Sie sind nur so groß wie ein menschlicher Finger – aber sie leuchten blau, und sie sind viele. 60 000 Feuerwalzen hatten Biologen der US-amerikanischen Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA binnen fünf Minuten im Netz, als sie Anfang Mai vor der Küste Oregons mit ihrem Forschungsschiff RV Bell M. Shimada unterwegs waren. So macht das kleine, transparente Meereswesen namens Pyrosoma atlanticum vor der US-Westküste Schlagzeilen.

Pyrosomen sind keine Einzeltiere, sondern Kolonien kleiner Vielzeller, vergleichbar mit einer Koralle. Ihr einfach gebauter Geleekörper ist hohl, an einer Seite geschlossen und außen mit kleinen Buckeln besetzt. Die frei im Meer schwebenden Wesen leben vor allem in wärmeren Meeresgebieten und gelten vor Oregon als so selten wie Einhörner. Allerdings nicht an Bord des Forschungsschiffes. Die Masse der gallertigen Walzen hatte das Schleppnetz bis an die Belastungsgrenze gefüllt: Mehrere Stunden lang sortierten die Wissenschaftler aus ihrem gewaltigen Fang die wenigen Fische heraus.

Bereits im Februar überraschten die leuchtenden Exoten die Biologen und Fischer vor Oregon und Alaska. Im Mai zeigte ein Unterwasservideo der Shimada die Ausbreitung der Geleetiere über weite Teile der Meeresoberfläche und bis in 100 Meter Tiefe. Michael Milstein von der US-amerikanischen Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA fand klare Worte: "Nennt es die Invasion der Feuerwalzen."

Der Meeresbiologe Ric Brodeur arbeitet seit 30 Jahren vor Oregon, vor 2014 hat er diese Tierkolonien in der Region noch nie gesehen: "Wir haben viele Fragen und nicht viele Antworten", erklärt der NOAA-Wissenschaftler. "Wir sammeln jetzt so viele Informationen wie möglich, um zu verstehen, was da draußen vorgeht und warum."

Geleegebilde irritieren die Westküste

Während die Meeresforscher die Feuerwalzen zählen, vermessen, wiegen und dokumentieren, stöhnen die Fischer darüber. Die Geleewalzen füllen die Netze, die eigentlich für Schrimps gedacht sind, und besetzen die Haken, so dass keine Lachse mehr anbeißen können. Außerdem sind ihnen die leuchtenden Fremdlinge unheimlich. So erzählte der Fischer Don Jeske in Alaska der örtlichen Presse, er würde seit 50 Jahren vor Sitka in Südalaska Lachs fischen, aber so etwas habe er noch nie gesehen: "Sie waren überall da draußen. Das sind seltsame Tiere, Mann."

Seit 2015 fragen irritierte Fischer und Strandspaziergänger in Oregon und Alaska die Biologen nach den bizarren Strukturen mit dem unheimlichen Leuchten. Die Pyrosoma-atlanticum-Exemplare vor Oregon sind meist vier bis sechs Zentimeter groß, manche erreichen aber auch kapitale 78 Zentimeter. Sie gehören, wie Quallen, zum gelatinösen Plankton. Am Strand angespült, fallen die Geleetuben schnell in sich zusammen, und ihre Leuchtkraft schwindet dahin – das unwirklich bläuliche Licht wird durch Leuchtbakterien erzeugt, die nach der Strandung ebenfalls sterben. Die ganze Kolonie aus Tausenden von Tieren wird zu einem schlaffen, durchsichtigen Schlauch.

Normalerweise lebt Pyrosoma atlanticum in wärmeren Meeresgebieten, etwa vor der südkalifornischen Küste oder auch im Atlantik. In der gallertigen Masse jeder Feuerwalze sind winzige Strukturen erkennbar – jeder Schlauch ist eine ganze Kolonie aus mehreren Tausend der winzigen Salpen. Die Individuen dieser Tiergemeinschaft sind Klone, sie vermehren sich asexuell. Treffen sich mehrere Feuerwalzen, können sie sich aber auch sexuell fortpflanzen.

