Mit großem Eifer suchen Astronomen nach Planet X, einem mysteriösen Riesenplaneten am Rand des Sonnensystems, der auf einer stark elliptischen Bahn um die Sonne laufen soll, weit jenseits von Neptun und Pluto. Doch nun legt eine neue Studie nahe, dass die Wissenschaftler einem Phantom nachjagen: Möglicherweise haben sie bisher kleinere Himmelskörper im Kuipergürtel übersehen, deren Existenz Planet X hinfällig machen würde.

Im Jahr 2016 war den Astronomen Konstantin Batygin und Michael Brown eine Unstimmigkeit bei sechs Objekten am Rand des Sonnensystems aufgefallen: Die eiskalten, bis zu 500 Kilometer großen Brocken aus Gestein und Eis laufen auf lang gezogenen, stark elliptischen Bahnen um die Sonne, die kurioserweise alle ähnlich ausgerichtet sind. Das ließe sich mit einem bisher unbekannten Planeten erklären, dessen Schwerkraft die transneptunischen Objekte auf diese Bahnen zwingt, argumentierten Batygin und Brown.

Aber bisher haben Astronomen Planet X, der oft auch "Planet Neun" genannt wird, nicht entdeckt. Mit Teleskopen ist es sehr schwierig, Himmelskörper in so großer Entfernung von der Sonne nachzuweisen. Seit Längerem steht deshalb auch die Vermutung im Raum, dass die transneptunischen Objekte, auf denen die Hypothese von Batygin und Brown fußt, nicht repräsentativ sind: Möglicherweise hat man Himmelskörper mit anders orientierten Umlaufbahnen, welche die Existenz von Planet X hinfällig machen würden, einfach noch nicht aufgespürt. Dies wäre zum Beispiel dann denkbar, wenn Objekte mit solchen Orbits schwieriger nachzuweisen wären als die bisher entdeckten Transneptune.

800 bislang unbekannte Himmelskörper

Die Studie eines internationalen Forscherteams um Cory Shankman von der University of Victoria in British Columbia stärkt nun diese Vermutung: Vier Jahre lang durchforsteten die Astronomen das äußere Sonnensystem und spürten mit dem Canada-France-Hawaii Telescope mehr als 800 bisher unbekannte transneptunische Objekte auf. Die Forscher entdeckten dabei auch acht Himmelskörper, die ähnlich lang gezogene Umlaufbahnen haben wie die sechs Felsbrocken, die als Indiz für Planet X gehandelt werden.

Die Orbits der Neulinge sind allerdings mitnichten alle in eine ähnliche Richtung ausgerichtet. Eines der Objekte weist sogar eine Umlaufbahn auf, die völlig anders orientiert ist als die jener Himmelskörper, die als Kronzeugen für Planet X fungieren. Das Objekt habe man aber nur mit Mühe nachweisen können, weshalb es noch mehr von ihnen geben könne, mutmaßen die Forscher.

Generell habe die OSSOS-Suchkampagne (Outer Solar System Origins Survey) gezeigt, dass die systematischen Fehler bei der Suche nach Objekten jenseits von Pluto und Neptun erheblich sind. So ließen sich zum Beispiel manche Regionen des Sonnensystems während bestimmter Jahreszeiten nur schlecht beobachten oder werden von hellen Sternen im Hintergrund überstrahlt.

Damit nimmt die Diskussion um Planet X Fahrt auf. Mittlerweile haben sich seine Verfechter zu Wort gemeldet und führen weitere Argumente für den Riesenplaneten ins Feld. Und Michael Brown sagte der Zeitschrift "Science": Die Analysen, auf denen die Planet-X-Vermutung basiere, wiesen keinesfalls vergleichbare systematische Fehler wie die OSSOS-Suchkampagne auf.