Zwischen Island und Sri Lanka sprechen drei Milliarden Menschen eine der rund 400 indoeuropäischen Sprachen. Irgendwann sollte es demnach einmal ein Volk gegeben haben, von dem aus eine Urvariante all dieser Sprachen in die verschiedenen Winkel der Welt gelangte. Woher ihre Sprecher, also die Ur-Indoeuropäer stammten, ist seit langer Zeit heftig umstritten – verschiedene Argumente sprachen für einen Ursprung aller Sprachen in Anatolien, andere für einen in der heute ukrainisch-russische Steppe nördlich vom Schwarzen und Kaspischen Meer. Vertreter dieser zweiten Hypothese bekommen nun Unterstützung durch eine der bis dato umfangreichsten genetischen Untersuchungen an vor tausenden Jahren verstorbenen Europäern.

Großstudien wie diese – extrahiert, untersucht und analysiert wurden immerhin die DNA-Reste von knapp 100 vor 3000 bis 8000 Jahren begrabenen Menschen unterschiedlichster Kulturen – sind nur durch intensive internationale Zusammenarbeit möglich; beteiligt waren hier unter Federführung des aktuellen Doyen des Fachs, David Reich von der Harvard Medical School, auch Forscher des frisch gegründeten Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena. Experten und eine stetig wachsende Gemeinde von an der genetischen Vergangenheit Europas interessierten Laien warten auf jede auch kleinere Analyse alter DNA-Spuren: Denn bisher mussten sie sich mit zwar ausgefeilten, aber doch recht theoretischen Modellen über die mannigfaltigen Wanderungsbewegungen und Vermischungen der Völker Europas seit der Steinzeit zufriedengeben, die man aus den modernen Genen der heute in Europa lebenden Menschen zurückrechnet und herausdestilliert. Die Theorien über die Entwicklung europäischer Kulturen können aber nur durch den Vergleich alter Gene von damals Lebenden handfest abgesichert werden. Entsprechend großes Hallo erntete die neue Genstudie, als vor drei Wochen erste Ergebnisse auf einem Vortrag von David Reich durchsickerten und bald danach auf dem "Bioxiv"-Vorveröffentlichungsserver publiziert wurden.

Schnurkeramik-Grab: Vater, Mutter und Kinder
© LDA Sachsen-Anhalt /A. Hoerentrup
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Eine Vierfachbestattung von Vater, Mutter und zwei Söhnen bei Naumburg im Burgenlandkreis, Sachsen-Anhalt. Die Familie lebte in der Schnurkermischen Kultur, die von zirka 2659 bis 2501 v. Chr. in Mitteleuropa dominierte.

Ihre Kernaussage bestätigt eine geradezu umwälzende Wanderungsbewegung, bei der Menschen vor etwa 4500 Jahren typische Gensignaturen aus dem Osten in die Mitte Europas trugen. Dabei erscheint der Fortschritt dieser Gruppe spektakulär erfolgreich: Ihre Gene und offenbar irgendein technologischer oder kultureller Vorteil verdrängten ältere Siedlungspuren. Tat das auch die Sprache der Einwanderer? Und handelte es sich um das lange gesuchte Ur-Indoeuropäisch?

Genetischer Beweis – oder am Thema vorbei?

Gene aus alten Grabknochen verraten nicht viel darüber, welche Sprachen der Verstorbene einst beherrschte. Aber: Ungefähr zu der Zeit der nun auch genetisch festgezurrten Einwandererwelle vermuten einige Linguisten nach ihren sprachgeschichtlichen Analysen tatsächlich die Ausbreitung des Indoeuropäischen. Und Archäologen kennen aus vielen Funden ohnehin seit Langem auch eine zeitgleich am Ende des Neolithikums mit Macht vordrängende Kultur, die Schnurkeramiker. Die Vordenker dieser Schnurkeramiker und ihre Sprache könnten tatsächlich recht gut kupfersteinzeitliche Völker vom Nordrand des Schwarzen Meers gewesen sein: Rund drei Viertel der untersuchten Gensignaturen stimmen überein und belegen, dass in der Steppe im Umfeld verschiedener Grubengrabkulturen vor rund 5000 Jahren Vorfahren der später nach Europa vordringenden Menschen gelebt hatten. Dies stützt die modernen Varianten der lange umstrittenen, einst fast zu Tode diskutierten und zeitweise als überholt angesehenen "Kurgan-Hypothese".