Angetrieben von den Meeresströmungen und den winzigen Flimmerhärchen schwebt die Salpenkolonie durch den Ozean. Die Flimmerhärchen sorgen auch für einen stetigen Wasserstrom im Innern des Tubus, dort fischt jede Salpe mit einem Schleimnetz nach winzigen Meeresalgen, vergleichbar den Tentakeln der oberflächlich ähnlichen Quallen. Salpen gehören jedoch zu einer ganz anderen Tiergruppe als Quallen – sie sind Chordatiere wie die Säugetiere. Allerdings sind sie eher weitläufig mit uns verwandt.

"The Blob" brachte die Feuerwalzen

Das massenhafte Auftauchen der gallertigen Invasoren ist ein Anzeichen für Veränderungen im ökologischen Gefüge des Nordpazifiks – darin sind sich die NOAA-Wissenschaftler einig. Von 2014 bis 2016 war es dort wesentlich wärmer als normalerweise, erklärt Keith Sakuma. Eine große Warmwasserblase, "The Blob" genannt, hatte sich nach Norden bis vor die Küste Alaskas geschoben. In dem viel zu warmen Meeresbereich waren Haie, Tunfische und andere Warmwasserfische bis an die Küste Alaskas geschwommen; gleichzeitig blühten Rotalgen auf und vergifteten Buckelwale, Seelöwen und Otter.

Jetzt gehen die Meerestemperaturen im Nordpazifik wieder auf Normalwerte zurück, und ausgerechnet nun tauchen die gallertigen Massen von Feuerwalzen auf. "Im Moment sind die ozeanischen Bedingungen für die Feuerwalzen offenbar perfekt", stellt Samantha Zeman fest. Welche Bedingungen das genau sind, weiß allerdings noch niemand. "Bis jetzt wissen wir nur, dass Pyrosomen schnell wachsen können."

Nicht nur vor Oregon und Südalaska verändert sich das Ökosystem massiv, sondern auch vor Südkalifornien. Dort gehören die Pyrosomen zum normalen Artenspektrum, sie sind aber selten. Seit 2014 werden sie jedoch immer häufiger, erzählt Keith Sakuma. Besonders interessant ist für ihn, dass die gelatinösen Walzen in diesem Jahr vor allem in südkalifornischen Gewässern in großen Mengen im Meer schweben, nicht aber in mittel- und nordkalifornischen Meeresregionen. Außerdem sind die südkalifornischen Salpenkolonien mit 20 bis 25 Millimetern wesentlich kleiner als ihre Artgenossen im kühleren Nordpazifik.

Welche Auswirkungen die Feuerwalzenmassen auf das gesamte ökologische Gefüge haben werden, kann noch niemand abschätzen. Allerdings sind sie sehr effektive Filtrierer, sagt Keith Sakuma. Theoretisch könnten sie anderen Phytoplankton-Fressern wie den Krillkrebsen und Sardellenlarven das Futter wegnehmen. Krill und Sardellen wiederum ernähren Wale, Seevögel und auch wirtschaftlich wichtige Fische wie den Lachs.

Pyrosom-Prognosen

Die Massenblüte der Pyrosomen ist ein Mysterium des Meeres. Die Gallertgemeinschaften vermehren sich offenbar recht schnell, ihre Lebensdauer aber ist unbekannt. Theoretisch könnte auf das massenhafte Wachstum ein massenhaftes Sterben folgen, spätestens wenn die Algen abgeweidet sind. Vor der Elfenbeinküste im Atlantik haben Wissenschaftler ein solches Ereignis beobachtet: Die Massen der gelatinösen toten Tierkörper sind zum Meeresboden gesunken. In der Tiefsee, wo meist Nahrungsmangel herrscht, war dieser "jelly fall" ein gefundenes Fressen für viele Bodenbewohner.

Das könnte in den Meeresgebieten vor der US-Westküste mit ihren Tiefseeschluchten auch passieren. Dann würden sich die Fische, Krebse und anderen Meeresbewohner am proteinreichen Pyrosomen-Gelee satt fressen, und so können sich auch Fischer über gut genährte Fische freuen. Ob damit aber die Ursachen der Invasion verschwunden sind, bezweifeln Fachleute eher. "Von Pyrosoma atlanticum haben wir garantiert nicht zum letzten Mal gehört", schrieb Samantha Zeman im Februar: "Stay tuned!"