Aktualisierung: Die Nachrichten aus der schwer umkämpften Region im Nordirak sind kaum überschaubar. Offensichtlich kontrollieren weiterhin kurdische Einheiten den Mossul-Damm, wie dieses Video belegen soll. Die Gefährdungslage ist aber unverändert sehr hoch.

Am Wochenende ist es der islamistischen ISIS-Miliz womöglich gelungen, den Mossul-Staudamm am Fluss Tigris einzunehmen. Das Sperrwerk im Nordirak gilt wegen seines instabilen Untergrunds als "gefährlichster Staudamm der Welt", so eine Stellungnahme des US Army Corps of Engineers aus dem Jahr 2007: Damals wurde das Bauwerk eingehend untersucht, da es für die Wasser- und Stromversorgung des Iraks von zentraler Bedeutung ist. Zugleich besteht ein hohes Risiko, dass der Damm bricht – eine riesige Flutwelle wäre die Folge, die große Städte wie Mossul und sogar Bagdad meterhoch überfluten würde.

Aufbau des Mossul-Stauwerks
© US Army Corps of Engineers
(Ausschnitt)
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Der Damm besteht aus einem Erdwall mit Tonkern, durch den wiederum ein betonierter Gang führt. Dieser dient dazu, beständig Beton in den Untergrund zu pumpen, um Senklöcher aufzufüllen. Ein Dammbruch würde zehntausende Menschenleben gefährden, so Schätzungen.

Errichtet wurde der Staudamm zwischen 1980 und 1985 von der Hochtief Aktiengesellschaft. Das Wasserkraftwerk besteht aus vier Turbinen mit einer Leistung von insgesamt 750 Megawatt; dazu soll das Sperrwerk die Trinkwasserversorgung sicherstellen und Bewässerungslandwirtschaft ermöglichen. Der 700 Meter breite und 135 hohe Damm selbst besteht aus einem Erdwall mit eingelagertem Tonkern und staut bis zu 12 Millionen Kubikmeter Wasser auf. Extrem problematisch ist allerdings der Standort des Bauwerks. "Aus geologischer Sicht ist der Untergrund sehr schlecht und Hauptanlass für dauerhaft schwere Sicherheitsbedenken", hieß es damals im Ingenieursbericht.

Wasserlöslicher Untergrund

Der Damm ruht demnach auf einer komplexen Abfolge aus Gips-, Anhydrit-, Kalkmergel- und Kalksteinlagen, die allesamt wasserlöslich sind und vom versickernden Wasser des Stausees auch kontinuierlich angegriffen werden. Dadurch entstehen permanent Hohlräume unterhalb der Infrastruktur und des künstlichen Sees, durch die weiteres Wasser nachströmen kann, was die Löcher und Kanäle im Boden weiter vergrößert. Um Sackungen des Erdwalls zu verhindern, hat Hochtief bereits während der Bauphase eine Art Nachverpressungsgang angelegt, durch den permanent Füllmaterial in den Untergrund gepumpt wird. Dieses Gemisch vor allem aus Wasser, Zement und Sand soll die sich öffnenden Risse, Kanäle und Höhlungen verfüllen und versiegeln – was laut Ingenieursmeinung bei konstantem Betrieb die Sicherheit des Damms gewährleisten sollte. Allerdings müssen die Betonpumpen ständig laufen, da sich das Wasser stets neue Wege sucht, sobald ihm an einer Stelle der Weg versperrt wurde – konstant 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche, wie die "Washington Post" 2007 schrieb, als der Bericht erschien. Allein bis 2011 wurden etwa 50 000 Tonnen Füllmaterial in die Tiefe geleitet.

Die Kriege der letzten Jahrzehnte sorgten jedoch dafür, dass die Verfugung nicht konstant in hoher Qualität durchgeführt wurde. Deshalb hätte sich die Verkarstung – also die Entstehung von Senklöchern und andere Folgen – seit einiger Zeit verstärkt, so ein neuer Bericht aus diesem Jahr von Sven Knutsson von der Lulea University of Technology in Schweden und seinen Kollegen. Jeden Tag würden demnach 40 bis 80 Tonnen weggespült; im Reservoir selbst treten ebenfalls große Absenkungen auf. Manche davon haben einen Durchmesser von bis zu 20 Metern und eine Tiefe von knapp 10 Metern, die sich kontinuierlich zu vergrößern scheinen. Problematisch sind laut Knutsson und Co vor allem die untersten Anhydrit-Gips-Schichten, die immer wieder neu verfüllt werden müssen, weil die Löcher auch nach dem Vermörteln weiterwachsen und wieder Beton aufnehmen können. Zudem ist nicht ausgeschlossen, dass auch die Füllmasse erodiert und ausgewaschen wird. Schwefelhaltiges Wasser kann den Zement angreifen und porös machen, hoher Wasserdruck noch nicht ausgehärtetes Material davonschwemmen. "Wir wissen nicht, ob gerade am Damm gearbeitet wird. Niemand hat sich auf unsere Anfragen gemeldet, seit die jüngsten Auseinandersetzungen begannen", sagt Nadhir Al-Ansari von der Lulea University of Technology.