Frauengrab aus der Kupferzeit
© LDA Sachsen-Anhalt
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Sie und ihre modernen, im Detail abweichenden Abwandlungen postulierten, dass sich einst die Steppenbesiedler aus ungeklärter Ursache (eine lokale Klimaveränderung?) in großer Zahl auf eine lange dauernde Bewegung gen Westen gemacht haben und ihre Sprache (Proto-Indoeuropäisch?) sowie ihre Lebensart (eine sehr hierarchisch-patriachische Organisation?) mit sich führten. Die sesshaften, waffentechnologisch womöglich unterlegenen Einheimischen schienen den aus Osten über den Balkan und die Flusstäler allmählich vordringenden Steppenbewohnern jedenfalls wenig entgegenzusetzen: Sie wurden zum Großteil absorbiert – was nun die modernen genetischen Untersuchungen tatsächlich belegen.

Denn bis tief nach Mitteleuropa haben die Schnurkeramikergene die genetische Landkarte Europas verändert: Heute finden sich nur noch wenige Spuren der früheren europäischen Siedler, die in der Jungsteinzeit von Spanien bis Ungarn mit einer einheitlichen Genlandschaft dominiert hatten. Ihre Vorfahren waren zu Beginn der neolithischen Revolution – also Jahrtausende vor den Steppenkeramikern – in der ersten spektakulären Einwanderungswelle aus dem Nahen Osten heraus nach Europa geströmt und hatten damals die noch aus der Eiszeit übrig gebliebenen Jäger und Sammler an den Rand gedrängt. Spätestens die Schnurkeramiker mit Steppenmigrationshintergrund aus dem Osten, vielleicht auch die Konkurrenzkultur der ebenfalls spektakulär erfolgreichen Glockenbechermenschen aus Südwesten oder sogar schon früher ein Comeback der alten mesolithischen Jäger- und Sammlergene aus der europäischen Peripherie haben jedenfalls die Gensignaturen der einst so weit verbreiteten neolithischen Einwandererschicht ausgestochen.

Ende und Erbe der Ur-Farmer

Mit den alten, verschwundenen ersten Bauern aus dem Neolithikum verbindet sich aber auch die Alternativhypothese zur nun gestützten Steppen-Theorie der Indoeuropäer-Herkunft: die Anatolien-Hypothese, wonach das Indoeuropäische mitsamt den ersten Neolithikern aus dem Nahen Ostern und Anatolien gen Europa vorgedrungen ist. Das Indoeuropäische wäre demnach älter und vor 7000 bis 8000 Jahren nach Europa importiert worden – wohl aus einem alten Schmelztiegel der Sprachen in Anatolien und Armenien heraus, den einige Linguisten heute noch auszumachen glauben. Zudem ist unter Linguisten heftig umstritten, wie alt das Indogermaische tatsächlich ist: Verschiedene Gruppen meinten, es sei durchaus schon alt genug, um mit der neolithischen Revolution aus Anatolien gekommen zu sein. Allerdings könnte es natürlich auch lange schon in der Steppe existiert haben, bevor die Menschen von dort aufbrachen.

Die neuen Genanalysen widerlegen die Anatolien-Hypothese jedenfalls nicht definitiv – Knochen und Gene kennen ja keine Sprache –, sie passen aber wohl doch eher zur Steppen-Theorie. Denn wenn die alten Neolithiker verdrängt wurden – warum sollten die neuen dynamischen Herren deren alte Sprache übernehmen? Und verdrängt wurden die einst so erfolgreichen Jungsteinzeitmenschen eindeutig, wie sich erneut bestätigt hat. Man erkennt das auch daran, dass die ersten Bauern Europas noch keine genetische Spur jener sehr alten Menschengruppe aus dem Fernen Osten aufweisen, die in modernen Europäern noch heute zu finden ist – einer Gensignatur, die erst mit den Schnurkeramikern nach Europa gelangte. Aus dem Pool dieser noch zum Gutteil mysteriösen, alten östlichen Menschengruppe speist sich auch eine merkwürdige "europäische" Gensignatur, die ebenso in den Indianern Nordamerikas zu erkennen ist: Die aus Sibirien kommenden Besiedler Amerikas haben sie viele Jahrtausende vor Kolumbus in die Neue Welt getragen. Das Indoeuropäische konnten sie nicht mitnehmen: Es entstand erst einige Jahrtausende nach dem Aufbruch der eurosibirischen Protoindianer – wahrscheinlich in der eurasischen Steppe.