Der nur auf Madagaskar heimische Madagaskarhabicht (Accipiter henstii) macht es allen Vogelfreunden schwer, die sich für das Lebensweise der Tiere interessieren: Man ahnt, dass er sich vor allem an fließenden Gewässern im dichten Primärwald aufhält und sieht ihn gelegentlich hoch oben in der Luft kreisend. Über seine Brut- und Nistzeit und alles, was er hinter dem Blattwerk der Bäume verborgen treibt, spekulieren die Wissenschaftler größtenteils nur. Wenn man den Vogel zufällig und mit Mühe erspäht, dann sitzt er oft regungslos auf dem Ansitz eines Baums, und selbst ein Nest zu finden, dauert gelegentlich Wochen. Kurz: "Einen Madagaskarhabicht zu beobachten ist harte Arbeit", fasst Brooke Crowley von der University of Cincinnati zusammen. Zum Glück präsentiert sie im "Wildlife Society Bulletin" einen hilfreichen Hightech-Ausweg für alle Habicht-Interessierten: Das gezielte Tracken der Strontium-Isotopenspur, die alles Leben hinterlässt.

Die Forscherin verglich mit ihrem Team das Verhältnis der Strontium-Isotope mit den Massenzahlen 86 und 87 in den Überresten von 19 Lemuren, die in vier Nestern der Vögel verspeist worden waren. Strontium ist ein Spurenelement, das im Wesentlichen aus Nahrung und Trinkwasser stammt und wenn es von Organismen aufgenommen wird, etwa in Knochen und Gewebe eingebaut wird. Auch nach dem Tod verrät das Isotopenverhältnis dann, in welchem geochemischen Gegebenheiten vor Ort das Tier gelebt hat. Zudem erstellten die Habichtforscher aus Blattproben eine recht genaue Isotopenkarte der gesamten Region. So ließ sich dann ermitteln, wo die geschlagenen Lemuren herstammten. Am Ende gewannen die Forscher ein eindeutiges Bild vom Jagdverhalten der Habichte: Sie holen ihre Beute ausschließlich in den tieferen Höhenlagen des Waldes.

Das bedeutet allerdings auch, dass die Beute der Vögel knapp werden könnte. Denn gerade in die tiefer gelegenen Randzonen des Madagaskarwaldes frisst sich vermehrt landwirtschaftlich genutzte Fläche, was die ansässigen Lemuren vertreibt. Zudem werden die traditionell zu den Halbaffen gezählten Feuchtnasenprímaten auch zunehmend von Menschen gejagt – anders als früher, wo die Bevölkerung das Erlegen der koboldartig-menschenähnlichen Lemuren als Tabu betrachtet hatte.