Allerdings – und das ist die gute Nachricht – scheinen Absenkbewegungen den Damm selbst noch nicht in Mitleidenschaft gezogen zu haben. Knutssons Team konnte keine Unregelmäßigkeiten am Gebilde feststellen: Die Deichkrone verläuft einheitlich, der Bereich flussaufwärts wirkt unbeschädigt. Flussabwärts sei ebenfalls noch kein geophysikalischer Stress an der Dammwand feststellbar, die Verfüllungen sichern also zumindest im Moment noch das Bauwerk.

Katastrophale Folgen

Ein Bruch des Mossul-Stauwerks hätte jedenfalls verheerende Folgen: Die namensgebende Millionenstadt Mossul liegt nur 60 Kilometer unterhalb des Damms, die erste Flutwelle würde sie nach spätestens drei Stunden erreichen, der Scheitel der Flut nach neun Stunden. Auf dem Höhepunkt der Welle würden große Teile der Stadt unter 20 Meter Wasser verschwinden – vor dem Einmarsch der ISIS-Milizen, die viele Einwohner in die Flucht schlugen, wären zwei Millionen Menschen betroffen gewesen. Vier Tage später erreichten die Wassermassen schließlich Bagdad, wo der Tigris immer noch um vier Meter ansteigen würde. Etwa 500 000 Menschen könnten dadurch ums Leben kommen, weitere Zehntausende anschließend durch Hunger und Krankheiten, die von verseuchtem Wasser ausgelöst werden. Aufhalten könnte die Fluten der 40 Kilometer flussabwärts geplante Badush-Damm, der jedoch noch lange nicht fertig gestellt ist: Erst 40 Prozent des Stauwerks stehen.

Deshalb mehren sich nun die Befürchtungen, dass ISIS entweder die Erhaltungsarbeiten mangels vorhandenem Sachverstand nicht mehr weiter fortsetzen kann oder den Stausee sogar aktiv als Waffe einsetzt. Laut einer Reportage des US National Public Radio aus der Region sollen sich in den Reihen der Miliz allerdings Wasserbauingenieure befinden, die früher unter dem irakischen Diktator Saddam Hussein gearbeitet haben und zumindest Erfahrung auf dem Gebiet aufweisen. Während des Kampfs um Mossul missbrauchte ISIS angeblich die Wasserversorgung und schnitt feindliche, noch nicht eroberte Stadtteile vom Lebenselixier systematisch ab. Anschließend reparierten Milizangehörige beschädigte Leitungen wieder. "Ohne Unterhaltungsarbeiten übersteht der Damm vielleicht drei Monate, aber niemand weiß etwas genaues", so der Professor für Ingenieurswesen Al-Ansari.

Bereits beim Kampf um die zentralirakischen Städte Falludscha und Ramadi hatte ISIS ebenfalls versucht, Wasser im Sinne der Extremisten zu nutzen: Sie hatten einen Durchfluss mit einem kleinen Damm gestoppt, um Falludscha und weiter flussabwärts Bagdad einen Teil des Wassers abzudrehen. Dabei wurden große Flächen im Umfeld des Damms überflutet und tausende Menschen aus ihren Häusern vertrieben; Ernten gingen zu Grunde, und lokale Trinkwasserbrunnen wurden verseucht, so dass den verbliebenen Anwohnern kein sauberes Wasser mehr zu Verfügung stand.

Nicht auszuschließen ist daher, dass ISIS den Mossul-Damm vermint, um ihn im Ernstfall zu sprengen, etwa wenn irakische Armeeeinheiten oder kurdische Peschmerga – die bewaffneten Einheiten der Kurden – erfolgreich gegen Mossul vorrücken. Diese Gefahr bestand wohl schon während des letzten Irakkriegs 2003, als Saddam Husseins Truppen ebenfalls über eine Sprengung nachgedacht haben sollen. Damals sicherten die Kurden den Damm – dieses Wochenende dagegen flohen sie zumindest aus umliegenden Städten vor der Feuerkraft der fanatischen Milizen.