behaftet. Dass ein Drittel der Bevölkerung in Japan und Ozeanien Mitte des Jahrhunderts über 60 Jahre zählt, sei aber mit 98 Prozent Wahrscheinlichkeit zu erwarten. Für Westeuropa beträgt dieser Wert immerhin 82 Prozent und sogar 69 Prozent für China. Ob Nordamerika diese Grenze bis 2060 überschreitet, lässt sich hingegen nur mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit behaupten.

Ziemlich klar scheint dagegen die Vorhersage für das südliche Afrika: Hier sei selbst bis zur Jahrhundertwende nicht zu erwarten, dass ein Drittel der Menschen mehr als 60 Jahre zählt – schließlich ist aktuell fast die Hälfte der Bevölkerung unter 15. Und die Weltbevölkerung als Ganzes? Hier liegt die kumulative Wahrscheinlichkeit für ein Drittel über 60 bei genau 50 Prozent im Jahr 2100.

Daraus nun zu abzuleiten, das Gerede um die beschleunigte Alterung sei übertrieben, wäre jedoch blauäugig und auch sicher nicht im Sinne der Wissenschaftler. Hier lohnt sich noch einmal der Blick auf Zahlen der Vereinten Nationen vom März 2007: Mitte des Jahrhunderts wird die Zahl der Kinder der gesamten Weltbevölkerung erstmals die der über 60-Jährigen unterschreiten – ein Wechsel, den die Industrieländer bereits Ende der 1990er Jahre erreicht hatten. Zu dieser Zeit, so die Hochrechnungen, werden zwei Milliarden Menschen zu den Älteren zählen. Die Entwicklung verläuft dabei in den Entwicklungsländern schneller als hierzulande – gerade die Ärmsten der Welt haben nicht nur die geringsten Mittel, sondern auch am wenigstens Zeit, sich den Veränderungen zu stellen.

Von wegen Ruhestand

Da insbesondere der Anteil der Hochbetagten wächst, entsteht für die Gesellschaft außerdem nicht nur ein zunehmendes Problem der Rentnerversorgung durch Beschäftigte, sondern fehlt auch die nötige Unterstützung der ältesten Generation durch die eigenen Kinder, die dann bereits selbst im Pensionsalter sind: Kamen 1950 noch weniger als zwei Menschen über 85 auf hundert 50- bis 64-Jährige, liegt das Verhältnis heute bei vier zu hundert und soll bis 2050 auf zwölf pro hundert steigen.

Auf immer mehr Menschen kommt daher im Ruhestand die Pflege der inzwischen sehr alten Eltern zu – kein leichtes Unterfangen, weder hinsichtlich der eigenen körperlichen und seelischen Belastung noch angesichts häufig sehr kostenintensiver Betreuungshilfen. Es reicht daher nicht, einfach nur verschiedene Rentenkonzepte zu diskutieren – um diesen einzigartigen Umbau unserer Bevölkerungsstruktur glimpflich in allen Altersklassen zu überstehen, sind weiter reichende Konzepte gefragt.